GSI und ESA

Die Vorträge des ESA-Generaldirektors sind immer ein Genuß. Wenn einer es versteht, Wissenschaft ohne Geschwurbel und hochnäsigem Bla an die Zuhörer zu vermitteln, dann ist das Johann-Dietrich Wörner.

Sätze wie:

Neugier ist die stärkste Triebkraft der Menschheit…

und

Astronauten sehen von oben nicht die Grenzen, die wir auf der Erde so (vehement) verteidigen…

kann man sich durchaus auch länger durch den Kopf gehen lassen, darüber nachdenken und anwenden…

 

Meist geht es bei öffentlichen Veranstaltungen zum Thema Raumfahrt primär darum, was man nicht alles auf der Erde anwenden kann, von dem, was die da oben experimentieren und erleben. Im Prinzip die Rechtfertigung, warum man Steuergelder für Forschungsreisen, Entdeckungen und Entwicklungen im erdnahen und weiter entfernten Raum anwendet. Was schade ist, dass man sich für den Wissenshunger der Menschheit fast entschuldigen muss, anstatt dem Forscherdrang, der dem Menschen nun mal zu eigen ist, eine Berechtigung zuzugestehen.

Aber dazu gehen die Meinung auseinander und genauer besehen, mussten sich auch die Seefahrer zu Kolumbus‘ Zeiten und die Arktis- und Polarrouten-Erkunder für ihre Reisen rechtfertigen und sie in den Dienst der jeweiligen Krone stellen.

Jörg Blaurock (Technischer Geschäftsführer Fair und GSI), Paolo Giubellini (Wissenschaftlicher Direktor FAIR und GSI), Jan Wörner (Generaldirektor der ESA), Ursula Weyrich (Geschäftsführerin Administration Fair und GSI), Thomas Reiter (ESA Astronaut und Koordinator), v.l.n.r.

Bei der Unterzeichnung des Vertrages zur künftig intensivierten Zusammenarbeit bei der Erforschung kosmischer Strahlung von ESA und dem Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GSI im Februar ist der gegenseitige Nutzen der Forschungsergebnisse die Grundidee.

GSI-Experimente, die neue Erkenntnisse über den Aufbau der Materie und die Entwicklung des Universums zeigen, können auch die Flüge der ESA-Astronauten sicherer machen. Ebenso wie neuartige Anwendungen in Medizin und Technik sowohl auf der Erde als auch im Weltraum sinnvoll anwendbar sind.

Am künftigen Beschleuniger des GSI namens FAIR wird die Zusammensetzung der kosmischen Strahlung so genau simuliert werden können wie an keiner anderen Beschleunigeranlage. Die Nachbarschaft zum Satellitenkontrollzentrum der ESA (ESOC) in Darmstadt ist für die schnelle und unkomplizierte lokale Zusammenarbeit recht praktisch.

Eine Hand wäscht die andere, würde der Volksmund dazu sagen.

Zurzeit betreibt das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung drei Beschleuniger-Anlagen: den Linearbeschleuniger UNILAC, der ionisierte Atome (Ionen) bis auf etwa 20 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen kann. Mit Ionen in diesem Energiebereich sind bereits eine Vielzahl von Experimenten möglich, die unter anderem zur Entdeckung der superschweren Elemente Bohrium, Hassium, Meitnerium, Darmstadtium, Roentgenium und Copernicium mit den Ordnungszahlen 107 bis 112 geführt haben.

Darüber hinaus dient der UNILAC als Injektor für das Synchrotron SIS18, das Ionen auf bis zu 90 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Der Speicherring ESR ist die dritte Anlage, die die vom SIS beschleunigten Ionen aufnimmt und speichert.

Noch in Bau ist die internationale Beschleunigeranlage FAIR, sie zählt zu den größten Forschungsvorhaben weltweit. FAIR soll Physikern aus aller Welt neue Einblicke in den Aufbau der Materie und die Entwicklung des Universums geben – vom Urknall bis heute.


GSI – Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt.

Das GSI betreibt eine große, weltweit einmalige Beschleunigeranlage für Ionen an der Forscherinnen und Forscher aus aller Welt neue Erkenntnisse über den Aufbau der Materie und die Entwicklung des Universums gewinnen.

ESA – die europäische Raumfahrtagentur, Pendant zur amerikanischen NASA.

Foto: ESA

Das ESOC (European Space Operations Centre) in Darmstadt ist das Kontrollzentrum der ESA. Seit 1967 ist das ESOC für den Betrieb sämtlicher ESA-Satelliten (bisher mehr als 60) und für das dazu notwendige weltweite Netz der Bodenstationen verantwortlich.

3 Gedanken zu “GSI und ESA

  1. 2xhinschauen 24. Februar 2018 / 18:02

    Liebe Helga,
    ich lese auch gern über fliegende Mikroobjekte 🙂 Danke dafür und für dieses Plädoyer.

    Neugier ist die stärkste Triebkraft der Menschheit

    … sogar die Selbst- und Arterhaltung teilweise einschließt. Und nicht nur der Menschheit, sondern aller entwickelten Lebewesen und, wenn man „Neugier“ großzügig definiert, aller Lebensformen und sogar der Evolution insgesamt. So seh ich das.

    Sich als Forscher und Entdecker dafür entschuldigen/rechtfertigen zu müssen, ist irgendwie widersinnig, das stimmt, aber die Leute, die dergleichen finanzieren sollen, haben halt ihre eigene Agenda.

    Insoweit finde ich es schade, dass heutige geerbte oder Selfmade-Milliardäre nicht selbst zum Mars wollen, sondern den Ruhm als Finanzier für sich zu reservieren suchen. Als ob die spanische Krone Amerika entdeckt hätte.

    Mein Held unter diesem Gesichtspunkt ist Alexander von Humboldt (1769–1859), in meinen Augen einer der größten Forscher und Entdecker aller Zeiten, nach dem auf der ganzen Welt Arten und Orte benannt sind und dessen wissenschaftliches Vermächtnis bis heute nicht vollständig aufgearbeitet und veröffentlicht ist. Er hat ein geerbtes Vermögen von m.W. – in heutigen Werten – zehn Milliarden Euro vollständig in seine Forschungsreisen investiert. Weil er es wissen und weil er da hin wollte. Schön, wenn man reiche Eltern hat, sagen jetzt sicher manche, aber offenbar ist das keine hinreichende Bedingung.

    Ich bin gelernter Airliner und Touristiker und möchte nicht versäumen festzuhalten, dass AvH einer der ersten, wenn nicht überhaupt der erste Fernreisende der Menschheitsgeschichte war, der seine Reise a) selbst finanziert UND b) davon zurückgekehrt ist.

    Aber nur /der/ Erste. Nicht /die/ Erste. Das war lange vor Humboldt Maria Sibylla Merian (1647–1717), auch eine Deutsche und nicht weniger eine Heldin der Feldforschung. Aus Neugier – mit den Möglichkeiten, sie auszuleben, schon klar. Muss man dann aber auch tun.

  2. Reiner Kemmler 25. Februar 2018 / 16:05

    Liebe Helga,
    werde im August/September eine Kunstaustellung am GSI mit eigenen Bildern haben. Freue mich darauf, denn ich habe einige physikalisch–naturwis. Motive. Im Rahmen der Kunst habe ich mehrere Physiker, wiss. Mitarbeiter vom GSI ( Russen und Ukrainer)kennen gelernt, u.a. einen Beschleunigungs-Experten , der ein Subprojekt von FAIR leitet und nebenbei künstlerisch aktiv ist. Das ist alles sehr spannend und erinnert mich an meine Max Planck Institut- Zeit: internationale Leute, hochintelligent, angenehme Gespräche und Kontakte, akute Themen unserer „materiellen“ Herkunft, Entstehung des Universums usf.
    Näheres persönlich, gerne lade ich Dich zu meiner Vernissage ein.
    Sei herzlich ionenbeschleunigt gegrüßt!
    Reiner

    • flugundzeit 25. Februar 2018 / 19:46

      Gratulation, wird sicher eine interessante Ausstellung!

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