Raumfahrtbits (1) und Automation und Disaster (2)

(1)Social Net Star und Raumfahrer Alexander Gerst ist wieder wohlbehalten in Deutschland. Er war der erste, der schon wenige Stunden nach einem Aufenthalt in der Erdumlaufbahn wieder munter auf eigenen Beinen spazierte. Und er hat nicht nur „dort oben“ seine Aufgaben erfüllt, er hat auch die europäische Raumfahrt erfolgreich in den sozialen Netzwerken positioniert. Die alten Medien werden in den nächsten Tagen ausreichend über seine Erlebnisse und Erfahrungen berichten.

Morgen soll nun endlich die erste Landung auf einem Kometen erfolgen. Lander Philae soll gegen 9.35 Uhr mitteleuropäischer Zeit in 22,5 Kilometern Höhe von der Raumsonde Rosetta abdocken und auf den Kometen heruntersinken.

Das Team des Lander Control Centers rechnet damit, gegen 17 Uhr die Landung bestätigen zu können. Wenn die dafür erforderlichen Daten aus dem Weltall im Kontrollraum in Köln ankommen, steht Philae bereits seit knapp 30 Minuten auf der Kometenoberfläche, denn durch die große Entfernung kann der Kontakt zum Lander nicht in Echtzeit erfolgen.

Soweit die News aus der Raumfahrt. Themenwechsel.

(2) In der Luftfahrt gibt es zurzeit in Pilotenkreisen im Netz heftige Diskussionen zu alt bekannten Themen, die leider zunehmend aktuell werden: Der Grad der Automatisierung und seine Auswirkungen.

In einer Analyse rollt Autor William Langwiesche in Vanity Fair nochmals die Ursachen vom Absturz des Air France Fluges 447 auf. Langwiesche argumentiert, dass den heutigen Airline Piloten zunehmend die Kenntnisse und Fähigkeiten fehlen, um Ausnahmesituationen zu bewältigen. Das sei eine nicht beabsichtigte Folge der zunehmenden Entwicklung von Flugzeugen, die jeder fliegen können soll. Die Basic Flying Skills (= das Wissen und Handling um die Tatsache: Warum das Flugzeug was wie wann tut, nach einem Piloteninput oder es eben nicht tut) sind bei heutigen Piloten oft nicht mehr vorhanden. Jets der vierten Generation bringen Piloten ins Cockpit, die mangels notwendiger Fähigkeiten früher nie da gelandet wären, schreibt der anerkannte Luftfahrt-Autor.

Die teils heftigen Reaktionen im Netz auf den Artikel zeigen sich auch bei der Argumentation von Patrick Smith, eigentlich einem Fan von Langwiesche. Er teilt zwar die Meinung, dass die Hands-on flying skills (das Fliegen von Hand möglichst ohne Computerunterstützung) bei der Ausbildung der Piloten über die Jahre zunehmend vernachlässigt werden. Er meint aber, dies sei auch nicht mehr so notwendig. (Und trifft dabei voll ins Füllhorn von Herstellern und Koste-es was-es wolle-Spar-Fluglinien)

Der Air France Unfall erfolgte nach einer Kette von misslichen Umständen, mit unter anderem Vereisung des Pitotrohrs und der nicht erfolgreichen Problemsuche von mehreren Piloten gleichzeitig.

(Ein voll funktionsfähiges Pitotrohr ist die Voraussetzung für die korrekte Anzeige wichtiger Fluginstrumente. Auch die Bordcomputer verlassen sich auf deren Daten und berechnen ihre Flugsteuerung aufgrund der Daten dieser Messinstrumente.)

6 Gedanken zu “Raumfahrtbits (1) und Automation und Disaster (2)

    • Helga Kleisny 11. November 2014 / 9:32

      Den Air France Unfall hatte ich noch für Focus Online in mehreren Beiträgen analysiert: lief dort auch dick und breit.

      Vielleicht zur Klarstellung meines Beitrages hier: alle Linienpiloten namhafter Fluglinien können ihr Flugzeug verantwortlich steuern und haben eine Ausbildung dazu hinter sich.
      Was angekreidet wird, ist, dass viele der neu ausgebildeteten Linienpiloten im Falle eines Falles, wenn es also nicht mehr nach Plan läuft, der „Bordcomputer“ (es sind in der Realität mehrere Systeme) das ebenso sieht und komplett aufgibt, eben mehr vom Piloten gefragt ist. Ein MEHR an Wissen und an Erfahrung unter anderem von händischem „freiem“ Fliegen, das zunehmend weder geschult noch gefordert wird.

      🙂 Segelflieger können das meiner Erfahrung nach besser als alle Motorpiloten. Wer ein Flugzeug auch ohne Motor stets sicher zur Landebahn bringt, kann oder könnte das auch mit Motorunterstützung.
      Dass Du persönlich erfahren hast, dass es offensichtlich auch hier schwarze Schafe gibt, zu denen man besser nicht ins Cockpit steigt, tut mir leid.
      Tipp: Flugschule wechseln (auch die ist für ihre Ausbildner verantwortlich) und woanders neu beginnen. Das Fliegen an sich ist es wert!

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  1. Slammer 11. November 2014 / 9:14

    Das Thema „Folgen der Automatisierung“ ist unter anderem auch auf einem Gebiet aktuell (und wird dort genau so kontrovers diskutiert), das viele Menschen unmittelbar betrifft: das Auto. Ein halbwegs aktuelles Modell ist mit so vielen Hilfsmitteln, Assistenten und Sicherheitskram (vom Automatikgetriebe über ABS, ESP, Spurhalte- und Abstandsassistenten bis hin zu Müdigkeitserkennung & Co.) vollgepackt, dass der Fahrer eigentlich nur noch Wünsche anmeldet und die Entscheidungen letztlich von einem Stück Silizium getroffen werden.

    In Sachen Bequemlichkeit und Sicherheit ist das (so die Technik keine Aussetzer hat – gibt’s eigentlich noch Rückrufaktionen, die nicht auf ein Softwareupdate hinauslaufen?) sicherlich eine feine Sache. Man verlernt halt nur das eigentliche Autofahren und gewöhnt sich daran, die Eigenverantwortung á la „Ach, das ESP wird schon eingreifen, wenn’s eng wird…“ an die elektronischen Helferlein zu delegieren. Wozu muss man denn noch die eigenen Grenzen und die des Autos kennen? Man hat ja „all inclusive“ gekauft…

    Murphy meldet sich erst dann, wenn man in eine Situation gerät, die von den Entwicklern nicht vorhergesehen war oder wenn die Technik versagt – dann aber gewöhnlich gleich drastisch. Und egal, was in den Hochglanzprospekten der Hersteller alles versprochen wurde – ein „Aber ICH war im Recht!!1!“ ist ein etwas peinlicher Spruch für einen Grabstein…

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    • Helga Kleisny 11. November 2014 / 9:53

      Auto ist nicht so ganz das Thema in diesem Beitrag, aber wenn es dem (allgemeinen) Leser hilft, die Sache besser zu verstehen, dann gerne. 🙂 Die Problematik ist wohl übertragbar.

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  2. Flugkapitän 11. November 2014 / 13:23

    @Slammer

    Ich habe auch so ein Auto. Seit der Spurhalteassistent mich daran hindern wollte, einem Karton auf der Fahrbahn auszuweichen, habe ich ihn in den dauerhaften Winterschlaf geschickt. Leider kann man das bei den gut gemeinten Protections der modernen Flugzeuge (vor allem bei Airbus) nicht so ohne weiteres. Mit einem einfachen Überdrücken des Lenkrades, wie bei dem Spurhalteassistent, der durch den Karton fahren wollte, ist es hier leider nicht getan. Man braucht sehr detaillierte Systemkenntnisse und muss sich unter Umständen gesunde Sensoren, die einem dann auch selber fehlen, weg schalten, damit der Automat endlich aufhört gegen einen zu arbeiten. Eine qualifizierte Crew ist deshalb mit einem modernen Airbus mitunter schlechter bedient, als mit einem konventionellen Flugzeug. Solange wie die Automation geht, kann auch eine minderqualifizierte Crew, die eigentlich nicht in ein Airliner Cockpit gehört, halbwegs sicher — und billiger — fliegen.
    Der — für die allgemeine Verständlichkeit sehr gute — Vergleich zum Auto hat noch einen Haken, auf den ich hinweisen wollte: Wenn beim Auto nichts mehr geht, dann kann ich einfach stehen bleiben und aussteigen…

    @Helga

    Die Ausbildung wird auch bei den renommierten Airlines immer dünner. Die neuen Copiloten lernen zwar noch das fliegerische Handwerk auf kleinen Flugzeugen, doch nicht mehr in der Tiefe, wie die „alten“. Der Schwerpunkt liegt mehr auf Multicrew, Teamwork und Systemmanagement. Alles wichtige Eigenschaften, die einen qualifizierten Airlinepiloten ausmachen, doch merkt man in der Praxis bei den jungen Kollegen die fehlende — weil nicht gefestigte — handwerkliche fliegerische Fertigkeit und ein gewisses Maß an Selbständigkeit.
    Langewiesche hat — denke ich — recht: Wir haben schon jetzt Crews im Cockpit, die ohne Automation dort nicht überleben könnten. Bei einem Systemfehlverhalten oder -ausfall haben die keine Chance. Genau das ist bei dem Air France Unfall passiert.
    Da die Airlines auch immer weniger für qualifizierte Piloten bezahlen wollen, werden die eigentlich qualifizierten jungen Leute für sich eine andere, besser bezahlte Tätigkeit suchen und finden.

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  3. Karl Mistelberger 12. November 2014 / 6:25

    > #2, Helga Kleisny, 11. November 2014
    > Dass Du persönlich erfahren hast, dass es offensichtlich auch hier schwarze Schafe gibt, zu denen man besser nicht ins Cockpit steigt, tut mir leid.

    Mit den Segelfluglehrern hatte ich überhaupt keine Probleme. Bei der Gefahreneinweisung flog z.B. ein AUA-Pilot mit. Wenn aus dem Hobby doch nichts geworden ist lag es an meiner eigenen Einschätzung.

    Wovor es mich gruselt ist die Hilflosigkeit der Piloten von AF 447, wie sie sich im Transkript des Flugrekorders offenbart. Ungefähr dreißig Jahre lang hatte ich mich ins Flugzeug gesetzt in der Annahme, dass die Piloten wissen, was sie tun. Aber wenn die dann tatsächlich einmal eingreifen müssen wird es richtig gefährlich.

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