Im Rucksack der Entdecker

(c) für alle Illustrationen: Verlag wbg Theiss

Coffee Table Bücher (die großen schweren Schönen, die dekorativ auf Tischchen drapiert, nebenbei zeigen sollen, wie klug und gebildet man doch ist) sind ja nicht so das Meine. Mir fehlt simpel und einfach der Platz dafür. Trotzdem schafft es jedes Jahr eines in die Weihnachtsempfehlungen. Auf dieses jedoch hatte ich mich sogar riesig gefreut und – es ist noch bezaubernder, als ich erwartet hatte.

Bevor es zum Inhalt geht, sollte in diesem Fall auch Autor Ed Stafford des im Original englischen Buches vorgestellt werden. Dass er eine der vorgestellten 25 Entdecker-Reisen durchführte und eine andere seine Frau Laura Bingham kommt zwar ein wenig selbstherrlich herüber.

Immerhin hält der britische Abenteurer und Survival-Experte Stafford den Weltrekord, als erster Mensch den gesamten Amazonas in 860 Tagen abgelaufen zu sein.

Auf jeweils sechs bis zehn Seiten wird mit viel, teilweise großformatigem Original-Bildmaterial und Begleittext jede(r) Entdecker(in) detailreich vorgestellt. Und wie der Titel sagt, ist die Ausrüstung für jede Expedition handgezeichnet auf jeweils einer Seite dargestellt. Auch die schöne aufwändige Aufmachung macht das Buch zu einem echten Coffee Table Buch.

Das Inhaltsverzeichnis mit vielen bekannten Explorern, beginnend etwa mit dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

100 Masken, eine Feder

Ein besonderes Bonbon für mich war gleich die erste vorgestellte Abenteurerin: Nelly Bly. Ihre Reportage: 10 Days in a Mad House las ich mit 13 Jahren und es begründete meine Werte bis heute für den Journalismus: selbst erfahren, was Sache ist, über die man schreibt, kein Hörensagen oder die Meinung anderer ohne Hinterfragen wiederkäuen. Bly ließ sich 1887 in eine psychiatrische Heilanstalt für Frauen („Mad House“) auf einer Insel einweisen und berichtete anschließend über die Horrorzustände darin und erreichte vor allem mit ihrer Berichterstattung viele Verbesserungen.

Im Entdeckerbuch steht die hartnäckige investigative Journalistin allerdings für ihren Rekord, schneller als „in 80 Tagen um die Welt zu reisen“. Sie schaffte dies in 72 Tagen und gewann das Rennen. Als unbegleitete Frau, mit nur einer kleinen braunen Reisetasche als Gepäck. Vor ihrer Reise diktierte sie ihrem Schneider: „Ich brauche ein Kleid, das man drei Monate lang durchgehend tragen kann.“ Zudem musste es am selben Tag, und nicht wie sonst üblich in sieben Tagen, fertig sein. Handschuhe und ein Wollmantel ergänzten ihre Reisegarderobe… Eine ungewöhnliche, bemerkenswerte Frau.

Wie genau das Rennen ablief, ist im Buch bebildert nachzulesen. Ein packender Einstieg.

Das Rennen zur Antarktis

Natürlich finden auch die beiden Antarktis-Eroberer: der Brite Scott und der Norweger Amundsen ihren gebührlichen Platz mit den jeweiligen Ausrüstungen. Dass Roald Amundsen wenig von der damals hochtechnisierten Ausrüstung der Briten hielt, ist bekannt. Dass er recht behielt, ebenso. Trotzdem: Die Geschichte hier nachzulesen und nachzugucken hat seinen Reiz.

Wer mehr zu Fridtjof Nansen und Roald Amundsen sehen und erfahren möchte, dem sei das Frammuset in Oslo empfohlen. Für mich ein Muss bei jedem Oslo-Besuch. Selbst auf dem Schiff herum zu gehen, auf dem die wagemutigen Männer ihre eisigen Jahre verbrachten, ist beeindruckend. Die Minikabinen, in den man nicht einmal ausgestreckt liegen/schlafen konnte, real zu erleben, ebenso.

Nicht nur für Flugbegeisterte

Amelia Earhart’s ist im Buch verewigt wie Thor Heyerdahl, Jacques Cousteau, Sir Edmund Hillary, Reinhold Messner, aber auch Jason Lewis mit der ersten Weltumrundung nur mit menschlicher Muskelkraft. Mit dem Rad um die Welt ist einen Beitrag wert, ebenso wie Bertrand Picard’s erste Weltumrundung mit einem Solarflugzeug oder die schnellste Weltumrundung mit einem Ballon.

Da ist für jeden etwas dabei, für Piloten und Flugbegeisterte sogar sehr viel.

Und, wenn man Coronabedingt (erneut) nicht selber reisen kann, dann lässt es sich mit diesem Buch wenigstens (schön) davon träumen…

Empfehlenswert

  • für alle und jeden, die dem Alltag entfliehen möchten
  • als Ansporn, was andere unter schwierigen Bedingungen geleistet haben (mit der Einsicht, dass es einem selber doch nicht so schlecht geht 😉 wenn man die Expedition im warmen Raum mit einem Getränk in der Hand sorgenfrei verfolgen kann.

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