Die Zeit: ein Flug

(c) für alle drei Illustrationen dieses Beitrages: Rowohlt

Stammlesern von flugundzeit ist meine Vorliebe für den italienischen Physiker Carlo Rovelli bekannt. Es gibt wenige Naturwissenschaftler, denen ich zugestehe, dass sie ihre Ansichten und ihr Wissen tatsächlich für die Allgemeinheit mit Vergnügen und leicht lesbar darstellen.

Behaupten tun dies eine Menge. Rovelli aber ist einer, der Wissenschaft wie einen Krimi verpackt, der „Philosophie, Poesie, Biologie und sogar Musik“ (La Repubblica) miteinander faszinierend verbindet.

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Weihnachtsbücher 4: Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint

Endlich. Endlich komme ich zu Carlo Rovelli. Carlo Rovelli, Professor für Theoretische Physik an der Universität Marseille, um genau zu sein.

Rovelli1Bereits im Sommer entdeckte ich ein Postkartenkleines Büchlein in der Stadtbibliothek. Inmitten all der anderen Hunderten dicken, wichtigen, bunten, gebundenen Ausgaben und strotzigen Paperbacks. Die Schlichtheit und gleichzeitige Eleganz des schwarzen Covers, mit Buchstaben in zartem goldfarbenem Druck, stach heraus wie eine anmutige Naturschönheit unter dick geschminkten, aufgedonnerten Frauen.

Nun soll man ein Buch ja nicht nach dem Äußeren beurteilen, sondern nach seinem Inhalt und was kann da auf knapp hundert Postkartenseiten schon stehen?

Nichts weniger als die Physik der Moderne: Einstein und die Relativitätstheorie, Max Planck und die Quantenmechanik, die Entstehung des Universums, Schwarze Löcher, die Elementarteilchen, die Beschaffenheit von Raum und Zeit – und die Loop-Theorie, sein ureigenstes Arbeitsfeld.*  Alles in messerscharf klaren Sätzen. Verständlich für jedermann und das auch noch unterhaltsam und humorvoll. Praktisch dargestellt und erklärt.

Ich hatte das Büchlein: Sieben kurze Lektionen über Physik am selben Abend sofort ausgelesen, verschlungen, und war von der Eleganz und Schönheit des Inhalts bezaubert. Besser geht es nicht. Ein Buch, das jeder verstehen kann mit Lesevergnügen zum Staunen, Genießen und Mitreden können.

Eine Leseprobe aus dem Buch (der Anfang).

Und einige Zitate anderer aus dem Internet (normalerweise schreibe ich bekannterweise gerne meine eigene Ansicht der Dinge, aber ich könnte alles hier im folgenden Geschriebene nur wiederholen, es stellt exakt meine Empfehlung dar):

Faszinierend, dass ein so kurzes Buch derart tiefgründig sein kann. (The Guardian)

Ein Überraschungs-Bestseller. Das interessanteste Science-Buch des Jahres. (The Daily Telegraph)

Das neue Kultbuch – wahrscheinlich das Weihnachtsgeschenk des Jahres. (The Evening Standard)

Kurz und schwungvoll. Die «Sieben kurzen Lektionen über Physik» wirken wie Espresso. (The New York Times)

Bezaubernd. Die Bilder sind lebendig, die Visionen dramatisch. (Nature)

Knapp, elegant und vor allem gut lesbar … nach der Lektüre fühlt man sich klüger. Rovelli hat etwas bei Büchern über theoretische Physik noch nie Dagewesenes geschafft: Die meisten, die dieses Buch angefangen haben, haben es wohl auch zu Ende gelesen. (The Times)

Schmale Bändchen sind gewöhnlich die Domäne der Poesie, aber dieses wunderbar ausgestattete kleine Buch zeigt, dass die Naturwissenschaft mit ihrer Neugier, ihrer lebhaften Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und ihrer Bereitschaft, vorgefasste Sichtweisen in Frage zu stellen, auch eine Form der Poesie ist. (Financial Times)

Eine erstaunliche und illustrative Quintessenz aus Jahrhunderten von Naturwissenschaft. (The Economist)

Wenige Autoren, von Physikern nicht zu reden, erfassen die Schönheit der Natur und das Aufregende ihrer Entdeckung in solch klarer, reicher Prosa. (New Scientist)

Das Buch hält mehr, als es verspricht. (Süddeutsche Zeitung zu «Sieben kurze Lektionen über Physik»)

Carlo Rovelli beweist, wie verführerisch Wissenschaft sein kann. (La Repubblica)

Ein bemerkenswert literarischer Essay über die Grundlagen der Physik. (Corriere della Sera)

Seit kurz vor Weihnachten gibt es nun für alle Rovelli-Angefixten einen weiteren Band des italienischen Physikers: Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint. Hier fragt er: Was ist Wirklichkeit? Existieren Raum und Zeit tatsächlich, wenn wir uns anschicken, die elementarsten Grundlagen unserer Existenz zu erforschen? Wieviel davon können wir überhaupt verstehen?

Link zu Auszug bei google books

Rovelli zeichnet ein neues Weltbild mit einem physikalischen Universum ohne Zeit, einer Raumzeit, die aus Schleifen und Körnchen besteht und in der Unendlichkeit nicht existiert. Eine Kosmologie, die ohne Urknall und Paralleluniversen auskommt und hier zum ersten Mal von einem ihrer «Erfinder» für ein breites Publikum simpel und umfassend erklärt wird. In diesem Buch nimmt er den Leser auf eine auch vergnügliche historische Reise mit, die vom Realitätsverständnis der griechischen Klassik bis zur Schleifenquantengravitation führt.

«Von Natur aus wollen wir immer mehr wissen und immer weiter lernen. Unser Wissen über die Welt wächst. Uns treibt der Drang nach Erkenntnis und lernend stoßen wir an Grenzen. In den tiefsten Tiefen des Raumgewebes, im Ursprung des Kosmos, im Wesen der Zeit, im Schicksal der Schwarzen Löcher und im Funktionieren unseres eigenen Denkens. Hier, an den Grenzen unseres Wissens, wo sich das Meer unseres Nichtwissens vor uns auftut, leuchten das Geheimnis der Welt, die Schönheit der Welt, und es verschlägt uns den Atem.» Carlo Rovelli.

Stoff zum Weiterdenken und für Diskussionen.

Das Buch hat normale Größe und vielleicht nicht ganz so die Potenz auch unbedarfte Millenials für die Wissenschaft zu begeistern. Allerdings ist es das erste, das diese Thematik populärwissenschaftlich erklärt und Stil und Inhalt sind von (fast wollte ich sagen: gewohnter) Klarheit und Prägnanz.

Die Schönheit der Physik.

Ebenbürtig in der Schönheit ihrer Erklärung.

Wissen durch ein Verstehen, so leicht und beschwingt wie eine Feder, die sich im Wind vergnügt.


*Rovelli gehört zu den weltweit führenden theoretischen Physikern. Sein Spezialgebiet ist die Quantengravitation, eine Theorie, die „eines der großen offenen Probleme“ (Rovelli) in der Physik zu beschreiben versucht.