BSF22- 17 Die digitale Ethik

Manche Sachen entdeckt man so nebenbei. Das war so bei dieser Ausstellung, als ich abends einen anderen Rückweg zum Hotel ausprobierte und an den Mill Studios auf dem Campusgelände der DMU vorbei kam.

Das Gebäude sah interessant aus und eine Ausstellung sollte obendrein noch drin sein. Okay, die musste man über einige Treppen und Hintertüren erst finden, aber es lohnte sich.

Der Raum hat das unspektakuläre Flair eines Besprechungsraumes an einer technischen Universität, aber alle Wände und eine Zwischenwand sind voll behängt mit farbenfrohen Bildern. Auf den ersten Blick dachte ich, hier hat einer eine perfekte Powerpointfolien-Präsentation an die Wand platziert. Perfekt, weil die Bilder nicht überfrachtet, sondern auf das Wesentliche reduziert sind und mehr Bildelemente als Text enthalten.

Hinter der Mittelwand tritt ein freundlicher Professor hervor. Er freut sich offensichtlich über den Besuch und beginnt sofort, mir Sinn und Hintergrund der Ausstellung zu erklären. Und dann tun sich Welten auf.

Computerethik

Denn Professor Emeritus Simon Rogerson ist der beste Beweis, dass die in der Presse gern kolportiertiere Ansicht, dass die ältere Generation generell keine Ahnung vom Computern hat, kompletter Nonsens ist. In dieser Altergruppe finden sich vielmehr die Computer- und Software-Pioniere, die wie Rogerson (und ich 😉 ) noch wissen, wie eine Lochkarte aussieht und sie auch erstellen konnten. Die aber genauso auch die neue Computerklaviatur rauf und runter spielen können, weil sie an der Entwicklung selbst beteiligt waren oder sie zumindest aus erster Hand verfolgten.

Die drei Bilder in der oberen Reihe haben die Nummern 28, 26 und 24*.
© alle Bilder und Zitate: Simon Rogerson

Die Digitalisierung erfordert eine stärkere Betonung der digitalen Ethik. Darunter versteht man, Technologie und menschliche Werte so zu integrieren, dass die digitale Technologie die menschlichen Werte fördert und ihr nicht Schaden zufügt.

Simon Rogerson hat zwei Karrieren hinter sich: zunächst eine als technischer Softwareentwickler und dann eine in der Wissenschaft als Reformer. Die Kombination aus industriellem und gleichzeitig akademischem Hintergrund setzt er als seinen Lebensinhalt um. 1998 wurde er der erste europäische Professor für Computerethik.

Rogerson erkannte an seinen Studenten, dass die Ausbildung kaum dazu beiträgt, das Risiko von IT-Systemausfällen in der Berufspraxis zu verringern. Also lenkte er seine Forschung auf neue interdisziplinäre Ansätze. Mit seinem Background hatte er die idealen Voraussetzungen, sowohl die industriellen Anforderungen zu kennen und zu verstehen, als auch die Lehre zu verändern.

Die neu entwickelte Ansätze für IT-Projektmanagement, -Entwurf und -Implementierung sind interdisziplinär und schließen vor allem auch die Informationsethik mit ein. Für seine Führungs- und Forschungsleistungen auf dem interdisziplinären Gebiet der Computer- und Informationsethik wurde der Professor mehrfach ausgezeichnet.

Die digitale Technologie hat Auswirkungen auf alle
sowie auf die Welt im Allgemeinen. 

Und deshalb kommt die Ethik ins Spiel. Denn in der digitalen Technologie geht es um Menschen, um ihr Leben und ihre Umwelt. Digitale Technologie beeinflusst Menschen, die Anwendungen planen, entwickeln und umsetzen, die andere Menschen nutzen und betreffen.

*Verschmitzt erzählt er, dass die kleinen Zettelchen unten rechts an den Bildern erst im Nachhinein entstanden. Sie waren kein ursprünglicher Teil der Bilder. Aber eine Assistentin hätte gemeint, man müsse zu jedem Bild einen Text dazu schreiben, das gehöre sich so. Diese Abbildung (oben) listet also die einzelnen Beschreibungen zu den 37 Bildern auf.

Das sehe ich anders. Für mich braucht keines seiner Bilder einen Titel. Vielmehr kann man sich in jedes einzelne vertiefen, es auf sich wirken lassen und eigene Gedanken dazu entwickeln. Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Nein, besser, unendlich viele Geschichten – denn jeder sieht vermutlich anderes bei den Worten und Bildern als Stichwortgeber.

Die Digitaltechnik durchdringt unser Leben.

Ist dies eine gute oder eine schlechte
Sache?

Sollten wir in der Lage sein, ohne sie zu leben?

Haben wir eine Wahl?

Hat jeder Zugang zu ihr?

Weiß jeder, wie man es benutzt?

Können wir auf sie vertrauen?

Diese Ausstellung wird Ihnen helfen, diese Fragen zu erforschen und Antworten zu finden.

Spontan würde ich sogar gerne aus einzelnen Bildern ein Video machen. Geschichten umsetzen eben. Rogerson ist sofort von der Idee begeistert. Realistisch aber fehlt mir in der Praxis die Zeit dazu. Videos sind aufwändig. Aber mal sehen. Wir entwickeln die Idee, dass seine Studenten das umsetzen sollten, am besten im Wettbewerb gegeneinander. Mal sehen.

Das muss man auf sich wirken lassen.

Jeder Begriff wird zum Stichwort für einen weiteren Gedankenstrang.

Und alle zusammen erzählen eine Geschichte.

Welche?

Überhaupt ist es anregend, angenehm und aufschlussreich, sich mit Simon Rogerson auszutauschen. Die Zeit vergeht dabei wie im Flug. Sein Wissen, seine Erfahrung und sein fröhliches Wesen bewirken, dass der Weg von der Uni ins Hotel an diesem Tag um einiges länger dauert…

Die Ausstellung als Buch

Die hier beschriebene Ausstellung während des British Science Festivals 2022 basierte auf den kreativen Arbeiten des dritten Buches seiner Trilogie: Ethical Digital Technology. Es ist noch in Arbeit und wird den Titel tragen: Imagine Ethical Digital Technology for Everyone.

Das dritte Buch befasst sich mit den gesellschaftlichen Problemen durch die zunehmende Nutzung und dem Missbrauch digitaler Technologien in der Praxis. Es ist ein Nachfolgebuch zu: The Evolving Landscape of Ethical Digital Technology, das aus der Perspektive des Forschers geschrieben ist.


Link zur Übersicht von allen Beiträgen des British Science Festivals 2022

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