Das Corona-Komfortbuch

Komfort-Essen bringen nur kurzzeitig Genuss. Auf die lange Sicht verschlimmern die Kalorienbomben jede Situation, weil sich – zusätzlich zu den Gründen des Heißhungers auf das tröstende Gericht unnötiger Speck um den Bauch legt.

Komfort-Bücher sind da anders. Sie zeigen einem das Positive an der eigenen Welt und dass es Menschen gibt, die trotz brutaler Herausforderungen im Leben noch riesiges Potential in sich haben, um die Welt zu verändern. 😉

Dass der heutige Lesetipp zur Kategorie der Komfortbücher gehört, war mir nicht klar, als ich das Buch aufschlug und zu lesen begann. Das war um 1 Uhr nachts und eine Biographie über einen Ausnahmephysiker schien mir bestens geeignet um nach wenigen Seiten abzuspannen und selig in Morpheus‘ Arme zu gleiten.

Pustekuchen!

Stephen Hawking – Erinnerungen an einen Freund und Physiker ist so verflixt gut geschrieben, dass es in die Kategorie Pageturner eher passt als in Biografien. Die nächste Hälfte der Nacht zogen mich die schwungvollen Schilderungen des Autors und Quantenphysikers Leonard Mlodinow in den Bann. Die eingestreuten fast philosophischen Gedankensplitter ermuntern zum Überlegen und Weiterdenken.

Wenn sich jedoch herausstellt, dass eine angeblich grundlegende Theorie einen Fehler hat, verfallen Physiker nicht in Schwermut – wir finden so etwas aufregend. Wir machen uns daran, die nächste Theorie zu entwickeln, eine Theorie, die alles erklärt, was die vorangegangene Theorie erklärt hat, und zudem den Test besteht, bei dem die alte Theorie durchgefallen ist.

Das beschreibt sehr gut, warum sich Menschen bei der Erstbegegnung sofort verstehen, wenn herauskommt, dass der andere auch Physiker ist. Physiker blühen durch Herausforderungen erst auf, Physiker suchen die Abweichung vom Normalen, vom Schönen und wissen, dass genau im Flaw die Lösung für das grundlegende oder das nächst größere Problem liegt. 🙂 Hinfallen. Aufstehen. Krönchen richten. Weitergehen ist die Kurzformel dafür. Eine grundsätzliche Lebenseinstellung, die in Corona- und Lockdown-Zeiten sich auch für andere als hilfreich erweisen kann.

Die Idee mit den Flaws an der Schönheit ist übrigens auch ein Grundprinzip beim Flugzeug-Außencheck vor dem Flug. Abgesehen von den Details, die angesehen werden, hilft auch immer eine Overall optische Prüfung, ob auch alles (was sein soll) symmetrisch ist. Steht der Flieger gerade? Wenn nein, warum nicht? Fehlende Schrauben oder lose Teile stören den Gesamteindruck. (Und später den sicheren Flug.) Das gleiche gilt analog beim Kochen: Wer da ein wenig herum experimentiert und nicht stur 1:1 ein Rezept nachkocht (das können Experimentell-Physiker eh nicht 😉 ) guckt zur Sicherheit, ob beim Kuchen etwa die Konsistenz des Teiges ok aussieht. Wenn nicht, was man an gesunden Bestandteilen ergänzen kann, damit die Optik und damit das Ergebnis stimmt… Alles Leben ist Physik 😉

Das Problem bei der Unterscheidung zwischen Stephen Hawking’s Bücher sind die Titel: Alles ist ‚kurz‘ und hat irgendwie mit Geschichte und Zeit zu tun 😉
(c) rororo

Interessanterweise war es der Brite Hawking, der sich an seinen amerikanischen Physiker-Kollegen Mlodinow wandte, um gemeinschaftlich Buchprojekte zu verwirklichen. Als erstes gemeinsames Buch folgte Die kürzeste Geschichte der Zeit. Es wurde aus Hawking’s Sicht notwendig, weil sein Vorgängerbuch: Eine kurze Geschichte der Zeit zwar Rekordverkäufe eingespielt hatte, aber den meisten nur als intellektuelles Prestigeobjekt im sonst leeren Bücherschrank diente. Hawking, der in der wissenschaftlichen Welt primär für seine Forschung zu Schwarzen Löchern bekannt ist (schon zu Zeiten, als außer ihm noch keiner daran glaubte), meinte: „Jeder kauft es, aber nicht viele lesen es.“

Die Biographie zeigt den Ausnahmephysiker direkt und ungeschminkt. Dessen Humor, aber auch seine Sturheit, die Lust an kleinen Provokationen im Einklang mit seinem Umgang mit der Krankheit wird für den Leser in vielen selbst erlebten Beispielen des Autors plastisch.

„Die Zeitgenossen sehen in mir zugleich einen Ketzer und einen Reaktionär“, schrieb [Hawking], „der sich sozusagen überlebt hat.“

Angewiesen auf ein Schreibprogramm, das er über eine Kontaktbrille auf seiner Wange steuerte, konnte sich Stephen Hawking bei den gemeinsamen Buchprojekten nur mehr mit sechs Wörtern pro Minute mitteilen. Dabei überlegt man sich gut, wem man wann wie und was antwortet. Und manchmal eben auch gar nicht. Andererseits war es Hawking, der detailversessen über einzelne Sätze durchaus lang diskutieren konnte.

Während [seine Physikerkollegen] über die Sterne und die Galaxien staunten, fragte sich Stephen nach dem Raum zwischen ihnen. Woher kam dieser Raum? Wie hatte alles begonnen?

Die Biografie zeigt ganz nebenbei auf, woran Stephen Hawking forschte und welche Bedeutung seine Arbeiten haben. Hawkings kühne und bahnbrechende Gedanken sind perfekt gepaart mit dem authentischen frischen Stil von Mlodinow, wenn dieser lebhaft von der gemeinsamen Bucherstellung erzählt. Natürlich ist es eine sehr persönliche Sicht auf Hawkings Leben und Wirken. Dessen menschliche Größe mit den Herausforderungen seiner Krankheit fertig zu werden, erstaunt den Leser immer wieder aufs Neue und lässt den großen Physiker auch zu einem großen Menschen werden.

Wenn sie mit Stephen zusammen waren, fragten sich all seine Freunde: Nutzen wir eigentlich unser eigenes Potential?

Empfohlen für: Ein vergnügliches, schnell lesbares Buch, bei dem man (im Gegensatz zum platten Krimi) auch noch ganz nebenbei viel Wissenswertes über den Ursprung des Lebens, des Universums und schwarze Löcher erfährt. Aber wirklich locker flockig und nebenbei.

Hawkings Biographie ist ein Komfort Buch, das klar macht, wie gut es einem selbst trotz aller echten und gefühlten Widrigkeiten geht. Und was echte Herausforderungen im Leben anderer sind.
Wer nach dem Lesen dieses Buches noch in Corona-Lockdown-Selbstmitleid verfällt, mit seinem eigenen Leben hadert, dem ist nicht mehr zu helfen. 🙂

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