MoPo und Spiegel Online: Hauptsache "Crossmedial"

Journalismus muss jede Sekunde neu definiert werden. Multimedial und jeder Schnickschnack muss enthalten sein; alles was die Technikpalette hergibt.

Inhalt?
Korrekte Recherche?
Verständnis vom Thema?

Nein.

Wenigstens Ahnung vom Thema?

Wozu?

Der Leser goutiert es eh nicht.

Gestern gingen gleich zwei Möchte-Gern-Zukunftsjournalismus-wegweisende-Projekte „crossmedial“ online:

Spiegel Online mit einer umfangreichen Mafia-Reportage (Recherchepool von Funke-Investigativ-Ressort und WDR), sowie die Berliner Morgenpost mit einer Daten-Visualisierung mit Ton unterlegt.

Beides haut mich nicht vom Hocker. Mafia ist nicht mein Thema und wird es auch nicht nach Text und Video, und Text und Video, und Text und Video usw. Ebenso ist die Innovation des MoPo-Beitrages mir nicht ersichtlich. Ähnlich animierte Grafiken über tatsächlich geflogene Flugrouten gibt es in der Flugsicherung schon seit Jahrzehnten (Stanly, Fanomos). Da ist nichts neu daran.

––– Bewegte Bilder mit Ton?
Ach herrje. Diese zukunftsweisende Neuigkeit …ist aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts.

Schlimmer aber ist – und deshalb ist das Ganze hier einen Beitrag wert – der Inhalt des MoPo-Beitrages. Während sich die Journaille-Szene an der „wunderbaren Crossmedialiät“ der beiden genannten „Stories“ erfreut, hinterfragt keiner mehr den Wahrheitsgehalt des Betrages.

Wozu auch. Der Leser… siehe oben…

Nun zum Inhalt des MoPo-Beitrages und dessen Richtigstellung

Hier reicht es nicht, die mangelde Qualität von Journalisten zu bedauern – hier müßte man mit Klage und Strafandrohung bei Wiederholung tätig werden – oder mit einer Gegen- darstellung in einem tradi- tionellen Massenmedium – ich wüßte aber keines, das sich dafür engagieren würde. („Peter aus KW“)

Zu Beginn erzählt die Sprecherin, dass es prinzipiell erlaubt sei, ab einer Höhe von 1500 Meter (5000 Fuß) eine Flugroute (gemeint ist hier genauer gesagt, eine Abflugstrecke (SID, Standard Instrument Departure)) zu verlassen. Diese Aussage ist so noch korrekt.

Ab 5000 Fuß können die SIDs ohne besonderen Grund verlassen werden. Die Initiative dazu kann sowohl von der Cockpit Crew als auch vom Fluglotsen erfolgen. In der Regel vereinfacht ein so genannter Direct (Direktes Routing ohne Kreuz- und Querfliegen und damit ohne weiterem, unnötigem Überfliegen von Gebieten) die Arbeit auf beiden Seiten.

Im nächsten Satz erzählt die Sprecherin, dass ein Verlassen der Route unterhalb von 1500 Meter eigentlich verboten ist. Auch das ist prinzipiell korrekt, doch wird peinlichst vermieden, zu erklären, was hinter dem Ausdruck eigentlich steckt. Dies zu Erörtern ist aber wichtig, um etwaige Abweichungen zu verstehen und bewerten zu können. Dazu später mehr.

Was jetzt aber in der Grafik gemacht wird, schlägt dem Fass den Boden aus. Es werden plötzlich alle Flugwege, bei denen das Flugzeug irgendwann die SID verlässt, in Rot dargestellt, also auch diejenigen, die erst nach dem Passieren von 1500 Meter die Route verlassen. Somit wird hintenrum nun doch wieder allen Abweichungen unterstellt, dass sie nicht erlaubt seien.

Das ist simpel und einfach falsch!

Mit ein wenig Recherche und Wissen hätte man es korrekt darstellen können. Das ist ganz einfach. Deshalb hier korrekt:

Jede SID kann jederzeit verlassen werden. Dies bedarf der Freigabe durch den zuständigen Lotsen. Sollte die SID, unterhalb der minimalen Vector Höhe* verlassen werden, dann sind die Piloten für die Hindernisfreiheit verantwortlich. Die Freigabe durch den Lotsen ist deshalb nötig, damit es zu keiner Staffelunterschreitung (Near Miss) mit anderen Flugzeugen kommt.

*Die Minimale Vector Höhe ist die geringste Höhe, in der ein Fluglotse ein Flugzeug abseits einer Flugstrecke führen kann. Die minimale Vector Höhe liegt 300 Meter über allen Hindernissen. Also deutlich unter 1500 Metern.

Eine SID hat prinzipiell zwei Funktionen

  • Sie ist ein sicherer Flugweg, der frei von Hindernissen ist (und verhindert somit furchtbar laute Zusammenstöße und Abstürze)
  • Sie ist ein Flugweg, der den abfliegenden Verkehr vom anfliegenden Verkehr fern hält, also staffelt (und verhindert somit…)

Sollte es den Piloten nach dem Abheben nicht möglich sein, mit dem Abfluglotsen zu sprechen, so ist die SID einzuhalten, da man da frei von Hindernissen und frei von anderen Verkehr ist.

Dies ist die einzige Aufgabe einer SID weltweit.

Hier in Berlin kommt nun als dritte Forderung hinzu, dass der Flugweg der SID zusätzlich auch noch lärmempfindliche Gebiete meiden soll. Deshalb wird eine SID um Berlin (und viele andere Ballungszentren) nicht nur nach den Kriterien der Flugsicherung (Hindernisfreiheit und Staffelung) sondern auch nach den Wünschen einer jeweiligen Lärmkommission entworfen. Dabei wurde festgelegt, dass ab einer bestimmten Höhe (hier 1500 Meter) die Zuständigkeit der Lärmkommission aufhört. Deshalb ist ein Verlassen einer SID nach Passieren von 1500 Meter Höhe auch jederzeit möglich, wenn die Vorgaben der Flugsicherung erfüllt sind.

Unterhalb von 1500 Meter gilt aber immer, dass die sichere Flugdurchführung Vorrang vor Lärmschutz hat. Sollte aufgrund von Wetter (Gewitterzellen) oder aus irgend einem anderen Grund (etwa technisches Problem) ein Verlassen der SID sicherer sein als das sture Abfliegen, dann muss sowohl von Seiten der Piloten als auch von Seiten der Flugsicherung der Flugweg sofort koordiniert angepasst werden.

Korrekt hätte es also in der Darstellung der MoPo so aussehen müssen:

  • Alle Abweichungen oberhalb von 1500 Meter müssen auch grün dargestellt werden.
  • Jede Abweichungen unterhalb von 1500 Meter muss einzeln überprüft werden. Erst wenn dabei kein sicherheitsrelevanter Grund festzustellen ist, dann kann ein solcher Flug rot dargestellt werden.

 

Jeppesen Minimum Vectoring Chart
Jeppesen Minimum Vectoring Chart, Werte sind Fuß und nicht in Metern

 

 

 

2 Gedanken zu “MoPo und Spiegel Online: Hauptsache "Crossmedial"

  1. Peter aus KW 9. April 2014 / 19:22

    Liebe Frau Kleisny,

    Danke für Ihren interessanten und wichtigen Beitrag. Wo ich Ihnen aber garnicht zustimmen kann, das ist die Einordnung. Hier handelt es sich offensichtlich nicht um das Werk eines technisch unbedarften Journalisten, der in seine Präsentationstechniken verliebt ist und deshalb nicht mehr inhaltlich recherchiert. Ich wohne in Königs Wusterhausen (in der Nähe des Flughafens Schöenefeld) und muss erleben, wie exzellent organisierte „Bürgerbewegungen“ in hoher Professionalität einen Feldzug gegen den neuen Flughafen führen. Sie haben es geschafft mit Lügen, Halbwahrheiten, Unterstellungen und aus der Luft gegriffenen Behauptungen eine Fluglärmangst zu erzeugen, die einfach nur erschrecken kann. Alte Einwohner von KW (Königs Wusterhausen), die seit Jahren gemerkt haben sollten, dass der „Fluglärm“ weit hinter den Geräuschen von Nachbars Rasenmäher zurückbleibt, werden verunsichert und unterschreiben Petitionen, bekommen Angst um den Wert ihrer Grundstücke oder um die Gesundheit ihrer Kinder und Enkel. Diese „Bürgerbewegungen“ bestimmen – fast ohne sachlichen Widerstand – immer mehr die öffentliche Diskussion. Auch die lokale Politik (bis zur Landesregierung) hat schon längst aufgegeben und versucht nun so zu tun, als ob auch für sie der Lärmschutz an erster Stelle stünde. Interessen von Reisenden, der Wirtschaft usw. werden auf dümmliche Weise diffamiert.
    Ihr Artikel ist sehr wichtig – aber er wird wenig helfen. Er erscheint im falschen Medium. Nur wenige der Betroffenen werden ihn überhaupt zu Gesicht bekommen. Hier reicht es nicht, die mangelde Qualität von Journalisten zu bedauern – hier müßte man mit Klage und Strafandrohung bei Wiederholung tätig werden – oder mit einer Gegendarstellung in einem traditionellen Massenmedium – ich wüßte aber keines, das sich dafür engagieren würde.

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    • Helga Kleisny 10. April 2014 / 2:34

      @Peter: Vielen Dank für Deinen Beitrag.

      Deine Vorschläge in Ehren, aber dies ist ein Technikblog, der sich mit der Schönheit, aber auch den Anstrengungen der Luftfahrt befasst und noch einigem mehr.

      Es ist KEINE Plattform weder für noch gegen Fluglärm.

      So sehr ich persönlich Deine Meinung teile (Rasenmäher!), hier ist nicht das Forum für Fluglärmdiskussionen.

      Mir geht und ging es in dem Betrag darum, dass Journalisten auch weiterhin recherchieren sollen und tiefe Fachkenntnisse auf ihrem Gebiet haben sollen und den Mangel daran nicht durch Aufhübschungen kaschieren sollen. Der Trend dazu ist so ätzend derzeit und wird vor allem in den großen namhaften Medien und Journaillekreisen gepusht. Dagegen kämpfe ich immer wieder wieder an.

      Und Luftfahrt ist halt der Bereich, in dem ich das beurteilen kann. Vermutlich ist es in der Biologie und anderen Bereichen ähnlich/genauso. Aber da habe ich nicht die fachliche Basis dazu, das anzukreiden.

      In diesem Sinne: Dir viel Erfolg mit Deinen Bemühungen und im FlugundZeit-Blog bitte keine weiteren Fluglärmdiskussionen.

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