iSkin: der Touchscreen am Unterarm

Auch in Airbussen und Boeings der neueste Generation ist die Eingabe der Piloten ins Bordcomputer-System mehr als altertümlich: Buchstabentaste per Buchstabentaste wird mühsam manuell am Eingabecomputer fürs ACARS-System gedrückt. Das dauert. Auch für kurze Mitteilungen.

Die Zukunft steht zumindest an der Universität des Saarlandes (so viel Zeit muss sein) schon in den Startlöchern. Dort haben Informatiker gemeinsam mit Forschern der Carnegie Mellon University in den USA eine komplett abgefahrene Art der Mensch-Maschine-Schnittstelle entwickelt.

hand
Foto: Oliver Dietze, Universität des Saarlandes

Eine auf die Haut aufklebbare berührungsempfindliche Folie aus flexiblem Silikon ist mit leitfähigen Elektrosensoren bestückt. Wählt das Model auf dem Foto nun per Streicheleinheit iTunes oder startet sie besser doch die Präsentation fürs nächste Meeting?

Gedacht ist die neue Eingabe vor allem zur Steuerung von mobilen Geräten. Denn die Smartwatches sind zwar schon länger in der Diskussion, sollen demnächst zumindest von Apple nach Vorhersagen den Markt erobern, aber viel kann man an dem kleinen Display nicht einstellen. Die Ultima Ratio Lösung wird die Uhr-Schnittstelle wohl auf die lange Sicht nicht werden.

Zwar hat die Klebefolie bereits den „Best Paper Award“ der  SIGCHI-Konferenz im April in Seoul erhalten; sie funktioniert zurzeit aber nur, wenn sie noch per Kabel an einen Computer angeschlossen ist. Das soll in Zukunft drahtlos funktionieren, auch mit mehreren mobilen Geräten.

iSkin, wie die Forscher um Professor Jürgen Steimle ihre Entwicklung nennen, lässt sich in allen möglichen Formen und Größen produzieren. In Miniausführung etwa für einen Finger, oder in Form einer Note für den Musikplayer oder wie auch immer sich der Kunde seine Eingabeschnittstelle vorstellt. Die Eingabefläche kann technische Befehle empfangen, ausführen und so mobile Geräte fernsteuern. Je nach Ausführung lässt sich so per Fingerdruck etwa ein Anruf annehmen oder die Lautstärke eines Musikspielers regulieren. Die Sensoren sollen, so die Wissenschaftler, Eingaben auch noch korrekt erkennen, wenn die Folie um 30 Prozent gedehnt ist oder bis zu einem halben Zentimeter gekrümmt ist.

MCDU1
Bord-Computereingabe im Airbus A320. Genauer gesagt: Die Tastatur der MCDU als Eingabe fürs FMS und ACARS.
Foto: hkl

 

 

Für Berufspiloten, für die die Eingabe in den Bordcomputer per Touchpad schon ein unvorstellbares Zukunftsereignis ist, wird das in absehbarer Zeit sicher keine Lösung sein.

Der Grund für die altertümlichen Bordcomputer liegt in der Krux der Zulassung weltweit. Bis eine Technik alle notwendigen Stufen und Erprobungen durchlaufen hat, sind die Consumerprodukte in ihrer Entwicklung schon Generationen weiter.

ipad1
iPad Mini in einer Cessna. Hier hilft das iPad dem Piloten als unterstützendes Instrument zur Luftfahrttechnisch zugelassenen Navigation im Flugzeug. Foto: hkl

 

In der General Aviation (Privatluftfahrt) ist man da schon weiter: Für sogenannte Experimentals, das sind Flugzeuge, die bevorzugt in den USA mit einer Ausnahme-Zulassungsgenehmigung fliegen, hat Garmin in einem ersten Schritt ein GPS-Nav-Gerät mit Touchscreen vorgestellt.

Wer sich die Touchfolie in Natura ansehen und ausprobieren möchte: iSkin ist vom 16. bis zum 20. März auf der Computermesse Cebit 2015 in Hannover  (Halle 9, Stand E13) zu begutachten.

Golf November – Hommage an alle Rettungsflieger

(c) Deutsche RettungsFlugwacht (DRF) Mannheim

Gestern, kurz nach meiner Landung in Mannheim mit der Cessna, landete auch der dort ansässige Intensivtransporthubschrauber der Deutschen RettungsFlugwacht (DRF) zum Auftanken. Alles, bei märchenhaftem, fast unwirklichem Sunset im aufkommenden Abenddunst. Da erinnerte ich mich an den wohl schönsten Song von Reinhard Mey.

Nein, nicht der Gassenhauer „Über den Wolken“, sondern eine musikalisch erzählte Geschichte über einen Rettungseinsatz der Hannoveraner Kollegen, der wohl tatsächlich stattgefunden hat.
(Mit Dank an die deutsche Hubschrauberpilotin Renate Strecker, Redakteurin des Aerokurier, die mich vor Jahren darauf aufmerksam machte.)

Titel des Songs ist „Golf November“,  eine Abkürzung des Kennzeichens des Hubschraubers D-HKGN (D für Deutschland, H für Hubschrauber und KGN als weitere Kennzeichnung); aus dem Album: Farben.

——————————————————–

Golf November

Die letzten Einkäufe gemacht
Der Dienst geht heut bis kurz vor acht,
Freitag, der 23. Dezember.
Ein Blick aufs Vorfeld, es schneit.
Da draußen steht sie startbereit,
Die D-HKGN.

Der Nachmittag nimmt seinen Lauf,
Der Doktor klart den Schreibtisch auf,
Der Flieger isst sein Wurstbrot mit Behagen.
So haben die zwei oft gewacht,
Zusammen manchen Flug gemacht
Und noch mehr Zeit zusammen totgeschlagen.
Der Wettermann sagt: schlechte Sicht
Im Westen Bremen ist schon dicht,
Minus vier Grad mit starken Niederschlägen;
Um drei Uhr ist die Kaltfront hier.
Der Flieger streicht sein Brotpapier
Und faltet es bedächtig: „Meinetwegen“.
Der Doktor rumort nebenan,
Sucht Filtertüten, macht sich dran,
Tassen zu spülen und Kaffee zu kochen.

Aber der Notruf kommt vorher:
Am Ostufer, Steinhuder Meer,
Ein Kind ist im dünnen Eis eingebrochen.
Der Doktor trommelt: „Tempo Mann!“,
Der Flieger läßt das Triebwerk an,
Ein Dutzend bunter Lämpchen sind zu testen,
Und kaum da er den Tower ruft,
Hat er den Vogel in der Luft,
Quer übern Platz und auf dem Kurs nach Westen.
Schon taucht er ein im düsteren Grau,
Hier kennt er jeden Busch genau,
Jeden Schornstein, alle Hochspannungsmasten.
Noch keine fünf Minuten sind
Verflogen, als er schon beginnt,
Sein Ziel in Bodennähe zu ertasten.
Ein zweites Flugzeug, Phönix III
In dreihundert Fuß ist dabei,
Den See in größ’rer Höhe zu umkreisen,
Um aus der bess’ren Übersicht
Der Golf-November, die ganz dicht
Über dem Wasser schwebt, den Weg zu weisen.

War da ein Schatten unterm‘ Eis?
Die Golf-November ist im Weiß
Von aufwirbelndem Pulverschnee verschwunden.
Da war’s, in Position neun Uhr,
Da drüben links, drei Meter nur,
Da ist es, ja, sie haben es gefunden!
Der Flieger setzt im Schwebeflug
Seine Maschine fest genug
Auf’s Eis, um mit den Kufen einzubrechen,
Und hält sie dann in Maßarbeit,
Wie festgeschraubt, zwei Fingerbreit,
Über den trügerischen weißen Flächen.
Der Doktor wagt’s und seilt sich ab,
Steigt auf die Kufe, viel zu knapp
Die Zeit, um Rettungsgerät zu besorgen,
Kniet hin aus waghalsigem Stand,
Packt zu und hat mit sichrer Hand
Die kleine, leblose Gestalt geborgen.

Leistung und Steuerknüppel vor:
Die Golf-November schießt empor,
Und wieder ist’s ein Wettlauf um Sekunden.
Und bald ist die kostbare Fracht
Behutsam versorgt und bewacht,
Hinter gläsernen Kliniktrür’n verschwunden.

Das war’s, die Anspannung schlägt um
In Müdigkeit, die Zwei steh’n rum,
Keiner hat ein Wort herauszubringen,
Während da drin mit aller Kraft,
All ihrer Kunst und Meisterschaft,
Ein Dutzend Menschen um ein Leben ringen.

Dreitausend Stunden auf dem Bock,
Und immer noch der gleiche Schock,
Den hilft keine Gewohnheit überwinden.
Eintausend Einsätze und mehr,
Und immer noch genauso schwer,
Sich mit unserer Ohnmacht abzufinden.

Die Front ist da, es dunkelt schon,
Und in der engen Wachstation
Sind bleiche Neonleuchten angegangen.
Der Flieger füllt den Dienstplan aus,
Der Doktor schaut zum Fenster raus,
Und ein Gedanke hält die zwei gefangen.
Doch keiner, der das Schweigen bricht.
Die winz’ge Chance nur, mehr nicht!
Beide würden sie viel dafür geben…

Und da zerreißt das Telefon
Die Stille in der Wachstation
Und eine Stimme sagt, das Kind wird leben.
Der Doktor hängt der Hörer ein.
„Der Kaffee dürfte bitter sein,
Egal, ich nehm ’ne Tasse, Du auch eine?“
Der Flieger nickt von seinem Platz
Und schreibt Anlass: Rettungseinsatz
Besondere Vorkommnisse : – keine

——————————————————–

Im iTunes Store (und sicher auch in anderen Online-Musikstores) gibt es eine kostenlose An-Hörprobe (Titel 11).
(1,29 Euro kostet der legale Download für die außergewöhnlichen 4 Minuten 33)

Link zu einem YouTube-Video

Und für die Gitaristen der Link zu den Noten