Entdeckungsreisen

(c) Kosmos

„Vor einem Jahr um diese Zeit war mein größter Wunsch: weniger Dienstreisen und mehr Zeit zu hause. In diesem Corona-Winter sehne ich mich nach meiner nächsten Flugreise und wieder Vorort-Veranstaltungen.“

Wenn auch du, liebe(r) Leser(in) wie der Manager im zitierten Interview Reisekribbelig bist, dann hätten wir heute etwas für dich: drei Buch-Vorschläge mit vielen äußerst ungewöhnlichen Reisezielen.

Manche ganz nah und andere sehr sehr weit entfernt. Und alle haben, falls gewünscht, einen Mitmach-Charakter. Aber dazu später.

1 Atlas astronomischer Traumorte

Jeder reist aus einem anderen Grund. Bei mir waren es die Sehnsuchtsorte der Himmelskunde überall auf der Welt. Mich faszinierten besonders jede Regionen, denen die Aura des Geheimnisvollen anhaftet. Entweder, weil sie noch zahlreiche Rätsel bergen, oder weil sie von der abendländischen Geschichtsschreibung fast vergessen wurden.

Das schreibt Autor und Professor Dieter B. Herrmann, emeritierter Direktor der Archenhold-Sternwarte und des Zeiss-Großplanetariums Berlin im Vorwort seines Atlas‘ Astronomischer Bücher.

Zu jedem Erdteil präsentiert der Autor die aus seiner Sicht Sternenkundlich wichtigen Orte mit kurzen, prägnanten Infotexten übersichtlich und anschaulich. Mit vielen Farbfotos, teilweise doppelseitig, nimmt er dabei den Leser mit von den Anfängen der astronomischen Forschung bis hin zu den modernsten Riesenteleskopen.

In Europa beginnt die Geschichte natürlich bei Galilei in der Toskana, geht aber über alle fünf Kontinente zur Sternenwelt der Maya und Inka, bis hin zur Himmelskunde der Aborigines in Australien. Historische Sternwarten und supermoderne Observatorien – von den Spuren der ersten Vorstellungen über unser Erde zum Aufbruch in die Welt der Galaxien. Das macht schon Lust aufs selber weiter Recherchieren. Dazu kommen noch seine 14 ausführlichen Reiseberichte, die gut geschrieben individuell Neues für den Leser offenbaren. Ein perfektes Lese-, Lehr- und Neugierig-Mach-Buch.

Von der Toskana bis nach Skandinavien, vom Nil bis zu den Schattenspielen Indiens, von den Scharrbildern der Nasca bis zu Riesenteleskopen in Amerika. Der Autor hat alle Orte selbst besucht und erzählt ihre Geschichte als eine Geschichte der Menschheit.

Ja, sehenswert. Lesenswert. Wert, da Zeit hinein zu investieren und über das gebotene Wissen noch weiter zu forschen. Die Aufmachung des Buches ist wunderschön, Papier und Buchcover hochwertig. Farbbilder in dieser Zahl und Qualität sind bei Sparprogrammen der Verlage leider nicht mehr selbstverständlich.

Obwohl es sich Atlas nennt, ist es kein Coffee Table Buch, sondern eines, das zur Hand genommen werden will, durchgeackert, mit Freude gelesen und damit viele schöne, erbauliche und spannende Stunden und Träume verspricht. Und wenn Corona irgendwann einmal vorbei sein sollte, dann kann man die Träume getrost in die Realität umsetzen…

2 Atlas der abgelegenen Inseln

(c) mare

Dieses Buch stammt bereits aus dem Jahre 2009. Judith Schalansky beschreibt darin mit je einer Seite Zeichnung und je einer Seite Text pro Insel, 50 Inseln „auf denen ich nie war und nie sein werde“. Das Buch ist inhaltlich und in seiner Aufmachung so originell, dass es als Ideengeber für etliche weitere Bücher (auch anderer Verlage) wirkte. Siehe obiges und nächstes Buch in diesem Beitrag. 2009 erhielt es den 1. Preis der Stiftung Buchkunst und wurde damit zum schönsten deutschen Buch des Jahres gekürt. Der Designpreis der BRD in Silber folgte 2011.

Die Aufmachung ist ästhetisch – man merkt, dass die Autorin Designerin ist –, die Optik ist so ungewöhnlich wie die Idee des Inhalts, als es erschien. Trotzdem sehe ich den Designpreis nicht als gerechtfertigt an. Denn zu gutem Design gehört für mich definitiv die Funktionalität. Leider sind die Texte in einem Kontinuum ohne Absätze herunter geschrieben, auch wenn der Inhalt (neuer Aspekt oder Thema) eine optische Trennung für den Leser notwendig macht. Das ist ein kleiner Minuspunkt aus meiner Sicht. Autoren-Lesersicht. 😉

Jetzt aber zum thematischen Inhalt. Die ausgesuchten Inseln existieren tatsächlich. Sie sind nach ihren Ozeanen eingeteilt und mehr (St. Helena, Osterinsel…) oder minder (Socorro, Iwojima…) bekannt. Die graphische Gestaltung der Inseln ist minimalistisch ästhetisch, keine gängige Google-Landkarte. Das hilft beim Träumen, beim Hinein versetzen und bei der Preisverleihung.

Die Auswahl der Inseln ist natürlich subjektiv. Trotzdem bietet sie eine gute Mischung aus Orten, von denen man schon mal gehört hat, sie aber vielleicht nicht so richtig einordnen kann, und zu Erkenntnissen über (für den Leser) komplett neuen Flecken auf dieser Erde. Zu beiden Arten erfährt man – wenn man sich durch den Text durchwurstelt – interessante Details aus der Geschichte oder den Spezifika der Insel.

flugundzeit-Tipp: Man kann an einer Insel hängen bleiben und selber weiter recherchieren. Man kann sich auch nach der Methode der Autorin auf Google Earth (oder für die älteren Semester einem Globus) eigene Inseln suchen und Fakten über diese herausfinden. Das klappt prima allein – und schwupps ist die Zeit vergangen – oder auch im Wettbewerb mit anderen: Wer findet in x Minuten die meisten weiteren interessanten Fakten zur Insel? Oder die meisten Inseln, zu denen alle anderen auch gerne reisen würden?

Der Atlas der abgelegenen Inseln ist als „Arbeitshilfe“ gegen Langeweile und gegen Corona-Zuhause-Bleib-Frust bestens geeignet. Wie die anderen beiden hier vorgestellten Bücher übrigens auch.

3 Atlas der ungewöhnlichsten Orte

(c) Brandstätter

🙂 Erinnert der Titel dieses 2016 zuerst auf englisch (Atlas of Improbable Places) erschienenen Buches nicht an irgend etwas? Auch hier bemühte sich der Verlag um ein ästhetisches Aussehen des Buches. Das ist bis auf die vielen, auch ganzseitigen Fotos, die in altem schwarz/weiß (!) vollkommen unpassend wirken, in der sonst hochwertigen Ausstattung auch gelungen.

Die prinzipielle Idee ist von den abgelegenen Inseln abgekupfert. Aber wenigstens gut umgesetzt und erweitert. Hier darf das Festland dazukommen, ober- und unterirdisch. Zu jedem ausführlich vorgestellten Ort gibt es eine wie im Vorbild-Buch minimalistisch abgespeckte, einseitige Karte. Der Fließtext erstreckt sich mit weiteren Bildern (s/w) über mehrere Seiten zu Erzählstories.

Die Welt ist voller seltsamer und geheimnisvoller Orte: dem Meer abgetrotzte Landstriche, verlassene Inseln, unterirdische Labyrinthe, rätselhafte Ruinen voller Geschichte und Geschichten, eine Stadt, die vollständig unter Lava begraben ist, ein Fantasiepalast, errichtet aus Versatzstücken europäischer Architekturen, ein irisches Schloss, in dem es Tag und Nacht spukt.

Vom Sternenstädchen in Russland bis zur künstlichen Insel Palm Jumeirah in Dubai, von der aus London nach Lake Havasu in Arizona transferierten versunkenen London Bridge bis zu gruseligen Stätten wie dem Selbstmordwald Aokigahara in Japan reichen die vorgestellten Plätze. Die Orte sind folgenden Kapitel zugeordnet: Realisierte Träume, Verlassene Orte, Gebaute Kuriositäten, Inselwelten, Schaurige Orte und Unterirdische Orte. Es gibt einiges zu entdecken in diesem Werk. Da ist doch für jeden etwas dabei. Zum Träumen. Wegdriften. Schaudern oder Staunen.

Auch hier lassen sich die Themen weiter spinnen und weiter verfolgen. Wie war das noch mit der Langeweile und der Einsamkeit an diesem Weihnachten? Echt jetzt?

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