Die Bevormundung und Überwachung von Flugzeugkäufern

Super ultra cool soll es sein, das Flugzeug. Zu Wasser und zu Land zu starten und zu landen (Amphibium nennt sich das im Fachslogan), und von jedem Filmstar nach kurzer Einweisung zu fliegen. So die Vorstellung von Kirk Hawkins, Gründer und CEO von ICON.

Seit mehr als einem Jahrzehnt machen Hawkins und seine Mitarbeiter mit Designerbildern, real großen Flugzeugmodellen und ästhetischen Werbefilmen gestandenen und angehenden Wasserflugpiloten den Mund wässrig. In Oshkosh im letzten Jahr wurde dann endlich die erste an das Young Eagles Programm ausgeliefert. Die wollen ihre Icon nun versteigern. Der glückliche Bieter muss allerdings in einen sehr sauren Apfel beissen.

Es begann schon mit einer versuchten Gängelei der Fach-Presse im letzten Jahr. Wer nicht versicherte, dass er positiv über das Flugzeug berichten würde, kam gar nicht in den Genuss eines Probefluges. Seriöse Medien wie AVweb berichteten darüber und sahen von einer Berichterstattung über das Flugzeug ab, andere, auch deutsche Medien lobten, was das Zeug hält.

Jetzt aber geht es an die Kunden. Ja, genau an die, die seit Jahren trotz gehöriger Anzahlung auf ihren Flieger warten und wieder und wieder vertröstet wurden, weil es weitere Entwicklungs- und Zulassungsprobleme gab. Alle Kunden müssen nun vor der Auslieferung des Flugzeugs an sie einen 41-seitigen Vertrag unterschreiben, dass sie sich von Icon-firmeneigenen Instruktoren ausbilden lassen und das Flugzeug auch nur von Icon zugelassenen Mechanikern gewartet werden darf. Das ist unüblich in der Allgemeinen Luftfahrt. Nicht nur der 41-seitige Vertrag, sondern auch die Zwangsvorschreibung, wo ein Flugzeug zu warten ist. Entspricht auch nicht so ganz dem Freiheits-Gedanken, der sich eigentlich mit dem schicken Gerät verbinden sollte.

Aber es geht noch weiter:

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Foto: Icon

Icon will seine Produkthaftung stark einschränken, und verlangt von den Eigentümern dafür, dass sie eine Erklärung (Waiver) unterschreiben, in der sie sich verpflichten, in keinem Fall gegen Icon zu klagen. Wer das nicht tut, für den erhöht sich der Kaufpreis um 10.000 Dollar.

Zudem besteht eine Überholungsverpflichtung des Flugzeugs bei Icon nach spätestens 2000 Flugstunden oder zehn Jahren. Das hat mit normaler Wartung und Jahresnachprüfung nichts zu tun, sondern ist eine mehr oder minder zwangshafte Grunderneuerung des Flugzeugs. Cessna etwa hat die 2000-Stunden Überprüfung nur bei kommerzieller Nutzung als Requirement und der Halter kann dies bei jedem zugelassenen Betrieb durchführen lassen. Die schnuckelige Icon ist allerdings primär als Fun-Flieger für die sehr private Nutzung angedacht.

Diese Überholung kann nur zweimal wiederholt werden. Ist die Icon also ein Wegwerfflieger? Denn nach 30 Jahren oder 6000 Flugstunden ist Schluß. Eine Cessna feiert da gerade mal Halbzeit.

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Foto: H. Kleisny

Der richtige Hammer, den sich auch der normale Autofahrer als mögliche Zukunftsvision durch den Kopf gehen lassen sollte, kommt aber erst jetzt: Jede Icon ist wie ein großes Verkehrsflugzeug mit einem Flugdatenschreiber ausgestattet, den der Pilot ständig eingeschaltet haben und auch selber warten muss. Icon kann dabei alle Daten jederzeit auslesen und nach ihren Wünschen und Vorstellungen weiterverwenden. Der Besitzer hingegen hat nur eingeschränkten Zugang zu diesen Daten.

Sollte das Flugzeug weiterverkauft werden, muss der ursprüngliche Besitzer sicherstellen, dass der neue Besitzer sich an diese Vorgaben hält oder er zahlt 5000 Dollar Transfergebühr. Außerdem behält sich Icon das Recht vor, das Flugzeug zurückzukaufen zu einem Marktwert, der wie es aussieht, von Icon bestimmt wird.

Fun? Mit Einschränkungen.

10 Gedanken zu “Die Bevormundung und Überwachung von Flugzeugkäufern

  1. schlappohr 25. April 2016 / 14:38

    Tja, was soll man da sagen… erinnert mich irgendwie an einen außereuropäischen Hersteller von elektronischen Rechenmaschinen, Multifunktions-Funkgeräten und tragbaren Musikabspieleinrichtungen, der ein stilisiertes unvollständiges Fallobst als Firmenlogo verwendet. Und noch einige andere Firmen. Den Kunden ein hohes Maß an masochistischen Neigungen abzuverlangen und als Ausgleich einen völlig überzogenen Phantasiepreis zu verlangen, das ist einfach geniales Marketing. Und die Aufzucht einer verschworenen Community aus Kunden, die genau darauf stehen, ist offensichtlich ein enorm tragfähiges Geschäftsmodell. Mit fällt jetzt kein Grund ein, warum man auf diese Weise keine Flugzeuge verkaufen sollte.

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    • Helga Kleisny 25. April 2016 / 14:42

      Fun und extreme Einschränkungen passen für mich nicht zusammen…

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  2. schlappohr 25. April 2016 / 16:28

    Für manche Leute _gehört_ das zusammen. Mir fällt da gerade ein weiteres Beispiel ein, nämlich eine Fotokamera einer sehr exklusiven Marke, deren technische Daten etwa denen einer normalen Kompaktknipse entsprechen, abgesehen von der Sensorgröße. Preislich liegt diese Kamera im Bereich professioneller Highend-Spiegelreflexkameras, wir reden von ~7000€. Trotz des Vollformat-Sensors sind die Möglichkeiten so eingeschränkt, dass das Teil bestenfalls für Alltagsfotografie bei gutem Wetter taugt.
    Aber wer so ein Gadget haben will und bereit ist, das Geld auf den Tisch zu legen, den interessieren die Einschränkungen nicht. Das ist Lifestyle. Da musst Du Dir einen Ruck geben und einfach unterschreiben und bezahlen, alles andere ist kleinbürgerlich uncool 🙂

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  3. gedankenknick 25. April 2016 / 18:36

    Naja, vielleicht macht die Firma ja den selben sprachlichen Fehler, den auch nicht-englische Muttersprachler gern mal machen, wenn sie „fun“ und „funny“ verwechseln… 😉

    Ansonsten hört sich das Geschäftsmodell so ein wenig für mich an wie eine Mischung aus Miete, Leasing und Kauf. Ist halt an die von Isaac Asimov ausgedachte Firma „US-Robotics“. Die machten den Fehler, ihre Produkte zu verkaufen, auch bloß zu Anfang (Film -> „Der 200 Jahre Mann“). Später erkannte man dann, dass es viel einträglicher und problemunbehanfter ist, einfach „Nutzungslizenzen“ zu verkaufen bzw. zu vermieten (Film -> „I, Robot“). Das ganze gabs aber auch schon bei Elektro-Autos: https://de.wikipedia.org/wiki/General_Motors_EV1 Die Dinger wurden nur vermietet, und irgendwann (gegen den Willen udn Wunsch der Kunden) zurückgerufen, und dann verschrottet. Von 1117 genauten Autos existieren noch angeblich 2 fahrbereite…

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  4. Helga Kleisny 25. April 2016 / 18:50

    Und die gesammelten Daten über alle Reiseorte, geflogenen Geschwindigkeiten, Spritverbrauch etc gibt es obendrauf…
    Gerade bei der angestrebten exklusiven Kundenklientel, die eigentlich ihre Privatsphäre schützen möchte.
    Das passt wie die Faust aufs Auge.

    Manchmal denkt man, die im Marketing können 1 und 1 nicht zusammenzählen.

    Aber als ich den Marketingleuten bei Cessna erzählte, man könne keinen 150er Nachfolger in China bauen lassen, haben sie auch alle gelacht. Einige Jahre später wurde die gesamte Produktlinie dann sang- und klangslos wegen Erfolglosigkeit eingestampft. Viel Geld und viel Image in den Sand gesetzt. Für nichts.

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  5. Helga Kleisny 28. April 2016 / 9:29

    15.5. (hkl): Die Kommentare von Metall-minski (anderer Michael) wurden auf seinen Wunsch hin gelöscht.

    Geht doch.

    Länger auf diesem Blog Mitlesende und Kommentierende wissen, dass unsachliche Kommentare, die sich auf der Persönlichkeitsebene und nicht auf der Sachebene bewegen, hier unerwünscht sind.

    Wenn es mir Spaß macht und es gegen mich und nicht gegen einen anderen Kommentator geht, dann lösche ich manchmal die herabsetzenden Worte nicht sofort, sondern schieße auf der gleichen Ebene zurück. Danach ist üblicherweise Ruhe im Kasten.

    Und wenn das dann sogar zu einem (Nach-)Denk-Prozeß über die eigenen Aktionen führt…

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  6. Helga Kleisny 29. April 2016 / 0:21

    Erstens sind die einzelnen Blogs der scienceblogs komplett unabhängig voneinander und das ist gut so. Das ist ein löblicher Verdienst von Juergen Schönstein, der die Grösse besitzt, den einzelnen Autoren nicht dreinzureden sondern ihnen die Freiheit lässt. Der inhaltliche Bezug auf andere scienceblogs ist daher irrelevant.

    „Hier im Blog“ und damit meine ich den FlugundZeit-Blog war Gleichberechtigung noch nie ein Thema, sondern nur Leistung und Fachwissen oder besser der Mangel an beidem. Und der ist Geschlechtsunabhaengig.

    Zu dem macht Icon in meinen Augen (und auch in denen vieler Anderer, die etwas vom richtigen Wasserfliegen verstehen) vieles falsch, aber sicher nicht, das sie keine Frauen mit ihrem Marketing ansprechen.

    (Das war noch ein Kommentar zu einem Beitrag von „Anderer Michael“. Ich stehe zu meinen Aussagen, egal wer blafft.)

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  7. James 3. Mai 2016 / 21:59

    Schöner Blog-Beitrag und ein wirklich interessanter Vertrag.

    Die Interessante Frage wäre, verkaufen die auch an z.B. deutsche Privatpersonen? Auch als nicht-Jurist weiß ich, daß die Firma dann das Problem hat, daß gewisse Verbraucherschutzklauseln nicht-ausschließbar gelten und sich somit große Teile dieses Vertragswerkes zumindest hierzulande nicht durchsetzen lassen.

    Bliebe die Frage, ob sie Möglicherweise eine andere Möglichkeit finden, „renegate“ europäische Privatkunden zu gängeln. Etwa Fernabschaltung des Flugzeuges durch „Spezialsoftwarehintertüren“ oder regulatorische Knüppel.

    Auch bei Apple halten sich ja nicht immer alle Kunden an die Wünsche des Herstellers und „Jailbraken“ ihr Eigentum. Vielleicht etabliert sich der Begriff „Jailbrake“ bald ja auch für Autos und Flugzeuge, wer weiß. Schöne neue Welt, nicht nur bei Aldous Huxley…

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    • Helga Kleisny 4. Mai 2016 / 19:36

      An deutsche Kunden vermutlich schon, solange sie in den USA fliegen. Das Super-Hyperflugzeug ist nur nicht in Europa zugelassen, soweit mir bekannt.

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