
Die internationale Presse breitet es bereits genüsslich aus: Flugzeug enthauptet Fallschirmspringer mit Wingsuit*. Aber so ein einfach ist die Schuldzuweisung nicht. Der Unfall ereignet sich bereits im July 2018, die Gerichtsverhandlung findet aber offensichtlich erst jetzt statt.
Was war geschehen?
Über der südfranzösischen Stadt Bouloc-en-Quercy nördlich von Toulouse steigen zwei Fallschirmspringer mit Wingsuits aus der Pilatus Porter der örtlichen Sprungzone. Das Flugzeug fliegt der 64-jährige Absetzpilot der Sprungschule Alain C. Er ist also mit den Gegebenheiten des Platzes und seiner Prozeduren vertraut.
hkl: WingSuiter steigen üblicherweise als letztes aus einem Absetzflugzeug. Alle anderen Formationsspirnger (Belly Flyer), Free Flyer kommen in der Reihenfolge zuvor. Die gültige Reihenfolge ist auf jedem Sprungplatz festgelegt und wird nicht vor jedem Sprung neu diskutiert oder abgesprochen.
Nicolas Galy, 40, was the first of two skydivers who were released from…the plane
In mehreren Quellen so geschrieben
Das ist irreführend. Eine Pilatus nimmt normalerweise 8 bis 10 Springer pro Flug mit. Wegen nur zwei Wingsuitern würde sie nicht abheben. Und sie „werden auch nicht released“, sondern sie springen aktiv selber.
20 Sekunden nach dem Ausstieg kollidiert Nicolas Galy mit der im starken Sinkflug befindlichen Porter. Genauer gesagt triff er (angeblich) die linken Fläche und/oder die Strebe. 20 Sekunden, das ist bereits ein Drittel bis ein Viertel der Freifall-Flugzeit. Also nicht direkt nach dem Aussteigen, wie die Sekunden-Beschreibung dem unbedarften Leser suggeriert.
Was erstaunlich ist, weil man bei der Pilatus rechts aus der scheunengroßen Türe aussteigt. Stimmt das, hätte der Pilot die Pilatus in Steilspiralen nahe dem Absetzpunkt zurückgeflogen.
Galys Reserveschirm öffnete sich automatisch, als er ungebremst ohne Öffnung des Hauptfallschirmes, der Erde entgegen rast.
Sein lebloser Körper stürzte auf ein Feld, nachdem sein Fallschirm versehentlich in der Luft ausgelöst worden war.
Blödsinn. Die automatische Aktivierung des Reserveschirms ist nicht versehentlich, sondern wie vorgesehen für einen Notfall. Dass dies in diesem Fall nichts mehr nützte, ist eine andere Sache.
Galy wird als erfahrener Fallschirmspringer bezeichnet. Nun ist man mit 226 Sprüngen sicher kein Anfänger mehr, aber als erfahren, gerade was die größere Herausforderung beim Wingsuitfliegen betrifft, würde ich ihn nicht bezeichnen.
Ich möchte niemanden aufgrund der mir vorliegenden Fakten beschuldigen. Es sollen nur die Fakten für alle Seiten korrekt in der Berichterstattung dargestellt werden.
Alain C. sagte aus, dass die Fallschirmspringer nicht zu sehen waren, was ihn zu der Annahme veranlasste, dass er nicht in seiner Nähe war.
Das wiederum ist eine vielleicht korrekte Aussage, die aber nicht die Realität widerspiegelt.
Wingsuiter (deshalb haben sie ja den Anzug, der mit zusätzlichen Stoffflächen den Anzug praktisch zu einer langsamer sinkenden Fläche macht) können locker 280 Stundenkilometer erreichen. Und das ist doppelt so schnell wie eine Cessna, die einem Head-on entgegen kommt. Wenn man den anderen sieht, ist es zu spät, gerade wenn sich die Pilatus kontinuierlich im engen Kurvenflug befindet.
Wer sich also da nicht an die örtlichen Procedures fürs Fliegen gehalten hat, oder ob die vielleicht gar nicht vorhanden waren, und warum – das wäre zu klären. Vor einer Schuldzuweisung.
Was für den Piloten bei Gericht sicher schlecht ankommt, ist, dass seine Lizenz zum Flugzeitpunkt aus medizinischen Gründen nicht gültig war. Die Gründe können schwerwiegend sein, vielleicht aber auch nur eine Lappalie. Die Lizenz ruht im Prinzip schon, wenn man ein Anti-Schnupfenmittel genommen hat. Es kann natürlich auch andere gravierende Gründe geben. In jedem Fall hat er sich dadurch (leider) illegal verhalten.
Nach diesem tragischen Vorfall wurde Alain C. wegen Totschlags angeklagt. Die Staatsanwaltschaft behauptete, dass sein rücksichtsloses Fliegen die Hauptursache für den Tod von Galy war.
Ergänzung November 2023
Der französische Pilot wurde zu einer einjährigen Bewährungsstrafe und einem einjährigen Flugverbot verurteilt, nachdem er wegen fahrlässiger Tötung bei der Enthauptung eines Wingsuit-Piloten im Jahr 2018 für schuldig befunden wurde.
*Wingsuit
Ein Wingsuit (Flügelanzug) ist ein spezieller Anzug zum Fallschirmspringen und Base-Jumping mit mehr Flächen aus Stoff zwischen Armen und Beinen, die, von Luft umströmt, als Flügel wirken. Damit kann der vertikale Fall teilweise in eine horizontale Flugbewegung umgewandelt werden. Wingsuits erreichen eine Gleitzahl bis zu 3, auf einen Meter Sinkflug werden drei Meter Horizontalflug erreicht. In Deutschland müssen zunächst mindestens 200 Fallschirmsprünge absolviert werden, um, zunächst unter Anleitung, mit einem Wingsuit fliegen zu dürfen. [Wiki]

