BSF22-14 An Evening Out – die Abendveranstaltungen

Museumsbesuche abends haben ihren eigenen Charakter. Besonders, wenn das sonst sicher stille Haus mit prallem Leben gefüllt ist. Hands on war hier die Devise – und das in manchen Fällen sogar wortwörtlich.*

Da wurde durch Streicheln (linkes Bild) ein Finger der eigenen Hand gestreckt, bis man selbst das Gefühl hatte, der sei doppelt so lang. Oder man konnte nicht mehr unterscheidenden (Bild Mitte), welches die eigene Hand war, wenn der riesige Holzhammer zuschlug und zuckte weg, obwohl es eben nur der Gummihandschuh war, den er traf. Das Erstaunliche an den zahlreichen interaktiven Veranstaltungen war, dass das Gehirn ja weiß, was richtig und was falsch ist, und sich trotzdem täuschen ließ.**

Nicht alles der „Mind Blowing Experiments“ funktionierte bei mir – mein Wissenswille setzt sich gerne durch 😉 – aber etliches eben doch. Spaß macht es alle mal, sich überlisten zu lassen oder auch nicht. Viele der Experimente waren aus früheren Psychologie-Vorlesungen bekannt, aber sie selber am eigenen Körper auszuprobieren, hat noch einmal eine andere Dimension als: 70 Prozent der Probanden taten das und 18 Prozent jenes.

Was ich nicht ausblenden konnte, war der elliptische Kreis, den ein Pendel anscheinend ausführt – statt der realen links rechts Bewegung –, wenn man ein Auge mit einem ganz gewöhnlichen Sonnenbrillenglas bedeckt. Das Gehirn weiß, dass das Pendel nur links rechts ausschlägt, aber das Auge sieht es anders.

**Nein, falsch! Es ist genau umgekehrt. Denn das Auge als Sensor nimmt natürlich die wahre Bewegung wahr. Das Gehirn aber „denkt“, dass die Bewegung (etwa rechts) im „Schatten“ andere Distanzen zurücklegt. Selber ausprobieren, wer’s nicht glaubt. Einfach ein Glas einer Sonnenbrille (sanft) entfernen (wie es ein Optiker auch macht) und eine Pendelbewegung beobachten.

Zu den Dinos kommen wir noch ausführlicher in einem eigenen Beitrag. Das Museum quillt über an großen und kleinen Fundstücken, die in und um Leicester ausgebuddelt wurden.


Und jetzt geht es zur absolut schrägsten (Kunst-)Veranstaltung, die wir gesehen haben. Skurril, ungewöhnlich, abgefahren – einfach echt British. 🙂

Sie fand in einem kleinen, dunklen Keller einer Bar statt. Ein Raum, der, wie mein zwei-Meter großer, charmanter Nachbar mir erklärte, sonst für private Veranstaltungen vermietet wird. Und ja, der Raum hatte Separeé-Charakter. Wir saßen eng gedrängt aneinander auf Sofas oder anderen Plüschstühlen, die danach aussahen und sich anfühlten, dass sie in ihrem Dasein schon einiges gesehen hatten. Auf einem Mini-Tischchen waren selbst gebackene Kuchenstücke (sie blieben über, wir sind noch immer in England) aufgetischt, gemeinsam mit Büchern des Künstlers.

Auch das Publikum war skurril. Sagen wir es höflich: ein sehr extravagantes, britisches Kunstpublikum. Als Festländer kam man sich vor wie in einem Kostümfilm. Nur, dass die Personen real und nicht verkleidet waren. Auf den Plätzen lagen ausgepackte oder neue Leuchtstäbe (wie ich sie von Nachtsprüngen beim Fallschirmspringen kenne). Wie mein freundlicher Nachbar mir erklärte, waren sie von der vorangegangen Veranstaltung (einer anderen Künstlerin), bei der das Publikum die Stäbe schwang.

Die Spannung steigt. Ich habe keine Ahnung, was genau uns erwartet. Der Künstler, Poesieprofessor Dr. Simon Perril, erklärt zu Beginn, welche Bücher und Bilder ihn zu seinem Gedicht, das er gleich vortragen wird, inspiriert haben. Einige davon sind auf den Abbildungen oben zu sehen: Meeresungeheuer und das Buch The Rime of the Ancient Mariner (Die Ballade vom alten Seemann) von Samuel Taylor Coleridge.

Tja, Perrils langes Gedicht wurde mit Verve und viel Pathos sehr gekonnt vorgetragen. Dazu gab es eine projizierte optische Endlosschleife von Meereswellen, begleitet von akustischem Meeresrauschen. Ein sehr immersiver Vortrag, der den Zuhörer in den Bann zog. Einige der Zuhörer fielen ob der gebotenen Multimedia-Vorstellung in eine Art Trance, will das Wort Schlaf vermeiden. Es war auch schon später Abend und der Keller sehr dunkel.

Der theatralische Vortrag des Gedichtes (es wird das nächste, noch nicht veröffentlichte Buch des Literaturprofessors) zog sich über mehr als eine halbe Stunde. Nicht nur wegen der hypnotisierenden Wirkung, auch wegen der ausgewählten Sprache (Wortwahl) war (für mich) dem Inhalt nur bruchstückhaft zu folgen. Schade, dass wir etwa zur Halbzeit, die mir für einen Eindruck ausgereicht hätte, für eine andere Veranstaltung angemeldet waren, in der es um Detektivarbeit im Dunkeln ging. Die versäumten wir. Ein Rausschleichen aus dem Keller war nicht möglich. Das schaffe nicht mal ich als Journalistin, die es gewöhnt ist, nicht alle Veranstaltungen von Anfang bis zum Ende ansehen oder erleben zu können.

Perril, der sich bei der Gestaltung seiner Werke stets von wissenschaftlichen Fragestellungen inspirieren lässt, trägt sein neuestes Gedicht über die imaginäre Reise vertriebener fantastischer Charaktere an Bord des Flüchtlingsschiffs „The Stateless“ vor, die sich auf die Suche nach den mythischen Ländern der „Antipathien“ machen.

Erwarten Sie Themen wie Alchemie, eine Einführung in die Wissenschaftlerin des neunzehnten Jahrhunderts, die das Aquarium erfand, Umweltkatastrophen und utopisches Denken.


Die Ankündigung der Veranstaltung im Programm Flyer

Kurz zusammengefasst war es ein ungewöhnliches, aber bemerkenswertes Event, das lange im Gedächtnis haften bleibt. Vielleicht besorge ich mir auch das Buch, wenn es veröffentlicht ist, um nachzulesen, was ich alles am Abend nicht mitbekommen habe…


The Compass ist ein einzigartiges Spektakel aus Geschichte, Ton und Licht, eine immersive Installation mit Projektion, die zum Leben erweckt, wie wir Wissen navigieren und wie wissenschaftliche Forschung ein Kompass sein kann, der unsere Neugier leitet. Britische Wissenschaftsforscher werden als bahnbrechende Entdecker gezeigt, auf persönlichen Entdeckungsreisen mit zu erforschenden Horizonten.

So wie ein Kompass uns hilft, einen Kurs zu bestimmen, uns zu orientieren und neue Welten zu erkunden, zeigt uns The Compass, dass wissenschaftliche Bemühungen und Prozesse direkt mit unserem eigenen Leben zu tun haben indem es die Geschichten von Forschern mit denen von jungen Menschen in Leicester verbindet, die ihre eigene wissenschaftliche Reise beginnen.

Den Jubilee Platz musste man gar nicht suchen. Die lautstarke Musik und die Sprecher (von Band) dazu waren etliche Straßen weiter bis ins Hotel vernehmbar. Das Spektakel endete aber jede Nacht um 10 Uhr. Das war eine Attraktion des Britischen Science Festivals 2022, die auch sehr die allgemein Bevölkerung begeisterte, auch die Jungen, die sonst weniger in den wissenschaftlichen Veranstaltungen zu sehen waren.

Zum Abschluss noch zwei Bilder aus abendlichen Stadtrundgängen. Während die meisten illegalen Sprayer sich hierzulande mit häßlichen Schriftzügen auf Hauswänden, Schaltkästen, Bahnanlagen und Brücken verewigen, gibt es in Leicester etliche kunstvoll bemalte Hauswände.


* Es sind in diesem Beitrag nicht alle Veranstaltungen erwähnt, die es in der Museumsnacht zu sehen und erfahren gab. Einige Veranstaltungen erhalten auf FuZ auch eigene Beiträge wie etwa „The Love für Food and Music“ und „Was da kreucht und fleucht“ und es fanden insgesamt mehrere Abende mit Veranstaltungen statt, als hier erwähnt; nicht alle waren im Museum.

Link zur Übersicht von allen Beiträgen des British Science Festivals 2022

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