Lift-Off: Zündeln auf der ISS

Für ein richtig schönes Lagerfeuer braucht es Sauerstoff (und noch einiges andere). Im Weltall außerhalb einer Raumkapsel sind Brände also eher unwahrscheinlich. Drinnen allerdings, etwa auf einer Raumstation, in der Menschen normal atmen können, sieht es da schon anders aus.

Wie genau anders, das erforscht das Bremer ZARM demnächst mit einem CYGNUS-Raumtransporter der US-amerikanischen Firma Orbital ATK, der auf einer Antares 230 Rakete von Wallops Island, Virginia, zur Internationalen Raumstation ISS starten soll.

An Bord einer Raumstation brennt ein Feuer deutlich schwächer als am Boden und die Ausbreitung ist stark verlangsamt, örtlich wird es aber viel heißer, da der fehlende Auftrieb in der Schwerelosigkeit die heißen Abgase nicht von der Brandstelle fortträgt. Ein Material, das im Erdlabor von selbst verlischt, kann also auf einer Raumstation im All durchaus weiter brennen. Auch sehen die bisherigen Standardtests nur die Untersuchung glatter, ebener Proben vor. Unsere alltägliche Erfahrung zeigt uns jedoch, dass Ecken und Kanten leichter Feuer fangen als eine Fläche. Daher ist die Brandgefahr im Inneren einer Raumstation, die nicht vollkommen glatt und ohne Strukturen ist, auch wahrscheinlich höher als die bisherigen Testverfahren vermuten lassen.

Im Rahmen des internationalen SAFFIRE II Experiments, geleitet und finanziert von der NASA, untersucht das ZARM daher die Verbrennung und die Flammenausbreitung einer großen Acrylglasprobe mit strukturierter Oberfläche. Die wird in einem offenen Windkanal bei einer Luftgeschwindigkeit – ähnlich der von Klimaanlagen an Bord der ISS – entzündet und erforscht.

Die Idee dazu kam 2011 mit der Planung des SAFFIRE-Experiments auf, da sich damit diese gefährlichen Versuche auf einem Raumtransporter durchführen lassen, der am Ende ohnehin in der Erdatmosphäre verglüht.

Gespannt blickt das ZARM schon auf den Raketenstart, da der letzte Start der Antares 130 Trägerrakete im Oktober 2014 missglückte. Die Rakete stürzte ab, wurde völlig zerstört und das Launch-Pad schwer beschädigt. Am 14. Oktober 2016 soll sich nun die Nachfolgerakete Antares 230 zum ersten Mal bewähren. Sie ist in der ersten Stufe mit zwei russischen RD 181 Motoren ausgestattet.

Auf einen Blick

14. Oktober 2016 ab 2:15 (MESZ) / 13. Oktober 2016 ab 8:15 p.m. (EDT): Countdown für den Raketenstart in Wallops Island, Virginia, USA
16. Oktober 2016 ab 11:45 (MESZ) / 16. Oktober 2016 ab 5:45 a.m. (EDT): Andocken von CYGNUS an die ISS
18. November 2016 (Uhrzeit tbd): Abdocken der CYGNUS-Kapsel und Durchführung des SAFFIRE II-Experiments
Live-Stream des Raketenstarts
Animation des Missionsverlauf und des SAFFIRE II-Experiments (englisch)

Update 13.10. : Der Raketenstart verschiebt sich!
Zunächst wurde der Start auf Samstag wegen kleinerer, technischer Probleme und Auswirkungen des Hurricanes Matthew verschoben und nun steht ein neuerlicher Termin für Montag fest.
Dazu Projektleiterin Dr. Lucie-Patrizia Arndt:

Es bleibt spannend, nun erfordert der Tropensturm Nicole eine Verschiebung des Raketenstarts auf  Mo, 17. Oktober, 2:05 Uhr (MESZ). Wir geben auf unserer Homepage die Updates laufend bekannt, sodass Sie immer auf dem neuesten Stand sind.

Raketenstarts sind trotz all der Routine noch immer eine aufregende Sache.

 

Update 16.10.  von Projektleiterin Dr. Lucie-Patrizia Arndt:

Unsere Geduld wird erneut auf eine Probe gestellt. Orbital ATK hat gemeinsam mit der NASA vor wenigen Minuten einen Aufschub des Raketenstarts um 24 Stunden angekündigt:

Der Grund: Ein defektes Versorgungskabel der Bodenstation an der Startrampe, die die Rakete vor dem Start mit dem Kontrollzentrum verbindet, verursacht eine Verzögerung des Raketenstarts um 24 Stunden. Ersatzteile seien vor Ort und ein Technikerteam habe bereits mit der Reparatur begonnen, wie NASA und Orbital ATK bekannt geben.

Neuer Starttermin:
Dienstag, 18. Oktober 2016, 01:40 (MESZ) / October 17, 2016; 7:40 p.m. (EDT)
Live-Stream des Raketenstarts

Update 18.10.  Und es hat gklappt. Zumindest der Start. Der Erfolgsbericht nach einer langen Nacht im ZARM von Dr. Lucie-Patrizia Arndt:
Update 16.10. 

Der Raketenstart erfolgte nach Plan um 1:45 Uhr (MESZ). Die Highlights hat die NASA mit kurzen Clips bei Twitter eingebettet: https://twitter.com/NASA

Das Andocken der CYGNUS-Raumkapsel an die ISS wird erst für kommenden Sonntag, 23.10.2016 erwartet, da kurz zuvor eine russische Raumkapsel mit 3 Astronauten die ISS erreichen wird; es herrscht in den nächsten Tagen also ein reges Treiben rund um die Raumstation. Die CYGNUS-Kapsel wird für etwa 5 Wochen an der Raumstation angedockt bleiben und mit der Abkoppelung von der ISS (ca. Mitte/Ende November) wird dann das SAFFIRE II-Experiment gestartet werden.

Die besten Wünsche ans Team für den weiteren Projetkerfolg von FlugundZeit!

Rover rollt auf der Erde, gesteuert aus der ISS

ESA-Astronaut Tim Peake steuert erstmals am Freitag, 29. April 2016 von der ISS aus einen Rover auf der Erde. Das Meteron-Projekt, an dem mehrere internationale Raumfahrtagenturen beteiligt sind, soll ein erster Schritt zur gemeinsamen Erforschung unseres Sonnensystems durch Roboter und Menschen sein.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf der manuellen und automatischen Steuerung unter variierenden Lichtverhältnissen, einschließlich absoluter Dunkelheit. Dabei rollt der Rover in einem der Marsoberfläche nachempfundenen Testbett von Airbus DS, in Stevenage, Großbritannien.

Das Experiment setzt das „Disruption Tolerant Networking“ (DTN) ein, ein Weltraum-Internet, um Befehle von der ISS zum Rover zu senden. Diese Netzwerk-Technologie kann mit Kommunikationsabbrüchen und großen Latenzen umgehen, wie sie in zukünftigen Missionen erwartet werden, bei denen Astronauten an Bord einer Raumstation mit robotischen Rovern auf den Oberflächen von Mond oder Mars arbeiten.

Das Hauptkontrollzentrum und der Netzwerkknoten für dieses Live-Experiment sind am ESA/ ESOC in Darmstadt.

Weiterführende Informationen:

http://blogs.esa.int/tim-peake/2016/03/15/space-to-ground-remote/

Raumfahrtbits (1) und Automation und Disaster (2)

(1)Social Net Star und Raumfahrer Alexander Gerst ist wieder wohlbehalten in Deutschland. Er war der erste, der schon wenige Stunden nach einem Aufenthalt in der Erdumlaufbahn wieder munter auf eigenen Beinen spazierte. Und er hat nicht nur „dort oben“ seine Aufgaben erfüllt, er hat auch die europäische Raumfahrt erfolgreich in den sozialen Netzwerken positioniert. Die alten Medien werden in den nächsten Tagen ausreichend über seine Erlebnisse und Erfahrungen berichten.

Morgen soll nun endlich die erste Landung auf einem Kometen erfolgen. Lander Philae soll gegen 9.35 Uhr mitteleuropäischer Zeit in 22,5 Kilometern Höhe von der Raumsonde Rosetta abdocken und auf den Kometen heruntersinken.

Das Team des Lander Control Centers rechnet damit, gegen 17 Uhr die Landung bestätigen zu können. Wenn die dafür erforderlichen Daten aus dem Weltall im Kontrollraum in Köln ankommen, steht Philae bereits seit knapp 30 Minuten auf der Kometenoberfläche, denn durch die große Entfernung kann der Kontakt zum Lander nicht in Echtzeit erfolgen.

Soweit die News aus der Raumfahrt. Themenwechsel.

(2) In der Luftfahrt gibt es zurzeit in Pilotenkreisen im Netz heftige Diskussionen zu alt bekannten Themen, die leider zunehmend aktuell werden: Der Grad der Automatisierung und seine Auswirkungen.

In einer Analyse rollt Autor William Langwiesche in Vanity Fair nochmals die Ursachen vom Absturz des Air France Fluges 447 auf. Langwiesche argumentiert, dass den heutigen Airline Piloten zunehmend die Kenntnisse und Fähigkeiten fehlen, um Ausnahmesituationen zu bewältigen. Das sei eine nicht beabsichtigte Folge der zunehmenden Entwicklung von Flugzeugen, die jeder fliegen können soll. Die Basic Flying Skills (= das Wissen und Handling um die Tatsache: Warum das Flugzeug was wie wann tut, nach einem Piloteninput oder es eben nicht tut) sind bei heutigen Piloten oft nicht mehr vorhanden. Jets der vierten Generation bringen Piloten ins Cockpit, die mangels notwendiger Fähigkeiten früher nie da gelandet wären, schreibt der anerkannte Luftfahrt-Autor.

Die teils heftigen Reaktionen im Netz auf den Artikel zeigen sich auch bei der Argumentation von Patrick Smith, eigentlich einem Fan von Langwiesche. Er teilt zwar die Meinung, dass die Hands-on flying skills (das Fliegen von Hand möglichst ohne Computerunterstützung) bei der Ausbildung der Piloten über die Jahre zunehmend vernachlässigt werden. Er meint aber, dies sei auch nicht mehr so notwendig. (Und trifft dabei voll ins Füllhorn von Herstellern und Koste-es was-es wolle-Spar-Fluglinien)

Der Air France Unfall erfolgte nach einer Kette von misslichen Umständen, mit unter anderem Vereisung des Pitotrohrs und der nicht erfolgreichen Problemsuche von mehreren Piloten gleichzeitig.

(Ein voll funktionsfähiges Pitotrohr ist die Voraussetzung für die korrekte Anzeige wichtiger Fluginstrumente. Auch die Bordcomputer verlassen sich auf deren Daten und berechnen ihre Flugsteuerung aufgrund der Daten dieser Messinstrumente.)

US-Frachtrakete mit Ziel ISS explodiert bei Start

Nur sechs Sekunden nach dem Start explodierte um 18.22 Uhr Ortszeit (23.22 Uhr MEZ) heute nacht eine amerikanische Antares-Trägerrakete im Bundesstaat Virginia. Sie sollte mit der „Cygnus-Kapsel“ 2,2 Tonnen Nahrungsmittel und Ausrüstungsgegenstände zur Internationalen Raumstation ISS an Bord transportieren.

Es gab weder Tote noch Verletzte, aber dafür schwere Beschädigungen an Gebäuden. Nach Informationen eines Sprechers der Nasa soll sich eine „geheime Verschlüsselungsnutzlast“ an Bord der Rakete befunden haben. Deshalb sei nach einer ersten Explosion der Befehl zur völligen Zerstörung des Fluggeräts gegeben worden.

Zur Rakete:

Die USA, die derzeit kein Transportmittel haben, um Menschen zur ISS zu fliegen, sind beim Frachttransport auch auf die Russen angewiesen. Die erste Stufe der zweistufigen amerikanischen Antares-Rakete wird zu einem Großteil in der Ukraine gefertigt. Sie enthält zwei russische Haupttriebwerke (AJ-26), die bei diesem Start zum Problem wurden. Die Nutzlastkapsel „Cygnus“ wird zum Großteil in Italien gebaut.

Durch die politischen Spannungen zwischen Russland und den USA haben die USA vor kurzem beschlossen, die Triebwerke für die größere Atlas-5-Rakete künftig in den USA produzieren zu lassen. Diese Triebwerke der US-Raumfahrtfirma Blue Origin, hinter der Amazon-Gründer Jeff Bezos steht, sind aber erst 2019 einsatzbereit. Heute soll der nächste Start der Atlas-5-Rakete noch planmäßig mit dem bisherigen russischem Antrieb erfolgen.

Ebenso soll heute von Baikonur in Kasachstan eine unbemannte russische Sojus-Rakete mit der Versorgungskapsel „Progress“ zur ISS fliegen und Nahrungsmittel und Fracht für die Internationale Raumstation mitbringen.

Vor diesem Unglück waren noch mindestens sieben weitere“Cygnus“-Missionen geplant. Nun können die USA nur mehr auf den ebenfalls privaten Raumfrachter „Dragon“ der privaten Firma SpaceX zurückgreifen.

Video der Explosion

Das offizielle NASA Statement zum Unfall (Text)

Das Video der Pressekonferenz

Docking Video von Cygnus

ISS: Fang den Transporter und letzter ATV Start

Zwei Ereignisse aus der Raumfahrt erwarten uns in Kürze:

Am 16. Juli 2014 um 12.39 Uhr
Da gibt es für die ISS-Astronauten Nachschub mit 764,2 Kilogramm an Essen, Versorgung und Crew-Paketen. Aber nur, wenn Astronaut Alexander Gerst und sein Kollege Steve Swanson das Transportfahrzeug Cygnus Orbital-2 aus rund 12 Metern Entfernung von der ISS sicher mit dem Roboterarm einfangen, damit es dann an die Raumstation andocken kann. Den Rückflug tritt der Transporter in etwa einem Monat an, gefüllt mit Abfällen, die beim Eintritt in die Atmosphäre über dem Südpazifik verglühen sollen.

Und in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli
startet das letzte ATV an Bord einer Ariane-5 ES von Europas Raumflughafen Kourou in Französisch-Guayana. Das automatische Transferfahrzeug soll am 12. August an der Internationalen Raumstation ISS andocken und sechs Monate später wieder in die Erdatmosphäre

ATV Nozzle. Bild entstand bei beim European Space Research and Technology Centre ESTEC in Nordwijk. (c) H. Kleisny
ATV Nozzle. Bild entstand bei beim European Space Research and Technology Centre ESTEC in Nordwijk.
(c) H. Kleisny

eintreten und damit das ATV-Programm mit einem Himmelsfeuerwerk planmäßig zu Ende führen.

ATV-Technologien sollen beim Entwurf des europäischen Versorgungsmoduls für Orion, dem Mehrzweck-Mannschaftsfahrzeug (MPCV) der NASA, zum Einsatz kommen. Orion soll Astronauten und Fracht bei künftigen Explorationsmissionen über die Erdumlaufbahn hinaus befördern. Die ESA verpflichtet sich zunächst auf die Auslieferung von zwei Modulen für Orion: eines für den Jungfernflug 2017 und das zweite für die erste operationelle Mission in 2021.
ESA TV wird gemeinsam mit Arianespace Fernsehsendern kostenlos einen Live-Videostream des Starts zur Verfügung stellen. Darüber hinaus wurden mehrere Filmbeiträge über die Mission ATV-5 und die weitere Nutzung der ATV-Technologien vorbereitet.

Der Start des ATV Georges Lemaître über Soziale Netzwerke:

Updates gibt es außerdem auf:

 

Alexander Gerst's Start in Baikonur beim Public Viewing im HR

Als Journalist ist man privilegiert, solche Starts in einem der ESA-Zentren anzusehen. Man kann sich aber auch beim Public Viewing unter die Menge mischen und gemeinsam dem Start entgegenfiebern.

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HR-Info Moderator Dirk Wagner vor seinem selbst gebauten Modell der Sojus. Aufgrund der zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen an diesem Abend war die ESA knapp an eigenen Modellen. Rechts neben ihm Astronaut Gerhard Thiele, der fachkundig kommentierte, und Sylvia Kuck, wartend auf die Live-Schaltung nach Baikonur.

Genau das haben wir gestern Abend gemacht und uns den Start der Sojus Rakete in Baikonur angesehen – auf einer gemeinsamen Veranstaltung vom Hessischen Rundfunk und der ESA in Frankfurt.

Die Crew am Boden im Sendesaal: Astronaut und ESA-Mitarbeiter Gerhard Thiele, die HR-Moderatoren Sylvia Kuck und Dirk Wagner sowie Martin Zell von der ESA.

Für den Astronauten Thiele ist das „Hinaus“, das Erforschen, das Unbekannte die

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Die nächste Generation steht schon in den Startlöchern: Besucher Kuno, der Raumfahrer

Treibkraft für sein Interesse in seinem Raumfahrt-dominierten Leben. Leicht nachzuvollziehen (für mich). Gerst sieht das wohl pragmatischer. Er denkt durchaus bereits an die Rückkehr und die Zeit nach dem Weltraumeinsatz.

Viel Publikum beim  Start auch vor den zahlreichen Leinwänden im Sendezentrum, mit dabei etliche „Nachwuchsastronauten“, die schon ganz genau wissen, was sie einmal werden wollen.

Die Crew an Bord der Sojus: der sympathische Deutsche Alexander Gerst mit seinen beiden Teamkollegen, dem russischen Kosmonauten Maxim Surajew und dem Amerikaner Reid Wiseman.

Alle drei sind nach sechs Stunden Flug mittlerweile (um 5.52 Uhr MESZ) gut auf der internationalen Raumstation ISS eingetroffen.

Nach Thomas Reiter und Hans Schlegel ist Alexander Gerst nun der dritte Deutsche an Bord der ISS und insgesamt der elfte deutsche Raumfahrer.

Expedition 40/41 flight engineer Alexander Gerst
Expedition 40/41 flight engineer Alexander Gerst of the European Space Agency (left), Soyuz commander Max Surayev of the Russian Federal Space Agency (center) and flight engineer Reid Wiseman of NASA (right), dressed in their Russian Sokol suits, ready for launch to the International Space Station, on 28 May 2014 from Baikonur Cosmodrome, Kazakhstan. Copyright ESA–S. Corvaja, 2014

Sechs Monate, bis zum 10. November 2014, soll der Geophysiker und Vulkanologe Gerst an Bord der Internationalen Raumstation ISS zahlreiche wissenschaftliche Experimente im europäischen Columbus-Labor durchführen.

Ein anderes Problem ist dem 1976 geborenen Gerst ebenfalls fremd: die Rivalität des kalten Krieges, die sich noch wesentlich später auf die Astronauten auswirkte. Wie mir unabhängig mehrere amerikanische NASA-Astronauten erzählten, war es für sie extrem seltsam, nach Jahren als Kampfpilot, bei denen „der Russe“, der „Iwan“ immer der Böse war, nun auf einer Raumstation mit dem früheren Feind Hände zu schütteln. Ihm gegenüber zu stehen, oder besser zu schweben und auf der Station bei einer extrem unwirtlichen Aussenwelt zusammenzuarbeiten.

Menschen, die die Gelegenheit haben (oder besser: sich erarbeitet haben), auf eine Raumstation zu kommen, sind eher anspruchslos in ihren persönlichen Wünschen. Bei der Planung der ISS waren es die Amerikaner, die unbedingt auf einer Dusche bestanden. (Und sich dann auch durchsetzten.) Die Russen hatten keine auf der MIR und hätten aus Komplexitiätsgründen durchaus auch weiterhin auf der Internationalen Raumstation feuchte Tücher zur persönlichen Hygiene eingesetzt. Aber die kamen ja auch mit Bleistiften in der Schwerelosigkeit klar, während die Amerikaner „Weltraumkugelschreiber“ erfanden, mit denen man auch auf der Erde dann senkrecht an einer Wand schreiben konnte.

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(Kostbares) maßstabsgetreues Modell der ISS, Eigentum der ESA. Leider mit allen Andockpunkten rückwärts Richtung Wand.

Multikulti auf der Raumstation hat eben auch seine Herausforderungen. Obwohl Gerhard Thiele dazu abwiegelnd sagt: „Wir sind alle Raumfahrer und das verbindet mehr als die kulturellen Unterschiede auf der Erde.“

Lautstärke und Geruch auf der Raumstation sind auch stets Themen, die die Menschen am Boden interessieren. An die 80 bis 100 dB, die auf der MIR konstant vorherrschten (sofern alle System funktionierten) gewöhnten sich die Kosmonauten und Astronauten (zwangsweise) schnell. Da gab es kein Gemecker und keine Forderung nach „Schalldämpfern“ oder Nachtruhe.

Und die Antwort auf die gerade von Kindern gern gestellte Frage: „Ob es denn auf einer Raumstation ordentlich miefe, wenn man kein Fenster aufmachen kann?“ habe ich auch noch, ich glaube, von Ulf Merbold in Erinnerung: „In den ersten Sekunden, nach dem Öffnen der Schleuse, bemerkt man den eigentümlichen Geruch, der sich aus den zahlreichen Geräten und natürlich durch die Menschen an Bord zusammensetzt. Aber das ist schnell vorbei. Dann gibt es wesentlich überwältigende, neue Eindrücke, die auf einen einwirken.“
Die schlechte Luft im Raum bei langen Besprechungen bemerken auch eher die von aussen Kommenden, es ist auf der Erde nicht anders.

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Die Soujus-Rakete in Baikonur, wenige Minuten vor dem erfolgreichen Start

Dass jedoch die Zusammensetzung der geatmeten Luft auf der Raumstation stimmt, dafür sorgen zahlreiche Überwachungsgeräte. Vielleicht gibt es auf künftigen, größeren Raumstationen zudem die Einstellung: Waldluft oder Schwimmbad – je nachdem, was der Raumfahrer dann in seinem eigenen Quartier vorfinden möchte.

Sechs der sieben Tage einer Woche sind für Alexander Gerst im Minutentakt geplant. Darüber hinaus hält man ihn mit (Pflicht-)Sport, freiwilligem Experimentieren in der Freizeit, Videokonferenzen, Telefongesprächen mit den Kontrollzentren, Familienmitgliedern und Freunden auf Trab – und auch mit dem Hausputz in der Raumstation. Das war bereits eine seiner ersten Aufgaben an Bord der ISS.

Im Juli kommt eine weitere Aufgabe hinzu: Als Wissenschaftsastronaut und Flugingenieur im Rahmen der ISS-Expeditionen 40/41 soll er während seines Aufenthaltes an Bord das europäische Transportraumschiff ATV „Georges Lemaître“ in Empfang nehmen.

„Georges Lemaître“ ist das fünfte und letzte der in Europa entwickelten und gebauten Raumtransporter ATV (Automated Transfer Vehicle).

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Die Sojus-Rakete einige Tage vor dem Start
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Auf dem Weg zur Startrampe.
Obwohl alle fünf ATVs nur als „Einmal“-Frachttransporter konzipiert waren, hatten die Ingenieure schon von Anfang an auch die Idee der Weiterentwicklung zum Personentransport im Sinn.
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Live-Bild aus der Kommandozentrale

Das wird nun im Nachfolger, der auf der ATV-Technik aufbaut, aber nun unter der Leitung der NASA gebaut wird, umgesetzt.

Orion soll das Servicemodul heißen, das zunächst unbemannt (geplant 2017) und später mit einem Astronauten zunächst einen Orbit um den Mond fliegen soll, ähnlich wie in der Apollo 8 Mission im Dezember 1968.

Wer was wann künftig bauen wird, darüber gibt es diesseits und jenseits des Atlantiks durchaus unterschiedliche Vorstellungen. Dass das künftige Raumfahrzeug auf der Technologie des ATV aufbauen wird, scheint aber gesichert.

Geplante Versuchsanordnung im Elektromagnetischen Levitator (EML), der allerdings erst im Juli mit dem letzten ATV zur ISS kommt.
Geplante Versuchsanordnung im Elektromagnetischen Levitator (EML), der allerdings erst im Juli mit dem letzten ATV zur ISS kommt.

Alexander Gerst über sein wichtigstes Experiment: „Besonders freue ich mich auf den Elektromagnetischen Levitator, der zum größten Teil in Deutschland gebaut wurde. Den werde ich mit dem europäischen Transporter ATV in Empfang nehmen, ins Columbus-Labor transportieren und dort aufbauen. Eine langwierige Operation! Ich werde diesen Schmelzofen für neue Legierungen erstmals in Betrieb nehmen und testen.

Diese Daten helfen uns auf der Erde, neue Materialien zu entwickeln. Zum Beispiel für Flugzeug-Triebwerke, die leichter sind, weniger Treibstoff verbrauchen und weniger schädliche Stoffe verursachen. Es freut mich, dass ich mit meinen Händen daran mitarbeiten kann, dass es uns besser geht auf der Erde.“

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Die Anzeige mit dem Countdown in der Kommandozentrale. Hier allerdings bereits 430 Sekunden nach dem Anheben.
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Geplanter Ablaufplan. Außer „Start“ verstehe ich auf dieser Tafel nichts. Kompetente Übersetzungen werden gerne hier veröffentlicht. 🙂
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Das kleinste Raumfahrzeug. Ein aktuelles Modell eines EMU-Anzugs (Extravehicular Mobility Unit, Astronaut Maneuvering Unit).

Zahnärzte und Ärzte generell sind nicht unbedingt das Erste, woran man bei einer Raumfahrt-Mission denkt. Notwendig werden kann es aber, und wenn, dann sicher unerwartet.

Daher muss immer mindestens einer auf der Raumstation als Crew Medical Officer (CMO) ausgebildet sein, der kleinere Eingriffe im Notfall (mit Unterstützung von der Erde aus natürlich) an Bord durchführen kann.

Alexander Gerst hat diese Ausbildung durchlaufen und konnte sich in der Vorbereitung als promovierter Geophysiker und Vulkanologe mit dem Bohren an fremden Zähnen durchaus anfreunden.

Auch wer wie er schon als Geologe länger in der Antarktis gelebt und gearbeitet hatte, kam mit dem winterlichen Überlebenstraining im eisigen Klima in einer abgelegenen Region Russlands gut zurecht. Bestens gerüstet also, auch wenn die Sojus-Kapsel nach der Landung in der kalten Wildnis aufschlägt. Schlimmer war nach seinen Erzählungen das andere Überlebenstraining auf Malta, bei dem die Fluganwärter ebenfalls ohne Nahrung in der diesmal heißen Wildnis ausgesetzt waren. Die wilde Minze, die dabei zur Hauptnahrung wurde, vergällte ihm nach eigenen Aussagen noch monatelange jeglichen Appetit auf einen Caipirinha.

Video des Countdowns

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Live-Bild aus der Kommandozentrale

Was in den Medien schon kreuz und quer durchgekaut wurde, muss im FlugundZeit-Blog nicht auch noch ausgewalzt werden.

Daher hier nur kurz der Vollständigkeit halber als Anhang; für alle, die es geschafft haben, diese Infos noch nicht zu wissen:

Der Name der Mission: Blue Dot bezieht sich auf ein Foto der Raumsonde Voyager 1 aus dem Jahr 1990, das die Erde aus großer Entfernung zeigt – und da sieht sie wie ein kleiner blauer Punkt aus. Hier die Thematik etwas ausführlicher.

 

Kontakt zu Alexander Gerst

twitter @astro_alex
facebook ESAAlexGerst

Blog der Mission „Blue Dot“: Link

 

Alle Fotos (c) H. Kleisny.

Android App zum Sternegucken

Das Smartphone als mobile Sternwarte? Geht. Mit einer kostenfreien APP vm DLR. Das Display zeigt  in Echtzeit an, welche Sterne und Planeten man von der eigenen Position aus gerade am Himmel sehen kann. Der Nutzer erfährt hier nicht nur, wie die einzelnen Himmelskörper heißen und wie weit sie von uns entfernt sind. Die 100 hellsten Sterne werden außerdem auch im Größenverhältnis zur Sonne sowie mit spannenden Einzelheiten und Geschichten vorgestellt.

Auf einem 3D-Globus sehen, wo sich die Internationale Raumstation ISS gerade befindet.

Ein Auszug der APP-Features:

Info-Bereich mit Artikeln zu Themen aus den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Energie und Verkehr

Interaktive ISS Features:
ISS Position – Liveansicht der aktuellen ISS-Position über die Smartphone-Kamera
ISS Next View –Vorschau des nächsten sichtbaren ISS-Überflugs an deinem Standort
ISS Sichtungen – Eine praktische Tabelle mit den nächsten ISS-Überflügen für deinen Standort oder einen Standort deiner Wahl
ISS Live Map – Die aktuelle Position der ISS auf einem beweglichen 3D-Globus

Star View – Interaktive Features rund um den Sternenhimmel:
Sternenhimmel Live –Liveansicht des Sternenhimmels auf deinem Display
Die 100 hellsten Sterne – Detail-Informationen zu den 100 hellsten Sternen am Himmel

News – Anzeige der aktuellen Newsfeeds von der Webseite http://www.DLR.de/next und Facebook

Der Link zum Download auf Googleplay

Die DLR_next App benötigt aktivierte Ortungsdienste und eine Internet-Verbindung. Außerdem muss das Smartphone über eine Kamera und einen Gerätekompass verfügen.

 

2013 und die europäische Raumfahrt

Am Montag stellte ESA*-Direktor Thomas Reiter die geplanten Missions für 2013 der Öffentlichkeit vor – Missionen zur Erdbeobachtung (Swarm, Senitnel-1A), zur Katalogisierung von Sternen (Gaia) und zur Navigation (Galileo). Darüber hinaus soll der europäische Raumtransporter ATV „Albert Einstein“ im April die Internationale Raumstation (ISS) mit Gütern versorgen. Mit dem italienischen ESA-Astronauten Luca Parmitano wird ab Ende Mai wieder ein Europäer die internationale Besatzung der ISS vervollständigen.

ISS: A room with a View
ISS: A Room with a View
Auslieferung der wissenschaftlichen Instrumente für GAIA
GAIA ist eine Mission zur globalen Vermessung des Weltraums. Nach ihrem für die zweite Jahreshälfte 2013 geplanten Start wird sie die bislang größte und genaueste dreidimensionale Karte unserer Galaxie, der Milchstraße, erstellen. Hierfür werden mehr als eine Milliarde Sterne erfasst und kartografiert. Der wissenschaftliche Instrumentenaufbau von GAIA umfasst unter anderem die größte je in den Weltraum gestartete Digitalkamera.

Start von PROBA V mit der Vega
PROBA V ist ein Miniatursatellit für eine umfassende Mission zur Überwachung der globalen Vegetation. Daneben wird PROBA V auch fünf vielversprechende Technologien aus ganz Europa mitführen, die im All demonstriert werden sollen. PROBA V wird mit dem neuen Träger Vega gestartet, der auf diesem Flug erneut seine Fähigkeit unter Beweis stellen wird, mehrere Nutzlasten in zwei sehr unterschiedlichen Umlaufbahnen auszusetzen.

Start von Swarm, der Magnetfeldmission der ESA
Die Satellitenflotte der Swarm-Mission der ESA soll das Erdmagnetfeld und seine zeitliche Entwicklung unter die Lupe nehmen und unser Wissen über das Erdinnere und unser Klima bereichern. Swarm besteht aus einer Konstellation von drei Satelliten in drei verschiedenen polaren Umlaufbahnen in einer Höhe zwischen 400 und 550 km. Jeder Satellit wird hochauflösende Präzisionsmessungen der Stärke und der Richtung des Magnetfelds vornehmen.

Start des ATV „Albert Einstein“ mit der Ariane 5
Jedes Automatische Transferfahrzeug (ATV) kann bis zu 7 Tonnen Fracht einschließlich Nahrung, Trinkwasser, Gase, Forschungs- und Wartungsgerät und rund 3 Tonnen Treibstoff zur Internationalen Raumstation befördern. Diese Mehrzweckfahrzeuge werden auch zur regelmäßigen Bahnanhebung der Raumstation und für gelegentliche Ausweichmanöver zur Vermeidung von Kollisionen mit Weltraumtrümmern eingesetzt. Sie stellen einen Sachbeitrag Europas zur Abdeckung seines Anteils an den Betriebskosten der ISS dar. Albert Einstein ist das vierte ATV (ATV 4).

Flugdaten ISS
Flugdaten ISS

Start der ISS-Mannschaft „Expedition 36
ESA-Astronaut Luca Parmitano wird sich von Mai bis November 2013 auf der Internationalen Raumstation aufhalten und den „Expedition“-Mannschaften 36 und 37 als Flugingenieur dienen. Er fliegt als erster der 2009 ausgewählten neuen Astronauten zur ISS.

Europas Mars-Orbiter Mars Express feiert seinen 10. Jahrestag im Weltraum.

Start von Alphasat I XL mit der Ariane 5
Die ESA stellt das erste Flugmodell der neuen Alphabus-Plattform für Telekommunikationssatelliten der Industrie bereit. Die Alphasat-Mission ist eine öffentlich-private Partnerschaft zwischen ESA und Inmarsat Global Ltd.

James-Webb-Weltraumteleskop: Auslieferung des Instruments NIRSpec
Die ESA leistet zum James-Webb-Weltraumteleskop mehrere bedeutende Beiträge, darunter der Multiobjektspektrograf für den nahen Infrarotbereich (NIRSpec). Dieses Wissenschaftsinstrument unterstützt die kontinuierliche Beobachtung von 100 lichtschwachen Galaxien zur Bestimmung ihrer chemischen Zusammensetzung und der Geschwindigkeit des Entstehens neuer Sterne. Ferner wird es Astronomen erstmals gestatten, Wasservorkommen auf Planeten anderer Galaxien zu untersuchen.

Start von Galileo-FOC-Satelliten
Nach der Phase der orbitalen Validierung (IOV) mit vier Satelliten zur Qualifizierung des Weltraum-, des Boden- und des Nutzersegments von Galileo mittels gründlicher Tests werden 2013 die ersten FOC-Satelliten (volle Einsatzkapazität) der 27 Satelliten und drei Reservesatelliten umfassenden vollständigen Konstellation gestartet. 2013 sind zwei FOC-Starts mit zwei Sojus-Trägern geplant, die jeweils zwei Satelliten in die Umlaufbahn befördern werden.

Start von Sentinel 1A mit der Sojus
Der Start der Sentinel 1-Mission wird der erste Schritt des gemeinsam mit der Europäischen Kommission durchgeführten Programms GMES mit seiner neuen Satellitenreihe sein.

Start von GAIA mit der Sojus
GAIA hat die Aufgabe, unsere Galaxie, die Milchstraße, zu kartieren und so zum Verständnis ihrer Entwicklung beizutragen. Die Mission tritt in die Fußstapfen von Hipparcos, der ersten Mission der ESA zur Bestimmung der Position, der Entfernung und der Eigenschaften von Sternen.

Landung des ESA-Astronauten Luca Parmitano
Nach Abschluss seiner sechsmonatigen Mission Volare an Bord der Internationalen Raumstation wird Luca Parmitano in der kasachischen Steppe landen.

Abschluss der Mission GOCE
Die erfolgreiche Mission des 2009 gestarteten Satelliten zur Bestimmung des Schwerefelds und der stationären Ozeanzirkulation (GOCE) endet mit der Entfernung des Satelliten aus der Umlaufbahn im November 2013.

Rosetta
Rosetta ist der Kometenjäger der ESA: Erstmals werden ein Orbiter und ein Landegerät Analysen eines Kometen während dessen Anflugs zur Sonne durchführen. Rosetta könnte uns die fehlenden Glieder in unserem Verständnis der Entwicklung unseres Sonnensystems liefern. Die Sonde wird im Januar 2014 aus ihrem Winterschlaf geholt.

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*Für alle, die mit dem Begriff ESA (noch) nicht so viel anfangen können:
Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) entwickelt Raumfahrzeugträger, Satelliten und Bodenanlagen. Sie startet Erdbeobachtungs-, Navigations-, Telekommunikations- und Astronomiesatelliten, schickt Raumsonden in entlegene Regionen des Sonnensystems und beteiligt sich an der bemannten Exploration des Weltraums.