Limitless

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Angst ist keine Kategorie, in der die Pilotin, Taekwondo-Kämpferin (schwarzer Gurt) und Motivationstrainerin Jessica Cox denkt. Eher schon in: Die Herausforderungen des Alltags meistern. Und die sind für sie um einiges größer als für den Rest der Welt. Denn Cox kam ohne Arme zur Welt. Ohne die beiden Arme, mit den wir andere so vieles im Alltag locker und leicht erledigen.

Wer macht sich schon Gedanken, wie man sich die Schnürsenkel zubindet, wenn man alles „hand“werkliche mit den (bloßen) Füßen erledigen muss?

Den ersten Schuh, ja, den kriegen wir vielleicht mit viel Übung noch hin. Vielleicht.

Aber den zweiten?

Da ist Grips gefragt.

Jessica löste das Problem schon als Kleinkind, in dem sie zuerst beide Schuhe gerade so locker zuschnürt, dass sie danach noch hineinschlüpfen kann. 

Die gleiche Idee, bereits vor dem Hinschlüpfen alle Automatik-Gurte zu schließen, hilft ihr Jahre später, als sie als Flugschülerin im engen Cockpit alleine einen Vier-Punktgurt anlegen muss. Klappt. Erledigt.

Alle Bilder © Jessica Cox

Sie möchte ein Leben so normal wie möglich führen, ohne auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. So absolvierte sie die High School in ihrem Geburtsland Arizona, erringt in ihrem Leben zwei schwarze Gürtel in Taekwondo, lernt Scuba Diving, Fallschirmspringen und Fliegen. An der University of Arizona erwirbt sie einen Bachelor-Abschluss in Psychologie mit dem Nebenfach Kommunikation.

Schon in jungen Jahren wird sie so oft eingeladen, vor allen möglichen Zuhörern oder in TV-Sendungen zu sprechen, dass sie dies als Beruf wählt. Die Motivationssprecherin erhält mittlerweile 30000 bis 50000 Dollar für einen Vortrag…

Jessica Cox ist charmant, unkompliziert und einer der Menschen, die jeden Raum erhellen, sobald sie ihn betreten.

Nun kommt ein kleiner Einschub, warum Jessica Cox es gerade heute auf Flugundzeit schafft:

Das Luftfahrtereignis Oshkosh in Wisconsin ist jedes Jahr eine sehr gepackte Veranstaltung. Gerade für Luftfahrtjournalisten, weil es so viele Veranstaltungen und Ereignisse gleichzeitig gibt, die es zu besuchen lohnt und so viele Menschen, die es lohnt, neu kennenzulernen oder wiederzusehen.

Menschliche Bedürfnisse wie Schlafen oder Essen sind da untergeordnet. So auch der schnelle Zwischendurchbesuch eines Waschraums im EAA-Museum. Als mir plötzlich jemand auf die Schulter klopft und fragt, ob ich denn weiß, wer da vor mir herausgegangen ist. Das sei eine ganz besondere Pilotin, ohne Arme und sie sei sehr berühmt aufgrund all ihrer Leistungen. Als ich mich umdrehte, war die Person, die wie ich nur schnell wieder einen Rucksack geschultert hatte, bereits weg. Keine Chance mehr für ein Gespräch oder Interview.

Erst einige Jahre später ergab sich endlich die Gelegenheit, Jessica Cox persönlich auf der Bühne zu erleben, als sie ihr Buch: „Disarm your Limits“ (englisches Wortspiel, in etwa „Befreie Dich von Deinen Limits“) vorstellte und dabei aus ihrem Leben erzählte. Sie life zu erleben, war tatsächlich atemberaubend.

Geht nicht, existiert nicht für diese außergewöhnliche Frau.

Sie stellt sich immer nur die Frage:

WIE geht es, wie kann ich etwas so umsetzen, dass es funktioniert.

Nach dem Vortrag, der mit Standing Ovations der Zuhörer endet, lädt sie mich ein, mit ihr und ihrem Mann Patrick auf dem Golf Cart zum nächsten Ereignis mitzufahren. Und erzählt mir dabei unter anderem ein Beispiel, wie sie ein ganz normales Leben wie jeder andere führen möchte, aber die Gesellschaft damit Probleme hat.

Sie machte den Führerschein auf einem ganz normalen Auto mit Automatikgetriebe. Das Problem war nur, dass sie so, selbst mit Führerschein, nicht legal fahren durfte. Laut Gesetz musste sie ein „Behinderten“gerechtes, umgebautes Auto fahren, obwohl sie das nicht brauchte.

Ihre herzliche Art, ohne Star- oder sonstige Allüren ist einfach umwerfend. Sie signierte mir noch ihr Buch und ich freute mich schon darauf, den Bericht über sie zu schreiben. 

Aber, zurück zum Beginn des Einschubs: Oshkosh ist ein Event, bei dem ein Ereignis das nächste hetzt, und, gerade weil ich mir dafür Zeit nehmen wollte, geriet das Buch nach der Rückreise immer tiefer in den ToDo-Stapel und versank irgendwann in einem Sicher-Aufheb-Ordner.

Und genau da kam es gestern beim Büro-Umräumen wieder zum Vorschein…

Jetzt aber! 🙂

Disarm your Limits ist ein kleines leichtes Büchlein mit nur etwa 110 Seiten. Meines Wissens existiert es zurzeit nur auf Englisch. Aber es ist schnell und leicht und vergnüglich zu lesen (hatte es gestern Abend in einem Zug erneut verschlungen) und es ist sehr aufbauend. Egal, vor welchen Herausforderungen wir als Leser stehen.

Die eigenen Challenges kommen einem sowieso klein und unbedeutend vor, liest man, vor welchen Anforderungen Cox von klein auf stand und wie weit sie es mit ihren Leistungen über die der Ottilie-Normal-Leserin geschafft hat.

Bereits zu Beginn von Disarm your Limits beschreibt die Autorin allgemeinverständlich, warum ein Flugzeug fliegt. Mit den vier Kräften, die auf ein Flugzeug im Reiseflug wirken:

Der Auftrieb (1) muss dem Gewicht (2) entsprechen und der Schub (3)(Antriebskraft) dem Widerstand (4).

Lift = Weight

Thrust = Drag

Darauf baut sie ihre praktischen Beispiele aus ihrem Leben im Buch weiter auf. Als Inspiration auch für Nicht-Piloten anwendbar.

Wir brauchen alle nur genügend „Antrieb“ (Desire, Verlangen), um etwas zu erreichen.

Es ist nicht das Talent (alleine), das etwas zustande bringt, sondern die vorausschauende Sehnsucht, das Ziel erreicht zu haben.

Walls are only there
to stop people
who don’t want it enough

So einfach, wie der folgende Absatz klingt, war es nicht. Sie musste etliche Hürden und Hindernisse erleben, bis sie endlich als Flugschülerin ins Cockpit durfte. Was für den Leser eher wie ein amüsanter Hürdenlauf aussieht, war für Cox ein anspruchsvoller Weg, der mit Rückschlägen gepflastert war:

Letztendlich erwarb sie ihre Fluglizenz auf einer zweisitzigen einmotorigen Ercoupe, einem Flugzeug ohne Seitenruder-Pedale. Quer- und Seitenruder sind dabei gekoppelt und werden zusammen mit dem Bugrad über das Steuerhorn aktiviert.

2019 schenkte ihr dann ein großzügiger Fan ein ERCO 415-C Ercoupe. Seitdem setzt sie das Flugzeug ein, um für Inklusion in der Gesellschaft zu werben und Kinder mit fehlenden Gliedmaßen auf der ganzen Welt zu inspirieren.

Zurzeit entwickelt Cox aus einer Van’s Aircraft RV-10 mit Unterstützung von Interessenvertretern aus der Luftfahrt und anderen Piloten das erste ausschließlich fußgesteuerte Flugzeug der Geschichte.

Sie nennt die angepasste RV-10 das Impossible Airplane. Das „unmögliche“ Flugzeug soll im Jahr 2025 fertig gestellt sein.

„Wenn wir in unserer Karriere und in unserem Privatleben mit Mut und Courage an die Herausforderungen gehen, dann können wir alles erreichen.“

Cox nutzt in ihren motivierenden Vorträgen das Akronym F.E.A.R. – False Evidence Appearing Real (Falsche Beweise, die als real erscheinen).

Furcht, die Menschen daran hindert, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

Sie fordert die Teilnehmer auf, ein anderes Akronym, S.H.O.E. – Self-limiting beliefs, Habits, Over-complications, and Excuses – zu vermeiden, um Angst zu überwinden.

Ihre Erzählungen verwandeln Widrigkeiten in Inspiration für ihr Publikum. Ihre Haltung und ihr Ansatz unterhalten, während sie gleichzeitig die Zuhörer dazu bringt, deren selbst auferlegte Grenzen zu hinterfragen und fallen zu lassen: 

Je mehr wir uns unseren Ängsten stellen, so Cox, umso leichter wird es, sie zu bezwingen.

„Es beginnt mit Mut“ und der Überzeugung, dass

das „Unmögliche“ (impossible)

stattdessen

„Für mich machbar“ (I’m possible)

bedeutet. 


Well said, Jessica. You are an inspiration for life.


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Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Arbeitsorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.