Pilotenalltag

Es ist 8 Uhr abends im Sommer. Die Crew ist um halb eins nachts des gleichen Tages im Hotel angekommen. Todmüde, nach einem langen Flugeinsatz, der mit vier Fluglegs (Flugstrecken) am Mittag des Vortages begonnen hat.

Sommer in Skandinavien ist toll, das Volk ist fast rund um die Uhr auf den Beinen und feiert, dass es draussen endlich lange hell und – naja, relativ – warm ist.

Das geht so bis nach 21 Uhr. Dann kommen nahtlos die feiernden und mit zunehmender Nacht angeschickerten Erwachsenen. Ist ja Sommer.

Dumm nur, dass die Crew nun am nächsten Morgen (Sonntag) um drei Uhr irgendwas aufstehen muss. Um 4:20 fährt der Bus vom Hotel wieder zum Flughafen. Bis dahin muss die Morgenroutine erledigt sein, der Koffer wieder sicher gepackt und sich der Mensch irgendwie in den perfekten Wachzustand versetzt haben.

Durch den Wechsel vom Nachtflug auf eine Frühaufsteher-Tour soll die Crew bei ihrem Aufenthalt zweimal acht Stunden schlafen. Das funktioniert nach dem Ankommen recht gut. Man fällt ins Bett und entweder verzichtet man aufs Frühstück am nächsten Morgen und schläft ausgiebig aus oder man steht eben müde auf und hat die paar Stunden bis zum frühen Abend für Sport und andere Freizeit zur Verfügung.

Das sieht auf dem Papier prächtig aus. Das einzige Problem daran ist nur, dass in der Praxis (vor allem mit zunehmendem Alter) der Körper eines Erwachsenen nicht um acht Uhr abends schlafen will oder kann, besonders, wenn er vorher noch um Mitternacht hellwach eine sichere Landung durchführen musste. Und die Umwelt (siehe/höre oben) in und um Hotels da eben nicht wirklich dazu hilft.

Ein Umlauf dauert meist so um die 5 Tage. Als Nicht-Flight-Crew vergißt man über die Zeit, auch wenn man das schon öfter mitgemacht hat, wie anstrengend solche Nacht- oder Frühaufsteher-Schichten, oder der Wechsel von beiden sind. Jeder, der sich üblicherweise in den Medien oder am Stammtisch großkotzig über das Superleben der Piloten auslässt, sollte das wenigstens einmal im Leben mitgemacht haben.

Es ist auch nicht relevant, wo das Hotel genau liegt. Das passiert tagtäglich in vielen Städten. Was der Schreibtischarbeiter, der jeden Freitag vergnügt ins Wochenende geht und seine Arbeit in der Firma zurücklässt, sich aber gerne durch den Kopf gehen lassen kann: Das war ein normales Wochenende, Arbeitstage für die Crew wie jeder andere Tag während der Woche auch, ohne finanziellen Zuschlag oder mehr und andere Freizeit dafür. Es ist selbstverständlich, dass Linienpiloten und ihre Kabinenkollegen da ohne Mullen und Knullen sicher und frisch, adrett und gut gelaunt den ganzen Tag über ihre Gäste an deren Zielorte bringen.

In diesem Sinne, allen ein schönes Wochenende.

2 Gedanken zu “Pilotenalltag

  1. Laie 8. Juni 2016 / 1:22

    Schichtarbeiter sind – dazu gehören auch Politen und Flugpersonal – eindeutig benachteiligt – der Biorhythmus lässt sich nicht auf die Schnelle umstellen, Mediziner warnen vor bleibenden Folgen wie Schlafproblemen (nach der aktiven Dienstzeit) und anderen Gesundheitsproblemen.

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    • Helga Kleisny 9. Juni 2016 / 14:00

      Sehe ich auch so.
      Beim fliegenden Personal kommen halt auch noch die Zeitzonen (vor allem auf der Langstrecke) und der ständige Wechsel zwischen rund 3000 Meter Höhe (Kabinendruck) und Bodenluftdruck dazu. Und das weiß selbst ein Fallschirmspringer, dass das müde macht und den Körper weiter stresst – was das Immunsystem für Krankheiten, auch so harmlose wie Grippe, umso anfälliger macht.
      Es ist die Summe aller Belastungen, die den Körper und damit den Menschen stresst.
      (Da sind Wetter, technische Herausforderungen und nervige Mitmenschen noch gar nicht aufgeführt)

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