Luftfahrt Ausblick 2023

2022: Die Flugverbindungen im Streckennetz hinken dem Flugaufkommen in praktisch allen Staaten deutlich hinterher. Die Inlandsmärkte bleiben in vielen Fällen weit hinter dem allgemeinen Erholungsdurchschnitt zurück.
(c) alle Illustration Eurocontrol

Das sieht ja nicht so gut aus für den Luftverkehr in Europa: Durch die Coronazeit fielen mehr Strecken weg als neue dazu kamen. Eine genaue Analyse und einen Ausblick liefert der Report EUROCONTROL Analysis Paper: 2022 – The year European aviation bounced back, der Basis für diesen Beitrag ist.

Luftverkehr

Die Erholung des Luftverkehrs nach Omikron ist nach wie vor sehr uneinheitlich. Das Aufkommen für Fluggesellschaften, Flughäfen, Staaten und Flugsicherungsorganisationen sowie das regionale Verkehrsnetz schwankt im Durchschnitt zwischen 70 % und 110 % des Niveaus von 2019, mit einigen extremen Ausreißern.

Trotz aller anders gearteten Unkenrufe ist die Nachfrage nach Flügen enorm. Der Hunger ist riesig, wieder an andere Reiseziele zu gelangen als es zu Fuß oder mit dem Fahrrad möglich ist – oder nur zu Zielen, die mit den überquellenden öffentlichen Verkehrsmittel sinnvoll erreichbar sind. Leider sind viele Flughäfen, Fluglinien, die Organisationen am Boden (Schlepper, Loader, Catering)… nicht in der Lage, die in der Krise schnell entlassenen Fachkräfte wieder zu beschäftigen. Gerade die in ihrem Job Guten fanden vielerorts andere Beschäftigung, bei der sie besser bezahlt werden und neben normalen Arbeits- und Urlaubszeiten auch mehr Anerkennung bekommen.

Durch die Personal- und Kapazitätsengpässe nahmen in der gesamten Branche Verspätungen und Unpünktlichkeit im gesamten europäischen Streckennetz stark zu. Die Pünktlichkeit bei Ankunft und Abflug war mit 72 % bzw. 66 % in beiden Fällen um etwa 6-7 Prozentpunkte schlechter als 2019 – im Hochsommer sank sie in beiden Fällen auf 40-50 %.

Die aufgestaute Nachfrage brachte die Bilanzen der meisten Fluggesellschaften zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie wieder in die Gewinnzone, wobei sich die Verbrauchernachfrage trotz steigender Ticketpreise als widerstandsfähig erwies.

Low-Cost-Carrier waren die große Erfolgsstory des Jahres 2022 und übertrafen (mit 85 % des Jahres 2019 insgesamt) den Mainline- (75 %) und den Regionalsektor (74 %), wobei das Segment das Jahr mit einem Marktanteil von 32,3 % knapp hinter den Mainline-Carriern (32,4 %) abschloss. Dagegen liegen der Frachtverkehr (106 %) und die Geschäftsluftfahrt (116 % ) beide weit über dem Niveau von 2019.

Ryanair führt im achten Jahr in Folge die Fluggesellschaften Europas an bei der täglichen Fluganzahl. Ryanair schloss das Jahr mit einem starken Plus von 9 % gegenüber 2019 ab und setzte seinen Wachstumstrend mit durchschnittlich 2 536 Flügen pro Tag fort.

Als traditionelle Mainline-Carrier, die mit einem Drehkreuzmodell (Hubs) arbeiten, nehmen Lufthansa, Air France und KLM die Plätze 4 – 6 ein. Sie erholten sich  langsamer als ihre Low-Cost-Pendants. Insbesondere Lufthansa (-29 % gegenüber 2019) sah nur eine schwache Erholung der deutschen Binnenachfrage – durch einen Anstieg alternativer Reisemethoden und einem Rückgang der Geschäftsreisen mit Linienflugzeugen.

Flugsicherung

Das Gesamtverkehrsaufkommen erreichte 2022 zwar nur 83 % des Niveaus von 2019, aber die Streckengebühren stiegen. Der Gesamtbetrag, der den Luftraumnutzern im Bereich der Eurocontrol-Streckengebühren in Rechnung gestellt wird, liegt bei 95 % des Niveaus von 2019 und beläuft sich auf insgesamt 7,0 Mrd. EUR (Januar bis November). Dies spiegelt eine rasche Erholung wider, wobei die ab Juli 2022 in Rechnung gestellten Streckengebühren durchweg auf oder über dem Niveau von 2019 liegen. Insgesamt beläuft sich der geschätzte Rechnungsbetrag für das gesamte Jahr 2022 auf 7,5 Mrd. EUR.

Die Flughäfen

Da der außereuropäische Verkehr (74 % des Jahres 2019) weiterhin schwächer ist als der innereuropäische Verkehr (85 % des Jahres 2019), blieben alle großen europäischen Flughafendrehkreuze mit Ausnahme von Istanbul iGA zwischen -18 % und -32 % unter dem Niveau von 2019; einige kleinere Flughäfen, die überwiegend rein europäische Ziele bedienen, beendeten das Jahr jedoch näher am oder sogar über dem Verkehrsaufkommen von 2019.

Die beiden Flughäfen mit der niedrigsten Abflugpünktlichkeit waren Lissabon (54,1 %), was vor allem auf Verspätungen der Fluggesellschaften und auf Folgeverspätungen zurückzuführen ist, und Frankfurt (55,7 %), das Berichten zufolge von einem gravierenden Mangel an Flughafenpersonal betroffen war. Die beiden anderen Flughäfen mit einer Abflugpünktlichkeit von unter 60 % waren Paris CDG (56,8 %), das im Sommer von Streiks betroffen war, und London Gatwick (57,5 %).
Oslo und Madrid führen die Liste sowohl bei der Ankunfts- als auch bei der Abflugpünktlichkeit an.

Nach einer Analyse des Fluggastrechteportals Airhelp waren im letzten Jahr 244 Millionen Passagiere von Verspätungen und kurzfristigen Ausfällen betroffen. Bei einer Gesamtheit von 795 Millionen beförderten Passagieren entspricht das knapp 31 Prozent. Im Jahr vor der Corona-Krise 2019 betrug der Anteil bei 1,125 Milliarden Gästen nur 24 Prozent.

Als unpünktlich wurden Flüge bewertet, die mehr als 15 Minuten nach Plan starteten. Ausfälle sind Verbindungen, die in der Woche vor dem geplanten Start abgesagt wurden.

Quelle: Airhelp

Ausblick für 2023

Verspätungen im Sommer 2023 zu reduzieren wird eine immense Aufgabe für alle Akteure darstellen, da die Probleme im Luftraum aufgrund des Ukraine-Kriegs, der verspäteten Auslieferung neuer Flugzeuge, möglicher Arbeitskampfmaßnahmen, Systemänderungen und der unsicheren Wiederöffnung der asiatischen Märkte noch immer präsent sind.

Soll der Luftverkehr die anspruchsvollen Nachhaltigkeitsziele erreichen, muss das Tempo des Wandels beschleunigt werden. Im Jahr 2022 wurde eine Vielzahl neuer Initiativen gestartet, doch sind weitere Investitionen und stärkere Anreize erforderlich. Zu den Abwärtsrisiken, die eine Erholung des Luftverkehrs verzögern oder unmöglich machen können, zählen insbesondere die Wirtschaft, Treibstoffpreise und der Personalmangel/die Arbeitsbeziehungen, ebenso das eher schwache Wirtschaftswachstum, die hohe Inflation und der Kapazitätsmangel in der europäischen Luftfahrt.

All dies bedeutet, dass 2023 das anspruchsvollste Jahr für die Branche Luftfahrt sein wird, was die Anpassung der Kapazität an die Nachfrage und die Verringerung der Verspätungen angeht. Dies wird allen betrieblichen Akteuren der Luftfahrt, die auf der Grundlage der Erfahrungen von 2022 bereits sorgfältig planen, enorme Anstrengungen abverlangen.

Der Report geht davon aus, dass der europäische Luftverkehr im nächsten Jahr 92 % des Wertes von 2019 erreichen und sich erst im Laufe des Jahres 2025 vollständig erholen wird.


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