Tödlicher Sitzplatz im Cockpit

Sitzenbleiben ist ungesund. Nein, wir reden hier nicht von der Schule, sondern vom Cockpit-Platz oder durchaus auch einem bequemen Bürostuhl. Nur, dass man sich im Büro schon mal einen Kaffee/Tee holen kann, zum Drucker geht oder zu einer Besprechung am Gang oder im Konferenzsaal. Im Cockpit sieht das gravierend anders aus: Da kann man nicht schnell mal raus auf die Toilette, wenn gerade der Anflug beginnt oder während des Rollens bis hin zum Reiseflug.

Mit zunehmenden Sicherheitsbedenken ist es sowieso sehr ungern gesehen, wenn ein Cockpit-Mitglied seinen Sitzplatz im Cockpit verlässt. Auch sogenannte Kurzstreckenflüge gehen schon mal über vier Stunden und erst recht die Langstreckenflüge. Da sitzt sich der Pilot/die Pilotin in seinem durchgesessenem Mobiliar schon mal stundenlang ohne große Bewegung fest. Frankfurt – New York: 9 Stunden, Frankfurt Chicago: 9,5 Stunden, Frankfurt Los Angeles: 12 Stunden (wird mit drittem Pilot und damit Pause geflogen).

In zwei Studien warnen Wissenschaftler: Zu viel Sitzen kann sogar gesundheitsschädlicher sein als Rauchen. Das ging bereits in den letzten Tagen durch die deutsche Presse, allerdings mit den üblichen wohlmeinenden Empfehlungen, sich mehr zu bewegen, Treppen zu steigen, zu Fuß zu gehen satt Bus und Bahn, und so weiter. Nur, das funktioniert beim (Langstrecken)Pilotenberuf eben nicht. Treppen sind im Cockpit Mangelware. Und die Flugzeit von 12 oder mehr Stunden ist ein Fakt, der beim Trend zu größeren Flugzeugen weiter zu und nicht abnimmt.

In der ersten Studie: „Time spent in sedentary posture is associated with waist circumference and cardiovascular risk“ steigt ab einer Sitzzeit von fünf Stunden das Risiko einer Herzerkrankung mit jeder weiteren Stunde um 0,2 Prozentpunkte. Andere Wissenschaftler formulieren die Nachteile langen Sitzens noch krasser: Sitzen ist gefährlicher als Rauchen, behaupten sie und bringen das Verhalten der Bewegungsmuffel auf eine simple Formel: Wir sitzen uns tot.

Dr. James Levine von der Mayo Clinic der Arizona State University forscht an Strategien gegen das Übergewicht. Er ist sich mit anderen Medizin-Kollegen einig, dass bereits zwei Stunden Sitzen am Stück gesundheitliche Probleme fördert: in Form von Herzerkrankungen, Diabetes, Krebs, Rücken- und Haltungsbeschwerden, orthopädischen Einschränkungen sowie nicht zuletzt des sogenannten metabolischen Syndroms, jener unheilvollen Kombination von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhten Blutzucker- und Blutfettwerten sowie einem zu großen Bauchfettanteil. Denn der menschliche Körper ist nun mal genetisch für die Bewegung programmiert.

Nach der australischen Studie „Television viewing time and reduced life expectancy: a life table analysis“, verkürzt schon eine Stunde täglich herumlümmeln beim Fernsehen die Lebenszeit um knapp 22 Minuten. Das Rauchen einer Zigarette schlägt mit dem Verlust von 11 Minuten Lebenszeit zu Buch.

Ob die Auswirkungen von zu viel Sitzen tatsächlich derart gravierend sind, wird zurzeit weiter erforscht. Unumstritten unter Medizinern ist, dass bei zu langem Sitzen das Herz-Kreislaufsystem, der Stoffwechsel und auch der Kalorienverbrauch auf Sparflamme laufen. So wächst mit zunehmender Sitzzeit die Wahrscheinlichkeit auf eine ernsthafte Herz-Kreislauf- und/oder Stoffwechselerkrankung. Weitere negative Auswirkungen von Bewegungsmangel auf Muskulatur, Gefäße und den gesamten Haltungsapparat sind hinlänglich bekannt.

Dass ständige Zeitverschiebungen im Piloten-Alltag ungesund sind, geht so langsam ins Wissen auch der Allgemeinheit über. Dass die tägliche Cockpitluft, also die Luft am zehnstündigen Arbeitsplatz, von klarer Bergluft weit entfernt ist, auch. Dass aber selbst das Sitzen an sich im Pilotenberuf ein Problem darstellt, fällt bisher unter den Tisch. Abhilfe dazu ist allerdings nicht in Sicht…

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