Der ausgebremste Dreamliner

Am 15.8.2026 startete ein Dreamliner (Boeing 787-9) der Vietnam Airlines mit der Kennung VN-A867 in München und sollte nach Hanoi (Vietnam) fliegen. Das Flugzeug überrollte das Ende der Landebahn 26 L, überrollte einige Lampen der Landebahnbeleuchtung und hob erst rund 120 Meter danach mit einem Tailstrike (Bodenberührung des Hecks) ab.

Die Crew informierte ATC, dass sie eine Reifendruck-Fehlermeldung haben und vor einer Landung Sprit ablassen müssen.

Flugundzeit

Das Ablassen des Kerosins war notwendig, da man von einem Fahrwerksproblem ausging. So konnte die Crew eine „Overweight landing“ vermeiden. Das maximale Ladegewicht eines Verkehrs-Flugzeuges ist immer geringer als das Startgewicht. Man startet für einen (so) langen Flug mit möglichst viel Sprit.

Flugundzeit zum Unfallhergang

(Auch wenn das in diesem Fall nicht zutrifft, sind die folgenden Informationen für das spätere Verständnis notwendig.)

Wenn ein Flugzeug zu spät abhebt, ist die erste Vermutung, dass irgendetwas mit den Schubwerten der Triebwerke nicht gestimmt hat. Die Triebwerke also weniger Leistung produzierten als sie sollten, oder die Startleistung falsch berechnet wurde und die Crew deshalb die Triebwerke auf zu geringe Leistung setzte.

Verkehrsflugzeuge starten selten mit ihrer maximalen Triebwerksleistung.

Meist ist die Startbahn viel länger als nötig und die Hindernissituation hinter der Bahn auch unproblematisch.

Die maximale Startleistung würde zu unnötigem Lärm, unnötigem Verschleiß und zu einer unnötigen Erhöhung der Ausfallwahrscheinlichkeit eines der Triebwerke führen.

Die „Luft“ die in so einem Take-off steckt wird dann genutzt, um mit weniger Leistung und damit leister, verschleißärmer und letztlich sicherer zu starten.

Allerdings bietet die Umweltschonung eine Fehlerquelle: Wird der Take-off fälschlich mit einem geringerem, als dem tatsächlichen Gewischt des Flugzeugs berechnet, ist die Beschleunigung zu gering und des Startlauf bis das Flugzeug abhebt wird entsprechend länger.

Bei dem 787-Fall in München deuten allerdings mehrere Fakten (Leistung nach dem Abheben, Geräusche auf Videos) darauf hin, dass die Leitung zwar da gewesen wäre, aber im wahrsten Sinn des Wortes ausgebremst wurde.

Auf Fotos, die im Netz kursieren, sieht man, dass gegen Ende der Landebahn 26L sowohl vom rechten, als auch vom linken Hauptfahrwerk deutliche Spuren auf der Landebahn hinterlassen wurden (Skid-Marks).

Das deutet darauf hin, dass zumindest zu diesem Zeitpunkt auf mindestens einigen Rädern beider Hauptfahrwerke Bremsdruck anlag, der die Räder zum blockieren brachte.

Wie lange vorher schon eine Bremswirkung vorhanden war, läßt sich dadurch nicht ermitteln. Vielleicht wurden schon während des gesamten Startlaufs einige (oder alle) Räder gebremst.

Der Dreamliner ist (Pilotenjargon) ein „elektrisches Flugzeug“.

Gemeint damit ist, dass vieles, das bei anderen Flugzeugen hydraulisch (Bremsen, Bewegung der Steuerflächen) oder pneumatisch (Kabinendruck, Klimaanlage) betrieben wird, beim Dreamliner elektrisch angetrieben wird.

„Der Dreamliner ist das erste Verkehrsflugzeug, das elektrische Bremsen der Safran Group eingebaut hat.“ (Firmen-Werbung)

Diese Bremse wird zwar über die Ruderpedale, wie bei allen anderen Verkehrsflugzeugen auch, von den Piloten betätigt, es wird aber nur ein elektrisches Signal an einen Computer weitergegeben. Dieser Computer steuert dann elektrische angetriebene Aktuatoren an, die auf die Bremsbeläge einwirken.

Die Stellung der Bremspedale hat damit letztlich nichts mit dem aktuell anliegenden Bremsdruck zu tun.

Bremsaktuatoren und Computer werden vom Gleichstromnetz des Flugzeugs mit Strom versorgt.

Ob der Bremsdruck nun dadurch entstand, dass einer der Piloten während des Startlauf die Bremse versehentlich betätigte (eher unwahrscheinlich), oder ob es eine Fehlfunktion der Bremsanlage war, wird sicher Gegenstand der aktuellen Untersuchung der BFU (Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung) sein.

Der Hinweis der Piloten, dass sie Reifendruck-Fehlermeldungen hatten, bedeutet, dass nach dem Abheben einige Räder an Druck verloren hatten.

Dies kann dadurch passieren, dass die schleifende Bremse während des Startlaufs so heiß geworden ist, dass die Temperatur so hoch wurde, dass die Schmelzsicherung in den betroffenen Reifen auslöste. Dadurch entweicht die Luft aus den Reifen bevor sie unkontrolliert platzen würden. Diese Schmelzsicherung soll also Schlimmeres verhindern.


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Ein Kommentar zu „Der ausgebremste Dreamliner“

  1. […] das hatte sie nicht. Das ist bereits im ersten Beitrag von FuZ am 17.8. dazu detailliert ausgeführt. Der Dreamliner hatte ein […]

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Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Einsatzorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.