Was der Vogel dem (plumpen) Flugzeug voraus hat…

Jason Galeon erzählt auf der FMX22*, wie das Team den Charakter und die Persönlichkeit des Adlers entwickelte – genau nach der Vision von Regisseur James Gunn. (c) HBO

Eagly ist ein Weißkopfadler und Filmheld einer erfolgreichen HBO-Serie (Peacemaker). Das alleine wäre noch nicht ausreichend, um es ins Aufmacherfoto von Flugundzeit zu schaffen. 🙂 Eagly ist zudem ein CG-Charakter, also ein auf dem Computer (Computer generated) erschaffener Vogel. Und er fliegt und bewegt sich so echt, so vogelkonform, dass die Zuschauerfrage schon fast Standard ist, wie man das denn erreichen kann.

FMX* ist eine Veranstaltung, auf der jedes Jahr erneut Staunen angesagt ist. Was der Teilnehmer zu sehen bekommt, übersteigt oft vieles, was man sonst so meint, über die Zukunft zu wissen, über Forschung, und Technik, die uns in den nächsten Jahren erwartet. Die Filmstudios, die schon länger nicht mehr nur in Hollywood sitzen, sondern mit Künstlern auf der ganzen Welt an ihren jeweiligen Orten in Realzeit zusammenarbeiten, zeigen Ideen und Produkte, die das Vorstellungsvermögen von uns Otto-Normalverbrauchern weit übersteigen. Ein simples Auf- und Ab-Bewegen eines ganzen Flügels im Zeichentrickfilm … das ist letztes Jahrhundert.

Filmerstellung mit Green Screen hat es aus den Studios schon lange in den Alltag geschafft. Die Grüne Hölle des ZDF, in der die heute Nachrichten vor einer realen grünen Wand präsentiert werden, während für den Zuseher per Computer bewegte oder starre Bildchen als Hintergrund eingespielt werden, gibt es auch bei vielen Wetternachrichten im Fernsehen. Und wer das mal selber ausprobieren möchte, kann das im Filmmuseum Frankfurt.

Auf der FMX ist man, wie immer, schon Äonen weiter. Da bewegt im Film Dream der Mensch im mit Sensoren gespickten Anzug gleich einen Schwarm von Blättern mit seinen Bewegungen auf der Leinwand. Gut, dazwischen ist noch ein Computer geschaltet, der die Bewegungen des Menschen mit vermutlich künstlicher Intelligenz in eine dreidimensionale Schwarmbewegung von Blättern umsetzt. Der Blätterschwarm zieht sich zusammen, ändert die Richtung, fliegt nach oben, rechts unten, nach vorne oder zerstreut sich. Ein absolut magisches Erlebnis. Die Arme nach unten skaliert auch den Schwarm nach unten, der Ton dazu wird ebenfalls mit synchronisiert.

Regisseur Robin McNicholas (UK) und die Künstlerin Joaquina Salgado (Argentinien) zeigten auf der FMX, wie man virtuelle Erzählwelten mit Hilfe moderner virtueller Produktionstechniken zum Leben erwecken kann. Vom Charakterdesign bis hin zur Gestaltung virtueller Wälder lieferten die beiden Hauptakteure des Projekts Dream (2021) neue kreative Möglichkeiten bei der Erstellung künstlerischer Werke mit Spiele-Engines für eine weltweite virtuelle Zusammenarbeit.

Als Mitbegründer und Direktor des preisgekrönten Kreativstudios Marshmallow Laser Feast leitete Robin McNicholas bereits eine Vielzahl von immersiven Erfahrungen, groß angelegten Installationen und Live-Performances. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Schaffung von Mixed-Reality-Geschichtenwelten und der Entwicklung narrativer Werke für virtuelle Live-Produktionen, die taktile, multisensorische Interaktion erforschen. Dream ist eine Kooperation mit der Royal Shakespeare Company, dem Philharmonia Orchestra, Epic Games und dem Manchester International Festival mit Nick Cave.

Die Steuerung des Auges auf der Leinwand erfolgt per Mensch davor. Jeder Wimpernschlag und jede Blickrichtung des künstlichen Auges sind so manipulierbar. (c) alle 3 Bilder: Dream

Auf der FMX gab es noch viel mehr zu staunen und zu erfahren. Zeigten wir oben, dass Künstler versuchen, die Realität so genau wie möglich mit allen technischen Tricks und Rechenleistung nachzubilden – was Hochleistungscomputer mit der Verarbeitung von Terrabytes mittlerweile können – so gibt es auch den genau umgekehrten Weg: zurück zur Zeichnung.

Bad Guys ist ein witziger und unterhaltsamer Zeichentrickfilm von Dreamworks über eine Tieregang. Auto-Verfolgungsjagden (zum Schreien komisch) und anderes, was man aus normalen Actionfilmen kennt – nur eben als Comic. Das besondere daran: Jede Szene wurde nach ihrer perfekten 3-d Computererstellung zeichnerisch bereinigt, downgegraded im Detail, als wäre sie handgezeichnet. Das online zu sehen (darf leider hier aus rechtlichen Gründen nicht optisch wiedergegeben werden) ist eine Welt für sich. Genau für solche Aha-Momente lohnt es sich, die FMX zu besuchen. Das Film-Ergebnis ist sehenswert, auch wenn der Erstellungsprozess (zumindest für mich) zunächst absurd anmutet.

Die Verbindung von Innovation und kreativem Geschichtenerzählen zeigten die neunfachen Emmy-Preisträger Baobab Studios. NAMOO ist ein erzählerisches Gedicht, das durch handgefertigte Animation zum Leben erweckt wird. Inspiriert vom Tod des Großvaters des Regisseurs, folgt NAMOO – was auf Koreanisch „Baum“ bedeutet – den schönen und herzzerreißenden Momenten im Leben eines Mannes, von Kindheit bis zum Tod. Autor und Regisseur war der Oscar-nominierte Filmemacher Erick Oh (OPERA). 12 Minuten Traum, Verträumtheit, Nachdenken und Weiterdenken. Sehenswert.

Das war nur das Programm für die Online-Veranstaltungen am Freitag: 9 parallele Veranstaltungen, die meist nur live laufen und aus rechtlichen Gründen (Downloads und Mitschneiden ist ein absolutes No-Go) später nicht mehr abrufbar sind. Da ich keinen A0(!)- Drucker besitze, wurde diese Seite aus neunen DinA4-Seiten zusammengesetzt. Die letzte Veranstaltung endete um 23:30…

Die Abbildung des Freitag-Schedules soll veranschaulichen, dass es absolut unmöglich ist, sich alles auf der FMX anzusehen oder an allen Veranstaltungen teilzunehmen. So fiel etwa alles über Audioproduktionen, was mich auch brennend interessiert hätte, dem zum Opfer. 😦


*FMX = Film & Media Exchange, Fachveranstaltung für Medienschaffende in der Film- und Games-Branche.

2022 fand die FMX vom 3. bis 6. Mai 2022 in Stuttgart als hybride Konferenz statt. Fachleute und Studierende aus aller Welt trafen sich zum Austausch vorort und am Freitag nur Online.


** (Und wenn man als Pilot die Flugbewegungen des realen Vogels mit einem Flugzeug mit starren Flächen vergleicht, sieht man, wie weit die Natur der menschlich erzeugten Technik noch immer voraus ist…)

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