Weihnachtsbücher 4: Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint

Endlich. Endlich komme ich zu Carlo Rovelli. Carlo Rovelli, Professor für Theoretische Physik an der Universität Marseille, um genau zu sein.

Rovelli1Bereits im Sommer entdeckte ich ein Postkartenkleines Büchlein in der Stadtbibliothek. Inmitten all der anderen Hunderten dicken, wichtigen, bunten, gebundenen Ausgaben und strotzigen Paperbacks. Die Schlichtheit und gleichzeitige Eleganz des schwarzen Covers, mit Buchstaben in zartem goldfarbenem Druck, stach heraus wie eine anmutige Naturschönheit unter dick geschminkten, aufgedonnerten Frauen.

Nun soll man ein Buch ja nicht nach dem Äußeren beurteilen, sondern nach seinem Inhalt und was kann da auf knapp hundert Postkartenseiten schon stehen?

Nichts weniger als die Physik der Moderne: Einstein und die Relativitätstheorie, Max Planck und die Quantenmechanik, die Entstehung des Universums, Schwarze Löcher, die Elementarteilchen, die Beschaffenheit von Raum und Zeit – und die Loop-Theorie, sein ureigenstes Arbeitsfeld.*  Alles in messerscharf klaren Sätzen. Verständlich für jedermann und das auch noch unterhaltsam und humorvoll. Praktisch dargestellt und erklärt.

Ich hatte das Büchlein: Sieben kurze Lektionen über Physik am selben Abend sofort ausgelesen, verschlungen, und war von der Eleganz und Schönheit des Inhalts bezaubert. Besser geht es nicht. Ein Buch, das jeder verstehen kann mit Lesevergnügen zum Staunen, Genießen und Mitreden können.

Eine Leseprobe aus dem Buch (der Anfang).

Und einige Zitate anderer aus dem Internet (normalerweise schreibe ich bekannterweise gerne meine eigene Ansicht der Dinge, aber ich könnte alles hier im folgenden Geschriebene nur wiederholen, es stellt exakt meine Empfehlung dar):

Faszinierend, dass ein so kurzes Buch derart tiefgründig sein kann. (The Guardian)

Ein Überraschungs-Bestseller. Das interessanteste Science-Buch des Jahres. (The Daily Telegraph)

Das neue Kultbuch – wahrscheinlich das Weihnachtsgeschenk des Jahres. (The Evening Standard)

Kurz und schwungvoll. Die «Sieben kurzen Lektionen über Physik» wirken wie Espresso. (The New York Times)

Bezaubernd. Die Bilder sind lebendig, die Visionen dramatisch. (Nature)

Knapp, elegant und vor allem gut lesbar … nach der Lektüre fühlt man sich klüger. Rovelli hat etwas bei Büchern über theoretische Physik noch nie Dagewesenes geschafft: Die meisten, die dieses Buch angefangen haben, haben es wohl auch zu Ende gelesen. (The Times)

Schmale Bändchen sind gewöhnlich die Domäne der Poesie, aber dieses wunderbar ausgestattete kleine Buch zeigt, dass die Naturwissenschaft mit ihrer Neugier, ihrer lebhaften Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und ihrer Bereitschaft, vorgefasste Sichtweisen in Frage zu stellen, auch eine Form der Poesie ist. (Financial Times)

Eine erstaunliche und illustrative Quintessenz aus Jahrhunderten von Naturwissenschaft. (The Economist)

Wenige Autoren, von Physikern nicht zu reden, erfassen die Schönheit der Natur und das Aufregende ihrer Entdeckung in solch klarer, reicher Prosa. (New Scientist)

Das Buch hält mehr, als es verspricht. (Süddeutsche Zeitung zu «Sieben kurze Lektionen über Physik»)

Carlo Rovelli beweist, wie verführerisch Wissenschaft sein kann. (La Repubblica)

Ein bemerkenswert literarischer Essay über die Grundlagen der Physik. (Corriere della Sera)

U1_978-3-498-05806-7.inddSeit kurz vor Weihnachten gibt es nun für alle Rovelli-Angefixten einen weiteren Band des italienischen Physikers: Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint. Hier fragt er: Was ist Wirklichkeit? Existieren Raum und Zeit tatsächlich, wenn wir uns anschicken, die elementarsten Grundlagen unserer Existenz zu erforschen? Wieviel davon können wir überhaupt verstehen?

Link zu Auszug bei google books

Rovelli zeichnet ein neues Weltbild mit einem physikalischen Universum ohne Zeit, einer Raumzeit, die aus Schleifen und Körnchen besteht und in der Unendlichkeit nicht existiert. Eine Kosmologie, die ohne Urknall und Paralleluniversen auskommt und hier zum ersten Mal von einem ihrer «Erfinder» für ein breites Publikum simpel und umfassend erklärt wird. In diesem Buch nimmt er den Leser auf eine auch vergnügliche historische Reise mit, die vom Realitätsverständnis der griechischen Klassik bis zur Schleifenquantengravitation führt.

«Von Natur aus wollen wir immer mehr wissen und immer weiter lernen. Unser Wissen über die Welt wächst. Uns treibt der Drang nach Erkenntnis und lernend stoßen wir an Grenzen. In den tiefsten Tiefen des Raumgewebes, im Ursprung des Kosmos, im Wesen der Zeit, im Schicksal der Schwarzen Löcher und im Funktionieren unseres eigenen Denkens. Hier, an den Grenzen unseres Wissens, wo sich das Meer unseres Nichtwissens vor uns auftut, leuchten das Geheimnis der Welt, die Schönheit der Welt, und es verschlägt uns den Atem.» Carlo Rovelli.

Stoff zum Weiterdenken und für Diskussionen.

Das Buch hat normale Größe und vielleicht nicht ganz so die Potenz auch unbedarfte Millenials für die Wissenschaft zu begeistern. Allerdings ist es das erste, das diese Thematik populärwissenschaftlich erklärt und Stil und Inhalt sind von (fast wollte ich sagen: gewohnter) Klarheit und Prägnanz.

Die Schönheit der Physik.

Ebenbürtig in der Schönheit ihrer Erklärung.

Wissen durch ein Verstehen, so leicht und beschwingt wie eine Feder, die sich im Wind vergnügt.

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*Rovelli gehört zu den weltweit führenden theoretischen Physikern. Sein Spezialgebiet ist die Quantengravitation, eine Theorie, die „eines der großen offenen Probleme“ (Rovelli) in der Physik zu beschreiben versucht.

 

8 Gedanken zu “Weihnachtsbücher 4: Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint

  1. Frank Heckel 19. Dezember 2016 / 13:27

    Herzlichen Dank für diesen tollen Hinweis, liebe Helga! Dieses Buch (besser: beide Bücher!) muss ich mir auf jeden Fall besorgen …

    Merry Christmas,
    Frank

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  2. Cobi 19. Dezember 2016 / 18:58

    „Rovelli gehört zu den weltweit führenden theoretischen Physikern“
    Das scheint mir ein bisschen hoch gegriffen, aber danke für die Buchempfehlung!

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    • Helga Kleisny 19. Dezember 2016 / 20:21

      Zusammen mit Lee Smolin entwickelte er die Theorie der Schleifenquantengravitation (Loop-Theorie), die derzeit als verheißungsvollste Theorie zur Vereinigung von Einsteins Gravitationstheorie und der Quantentheorie gilt.

      Es gab und gibt immer Kleingeister, die erst Jahrhunderte vergehen lassen müssen oder etwas Offizielles wie den Nobelpreis brauchen, um die Leistung anderer in der Physik nachvollziehen zu können oder sie anderen zuzugestehen. Das ist leider nichts Neues.

      Wenn ich da nur an mein Physikstudium an der TU Wien denke, was mir da alles noch mit Vorbehalt und als Humbug vorgestellt wurde, was heute in jedem Lehrbuch steht… Und soo lange ist das gar nicht her.

      Diese Diskussion hat mit dem Ursprungsbeitrag nichts mehr zu tun…

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  3. astroklaus 6. Januar 2017 / 15:32

    Ein sehr gutes Neues Jahr und ganz herzlichen Dank für die Buchempfehlung!
    Jahrelang (eher jahrzehntelang) wurde ja nur die Stringtheorie als einzige Variante für die Vereinigung von Quantentheorie und Gravitationstheorie verkündet – nun ist es doch sehr still darum geworden, da immer offensichtlicher wurde, daß sie physikalisch mehr Probleme schafft als erklärt (sofern man annimmt, daß sie jemals irgendetwas erklärt hätte). So können sich nun auch andere Theorien vorstellen und Beachtung finden.

    Wenn man sich für verwandte Themen interessiert, physikalisch schon etwas sattelfest ist und sich für weitere neue Konzepte interessiert, sollte man sich zum Thema „Zeit“ Julian Barbour „The End of Time“ und dann als Entgegnung von Lee Smolin „Time reborn“ (deutsch: „Im Universum der Zeit“) ansehen.
    Zur Interpretation der Quantentheorie gäbe es außerdem die Bücher von David Deutsch, einem der „Erfinder“ der Quantencomputer.

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    • Helga Kleisny 6. Januar 2017 / 16:50

      Vielen Dank für die lieben Wünsche und die weiteren Buchempfehlungen zum Thema.
      Könntest Du vielleicht ein wenig mehr über die Zielgruppe der Bücher schreiben?

      Mir geht es bei den jeweiligen Buchempfehlungen darum, dass mit den Büchern Menschen begeistert werden, die vorher vom Thema nichts oder wenig wussten. Denk- und Horizonterweiterung.

      Also als Geschenk für den Nachwuchs, oder für Freunde, die nicht aus dem eigenen Arbeitsleben sind. Daher war ich von Rovelli so begeistert. (Ob man nun seine Meinung teilt oder nicht, darum geht es mir hier weniger.) Ich möchte die Diskussion und das Nachdenken im realen Leben anregen (abseits von Smartphones) und in diesem Fall auch Nicht-Physiker für ein spannendes (aus der Sicht einer Physikerin) Gebiet wie die Quantenphysik begeistern.

      Vielleicht erklärt das auch besser meinen letzten Post (#3).

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  4. astroklaus 6. Januar 2017 / 22:14

    Gerne!
    Um einfach anzufangen: Wenn das Thema „Zeit“ interessiert, ist mE das Buch vom Smolin am ehesten für die hier intendierte Zielgruppe geeignet – nicht zuletzt deswegen, weil es auch auf deutsch erhältlich ist. Er stellt auch verschiedene andere Konzepte vor, während Barbour „nur“ seinen eigenen Ansatz beschreibt. Das ist auch vollkommen in Ordnung, weil sein Konzept doch reichlich weit von der aktuellen Auffassung entfernt ist. Sein Buch ist ansonsten durchaus auch allgemeinverständlich geschrieben, aber halt einigermaßen „fremd“.
    David Deutsch hat (außer vielen Fachartikeln) zwei Bücher geschrieben: „The Fabric of Reality“ und „The Beginning of Infinity“. Das erste ist eher auf seine Interpretation der Quantenmechanik fokussiert (die „Viele-Welten-Interpretation“), das zweite etwas mehr auf die Bedeutung der Suche nach Erklärungen und die theoretische Unbegrenztheit der Entwicklung von Erkenntnis (im Gegensatz zu Beschreibungen; sie „überlappen“ sich allerdings in etlichen Punkten. Auch sie sind wie bei Barbour im Prinzip allgemeinverständlich, man muß aber bereit sein, recht ungewohnten Denkansätzen zu folgen.
    Daher zum Schluß noch ein historisch-faktisches Buch zum Schluß: Peter Galisons „Einsteins Uhren, Poincarés Karten“. Es beschreibt die Entstehung der speziellen Relativitätstheorie im Umfeld der damaligen technischen Entwicklungen mit vielen Details und gegenseitigen Beeinflussungen von Technik und Wissenschaft. Dabei behauptet Galison etwa, daß die Arbeit im Patentamt für Einstein durchaus keine Zeitverschwendung gewesen sei, sondern daß er dadurch die jeweils neuesten Ideen des technischen Umgangs mit der Zeit und der Synchronisierung von Uhren auf dem Tisch hatte und daß ihm dies sicher auch neue Ideen gebracht hätte.

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    • Helga Kleisny 6. Januar 2017 / 22:29

      🙂 Danke für Deine Ausführungen.
      Es ist halt leider so, dass man selber gerne glaubt, alles was einen interessiert und damit den Einsatz des Lesens oder anderer „Anstrengungen“ wert ist, müsse auch für andere gelten. Ich liebe mathematische Logik, deren Aufgaben und Mathe an sich. Und kann nur schwer nachvollziehen, dass andere lieber vor der Glotze sitzen und anderen beim Sport zusehen als den eigenen Geist anzustrengen. Ist aber so…
      Daher die Auswahl meiner Empfehlungsbücher: Sie müssen so locker geschrieben sein (unabhängig vom Sujet), dass sie auch die Smartphonegucker und Glotzeliebhaber zum Buch bringen… können…

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  5. astroklaus 7. Januar 2017 / 19:49

    Stimmt – man sollte sich vor solchen Empfehlungen erst ein wenig „umsehen“…
    Damit ist dann die vorgeschlagene Reihenfolge in meiner Liste von hinten nach vorne… 😉
    Aus Galisons Buch habe ich z.B. gelernt, daß ein wesenticher Beitrag dafür, daß der Eiffelturm heute noch steht, von Poincaré geleistet wurde: denn eigentlich sollte er Anfang des 20. Jh demontiert werden! Dann aber wurde er wichtig als Funkmast, ganz wesentlich für die Übertragung von Zeitsignalen, die schon 1910 bis nach Kanada und dem Senegal empfangen werden konnten – in gewisser Weise das GPS von vor 100 Jahren.

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