
Ein Editorial in einer Zeitschrift ist das Vorwort des Herausgebers einer Zeitschrift und enthält üblicherweise den Leitartikel der Zeitung. Im hier zitierten Fall ist das Editorial zweigeteilt: die erste Hälfte enthält undifferenzierte Presseschelte, erst der Rest befasst sich mit der Situation der Piloten bei Ryanair.
Wir beziehen uns auf die erste Hälfte des Editorials von VC Präsident Ilja Schulz aus der VC Info, Ausgabe 4/2017:
Immer wichtiger scheint es zu sein, Nachrichten möglichst schnell zu erstellen, zu erhalten oder zu kommentieren.
Immer wichtiger für wen? Das ist eine Behauptung, bei der zur Anschuldigung wichtige Fakten fehlen. Das Naheliegendste für den Leser wäre: immer wichtiger für den Autor der Zeilen?
Generalisierte Behauptungen erkennt man an Worten wie „immer“, „schon wieder“, „wie immer“, „nie“, „alle“, „keiner“…“ . Sie haben in einer gewaltfreien Kommunikation nichts verloren.
Es geht munter weiter. Weitere Beispiele:
Auch wir machen immer wieder Erfahrungen damit, dass über die VC und deren angebliche Forderungen und Positionen falsche Informationen verbreitet werden.
Wer verbreitet wann falsche Informationen über die VC? Kann man das benennen, beweisen, oder ist das nur ein Gefühl? So wirkt es nämlich.
Der Anspruch auf Informationsgeschwindigkeit verschont auch die professionellen Medien nicht.
Aha. Bisher ging es also um „unprofessionelle“ Medien? Wer genau war damit gemeint? Wie wichtig sind unprofessionelle Medien für die VC (was immer darunter zu verstehen ist)?
Ob dies aus Unachtsamkeit geschieht oder damit niedere Ziele verfolgt werden, mag nicht immer eindeutig zu beantworten sein.
Erneut fehlt das persönliche Einstehen des Autors („es mag zu beantworten sein“, nicht: kann ich nicht beurteilen!) zu seinen undifferenzierten Anschuldigungen gegen unbekannt. Wer so austeilt: niedere Ziele – sollte sich nicht hinter „es mag zu beantworten sein“ verstecken.
Im gesamten Editorial wird nicht ein Fall konkret benannt, auf den sich die Presse-Vorwürfe beziehen, sondern nur eine generalisierte Behauptung an die nächste gereiht. Eine Ansammlung von Allgemeinplätzen. Was will der Autor damit bezwecken? Doch wohl keine prophylaktische Stimmungsmache? Denn dem entspräche ein generalisiertes Austeilen in alle Richtungen, ohne sich auf einen konkreten Sachverhalt zu beziehen.
In den letzten zweieinhalb Spalten des Editorials (nicht abgebildet) kommt dann unvermutet der Schwenk auf Ryanair und so ist es naheliegend, den allerletzten Satz** eher auf dieses Thema als auf die erste Hälfte des Textes, der aus allgemein gehaltener Journalisten-Standpauke besteht, zu beziehen. Aber der Leser weiß es nicht, nicht bei diesen unkonkreten Aussagen:
**Es ist an der Zeit, nicht nur die Spitze des Eisbergs anzukratzen, sondern nach der Wurzel des Übels zu graben.
Gute, allgemeine Behauptung, die stimmt eigentlich immer. (Journalistisch nennt man das Allgemeinplatz, den es in Qualitätstexten zu vermeiden gilt.) Nur wäre schön, auch hier konkret zu schreiben, wer der Eisberg ist, und wo die Wurzel des Übels liegt, die „man anzugraben habe“. Alles andere ist ein Verstecken und Austeilen aus dem Hinterhalt. Wer übrigens sollte das Graben tun? Auch hier bleibt der Autor leider vage.
Über die Managementpositionen im Journalismus, die sich in diesem Sinne nicht von der auf Airline-Seite unterscheiden: Einsparen, koste es was es wolle, haben wir hier im FlugundZeit-Blog schon mehrfach berichtet. Allerdings zu konkreten Beispielen, wie sich das für korrekte Recherche und ein Stehen als Autor zum Inhalt geziemt.
Alle Medien über einen Kamm zu scheren und positive Beispiele, wie auch die aus meiner Sicht durchwegs fundierte Recherche zu Wirtschaftsthemen der Luftfahrt (und dazu zählt die Ryanair-Thematik) von Dinah Deckstein im Spiegel permanent unter den Tisch zu kehren und nur nebulös auf irgendwelche schwarzen Schafe einer Branche einzuhauen, hilft nicht zur konstruktiven Zusammenarbeit. Und die würde der VC guttun – Journalisten im Gegensatz dazu haben Themen en masse und sind in ihrer Arbeit nicht auf eine bestimmte Gewerkschaft angewiesen.
Es gibt Journalisten, die sich trotz aller Widrigkeiten im Job für Faktenrecherche, Tatsachen und entschleunigte Berichterstattung einsetzen und diese auch umsetzen. Das muss allerdings auch anerkannt werden, sonst lohnt der Einsatz nicht.
„Journalismus ist kein Gut, über das man nach Lust und Laune verfügen kann.“
Zitat eines anderen Gewerkschafters: Prof. Dr. Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes
Dass „die Presse“ – die gibt es übrigens genauso wenig wie „die Märkte“ – immer nur über Pilotenstreiks berichtet, wenn es um die VC geht, mag auch daran liegen, dass sich alle Pressemeldungen der VC nur darum drehen: Pilotenstreik bei… (ergänze die aktuelle Fluglinie). Zu Luftfahrtrelevanten Workshops und Tagungen der VC werden Journalisten nicht eingeladen oder schlimmer noch: plump ausgeladen mit Argumenten wie: dass das Fachwissen nicht ausreichen würde, um an der Veranstaltung teilzunehmen… Auch wenn diese mehr Hintergrundwissen, Erfahrung, Expertise und Kenntnisse haben als so manch anderer willkommener Teilnehmer. Die Basics der Krisenkommunikation bestehen darin, in guten Zeiten das Miteinander zu fördern, in Veranstaltungen Journalisten mit einzubeziehen, damit sie auch die Hintergründe der Thematik besser verstehen und so, wenn es denn um kritische Sachverhalte geht, diese umfassender beurteilen können.
Beispiel einer gekonnten Kommunikation mit Journalisten: etwa ein 3-Tageseminar eines führenden Flugzeugturbinenherstellers zum allgemeinen Thema Turbinen: Turbine 101. Irgendwann, ohne konkreten Anlass, mit der Zielgruppe der Journalisten, die man ansprechen möchte. So wird im Krisenfall viel weniger technischer Schwachsinn über die Funktion einer Turbine, oder was zu ihrem Ausfall mit folgeschwerem Absturz usw geführt hat, berichtet. Die gegenseitigen persönlichen Kontakte sind so hergestellt, sodass im schnellen Problemfall beide Seiten verlässliche Ansprechpartner haben und wissen, worauf sie sich einlassen (können).
Warum zeigt die VC dem Otto Normal Journalisten nicht, welche Probleme es im Pilotenalltag gibt, womit man täglich zu kämpfen hat und was an der Tagesordnung ist, damit der Passagier ausgeruht und pünktlich an sein Ziel kommt? Statt nur: Pilotenstreik bei Airline x…
Umdenken. Neudenken. Nachdenken.
Forderungen an die Presse kommen bei seriösen Journalisten gar nicht gut. Wer nicht weiß, wie man kontinuierlich gute Beziehungen im Sinne von gegenseitigem Verständnis für die Belange der anderen Seite aufbaut, kann kein Verständnis in Krisenzeiten einfordern.
Und: wie erwähnt, in allen Pressemails der VC geht es immer nur um Streiks. Dass davon irgendwann auch die besten Journalisten, Magazine und Twitterer dieses Landes genug haben, muss man nicht nachvollziehen können.
Nur muss man dann mit den Konsequenzen leben können – ohne mullen und knullen.

