Karte der schwarzen Materie

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Wo ist Dunkle Materie? Wie sieht sie aus? Wie stellt man sie dar? Ein Licht vermeidendes schwarzes Etwas (Dunkle Materie) ist nicht direkt darstellbar. Wie kann man trotzdem eine hochauflösende Karte der Dunklen Materie erstellen?

Die Auswirkungen

Ganz einfach, so wie die Physik das seit eh und je macht, wenn sie der ursprünglichen Verursacher nicht habhaft werden kann: über deren Auswirkungen. Das ist so ähnlich wie Verbrechensaufklärung, bei der man anhand der Schnittwunden am Opfer feststellt, wie lang die Klinge des Messers gewesen sein muss und wie dieses ausgesehen haben muss. Danach kann man in diesem Fall gezielt nach der Tatwaffe suchen.

Dunkle Materie strahlt kein Licht aus, reflektiert es nicht, absorbiert es nicht und blockiert es auch nicht, sondern durchdringt normale Materie wie ein Geist.

Vergleich der dunklen Materie Bilder aus dem Hubble-Teleskop von 2007 (links) und dem Webb-Teleskop von 2026 (rechts).

Sinn der Forschung

Als das Universum entstand, waren normale Materie und Dunkle Materie wahrscheinlich nur spärlich verteilt.

Wissenschaftler glauben, dass sich die Dunkle Materie zuerst zu Klumpen zusammenballte und dass diese Klumpen dann normale Materie anzogen, wodurch Regionen mit genügend Material entstanden, in denen sich Sterne und Galaxien bilden konnten.

Vergleich zwischen Hubble- und Webb-Daten, die dichte Regionen dunkler Materie zeigen, die durch dünne Filamente verbunden sind.
Die erste Karte der Dunklen Materie in diesem Gebiet wurde 2007 unter Verwendung von Daten des Hubble-Weltraumteleskops der NASA erstellt, einem Projekt unter der Leitung von Massey und dem JPL-Astrophysiker Jason Rhodes, einem Mitautor auch dieser neuen Veröffentlichung.

Auf diese Weise bestimmte die Dunkle Materie die großräumige Verteilung der Galaxien im Universum. Indem sie die Entstehung von Galaxien und Sternen früher als sonst auslöste, trug die Dunkle Materie auch dazu bei, die Voraussetzungen für die spätere Entstehung von Planeten zu schaffen.

Denn die ersten Generationen von Sternen waren dafür verantwortlich, Wasserstoff und Helium – die den größten Teil der Atome im frühen Universum ausmachten – in die vielfältigen Elemente umzuwandeln, aus denen heute Planeten wie die Erde bestehen. Mit anderen Worten: Die Dunkle Materie verschaffte komplexen Planeten mehr Zeit für ihre Entstehung.

„Wo immer wir einen großen Cluster aus Tausenden von Galaxien sehen, sehen wir auch eine ebenso große Menge an Dunkler Materie am selben Ort. Diese Karte zeigt uns, dass Dunkle Materie und normale Materie immer am selben Ort waren. Sie sind zusammen gewachsen.“

Richard Massey, Astrophysiker an der Durham University im Vereinigten Königreich und Mitautor einer am 26.1.26 veröffentlichten Studie.

Worauf basiert die Studie

Das Gebiet, das von der neuen Karte abgedeckt wird, befindet sich im Sternbild Sextans und ist etwa 2,5 Mal so groß wie der Vollmond. Eine weltweite Gemeinschaft von Wissenschaftlern hat diese Region mit mindestens 15 bodengestützten und weltraumgestützten Teleskopen für die Cosmic Evolution Survey (COSMOS) beobachtet.

Das James Webb Teleskop

Das James Webb Space Telescope beobachtete diese Region insgesamt etwa 255 Stunden lang und identifizierte fast 800.000 Galaxien, von denen einige zum ersten Mal entdeckt wurden.

Der Vergleich zwischen Hubble- und Webb-Daten zeigt zwei auffällige Dunkelmattercluster, die in Webbs Sicht deutlicher erscheinen.
Die Webb-Karte enthält etwa zehnmal mehr Galaxien als Karten des Gebiets, die von bodengestützten Observatorien erstellt wurden, und doppelt so viele wie die von Hubble.

Das James Webb Space Telescope erforscht die Strukturen und Ursprünge unseres Universums und unseren Platz darin. Webb ist ein internationales Programm unter der Leitung der NASA mit ihren Partnern ESA (Europäische Weltraumorganisation) und CSA (Kanadische Weltraumagentur).

Eine noch detailliertere Betrachtung der Dunklen Materie wird nur mit einem Teleskop der nächsten Generation möglich sein, wie dem Habitable Worlds Observatory, dem nächsten Flaggschiff-Konzept der NASA im Bereich der Astrophysik.


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5 responses to “Karte der schwarzen Materie”

  1. Nikolaus Neininger

    Kommentar zu den beiden letzten Kommentaren: Das sah so aus, als ob der erste im Nirwana verschwunden sei, daher der Überlapp mit dem zweiten… Pardon!

    Die Methoden zur Darstellung von unsichtbaren Objekten, seien es Schwarze Löcher oder Dunkle Materie, sind sehr ausgefuchst – und aufwendig. Um die Eigenschaften des Schwarzen Lochs im Zentrum unserer Milchstraße zu bestimmen, haben Reinhard Genzel und seine Mitarbeiter 25 Jahre lang die Bewegungen der Sterne dort vermessen (Nobelpreis 2020).
    Bilder der unmittelbaren Umgebung und von anderen Schwarzen Löchern wurden später mit dem „Event Horizon Telescope“ gemacht. Dies ist eine gemeinsame Verarbeitung der Daten von insgesamt fast 100 Radioteleskopen, die über die ganze Welt verteilt sind, vom Südpol bis Grönland und von Hawaii bis in die französischen Alpen.
    Für die Kartierung der Dunklen Materie reicht ein Teleskop, aber dafür braucht man möglichst viele Lichtquellen „dahinter“. Dann kommen sehr umfangreiche Rechnungen auf der Basis der Allgemeinen Relativitätstheorie, um die charakteristischen Verzerrungsmuster der Lichtbeugung zu interpretieren.

  2. Nikolaus Neininger

    …alles eine Frage der Perspektive…
    Verglichen mit den Objekten auf den Bildern von Hubble und Webb sind die Magellanschen Wolken und die Andromeda-Galaxie einerseits in weiter Ferne, andererseits aber doch so nah! Man kann sie bei passenden Bedingungen (richtig(!) dunkel, klarer Himmel, adaptierte Augen) ohne Fernrohr sehen, dabei ist das Licht von Andromeda dann schon 2,5 Millionen Jahre alt.
    Die Bilder oben sind dagegen indirekt entstanden, da man die Dunkle Materie ja nicht sehen kann: die Teleskope haben weit entfernte Galaxien beobachtet und anhand von charakteristischen Verzerrungen der Bilder durch die Gravitation kann man davon die Verteilung der Dunklen Materie ableiten. Da Webb wesentlich mehr Galaxien „sieht“ als Hubble, ist auch das abgeleitete Bild deutlich schärfer. Das Bild inklusive der Hintergrundgalaxien sieht man z.B. hier: https://www.jpl.nasa.gov/news/nasa-reveals-new-details-about-dark-matters-influence-on-universe/

  3. Nikolaus Neininger

    Entfernung ist natürlich eine Frage der Maßstäbe 😉
    Aber immerhin sind die drei (Magellan auf der Südhalbkugel, Andromeda im Norden) so nah, daß man sie bei passenden Bedingungen (richtig(!) dunkel, trockene Luft, adaptierte Augen) tatsächlich ohne Fernrohr sehen kann.
    Faustregel: wenn man die Milchstraße gut sieht, kann man auch Andromeda sehen. Richtig spektakulär ist sie allerdings nicht, ein verwaschener Fleck halt – aber das Licht, das man sieht, ist 2,5 Millionen Jahre alt…
    Ich habe dort CO gemessen, damit hat man Gasverteilung und -bewegung; das hat etwa 500 Stunden gebraucht (über 5 Jahre verteilt) und ist jetzt auch wieder 20 Jahre her…
    In diesen „nahen“ Galaxien kann man studieren, wie neue Sterne entstehen, die Beobachtungen von Hubble und Webb studieren die Frage, wie erst einmal die Galaxien entstehen. A priori gibt es nämlich keinen besonderen Grund, warum aus einem fast perfekt gleichmäßigen Ausgangszustand wie dem Urknall (Abweichung nur 1 Teil in 100’000) komplexe Strukturen entstehen sollten. In den meisten Fällen geht es anders herum: eine Sandburg etwa zerfällt ohne weiteres von alleine, baut sich aber von selbst nicht auf.

  4. Nikolaus Neininger

    „Dunkle Materie“ ist eine Form von Wasauchimmer, die man nicht sieht (in keinem erforschten Bereich des elektromagnetischen Spektrums) und die sich nur durch die Gravitation bemerkbar macht. Und nicht nur in weiter Ferne (wie hier beschrieben), sondern auch so nah: beginnend bei Beobachtungen unserer Nachbargalaxien Magellansche Wolken oder Andromeda ist sie überall zu finden, wo man genügend große Volumina beobachten kann.
    Die ersten Vermutungen dazu stammen von Fritz Zwicky aus den 1930ern, die ersten soliden Beobachtungen von Vera Rubin um 1970 (ein Survey-Teleskop in Chile mit einem 8m-Spiegel ist nach ihr benannt, „first light“ war im April 2025).
    Woraus die Dunkle Materie besteht, ist im übrigen trotz langer intensiver Forschung und vielen neuen Ideen völlig ungeklärt. Dabei wurden nicht nur neue Formen von Materie ins Spiel gebracht, sondern auch andere Theorien der Gravitation; gefunden hat man bislang nichts und die neuen Theorien sind auch nicht ausreichend schlüssig. Es bleibt also spannend.
    Winzig kleine Beckmesserei: Im Teaser steht, daß Dunkle Materie Licht verschluckt. Das können nur Schwarze Löcher – die kann man deshalb aber auch nur indirekt beobachten.

    1. Vielen Dank für den informativen Kommentar!

      🙂 Finde es bemerkenswert, dass für dich unsere Nachbargalaxie „so nah“ ist. Ich schau dann heute Abend da mal vorbei. (Vorsicht Humor)

      Dunkle Materie beugt Licht – dadurch vermutet man sie ja. Habe ich nicht korrekt formuliert. Geändert. Danke.

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Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Arbeitsorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.