Vom Mut und der unbeirrbaren Kraft des Forschens

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Dava Sobels Darstellung von Marie Curie beginnt – wie auch das Buch von Marie Curies Tochter Eve – mit der jungen Marya Skłodowska im besetzten Polen. Die Strenge ihrer Kindheit, der Verlust der Mutter, die ständige Erinnerung daran, dass Frauen keine Universitäten besuchen durften, formen eine Persönlichkeit, die sich früh daran gewöhnte, Widerstände eher zu durchdringen als ihnen auszuweichen.

Marya, Mania genannt, erkämpft sich in verbotenen „fliegenden Universitäten“ Wissen, spart jahrelang als Gouvernante Geld und fasst allmählich den Mut, den Aufbruch nach Paris zu wagen.

In Paris entfaltet sich der eigentliche Kern des Buches: wie aus der schüchternen, aber unbeirrbaren Studentin eine Forscherin wird, die zwischen Hörsälen, kalten Dachkammern und Laboren ein Doppelleben führt. Die junge Forscherin fühlt sich isoliert, die Sprache bleibt fremd, aus Geldmangel lebt sie von Tee und Brot. Zugleich beschreibt Sobel mit technischer Präzision und erzählerischer Ruhe, wie Mania, nun auf französich Marie, sich durch die Vorlesungen der Sorbonne arbeitet, wie sie beginnt, ihre eigene wissenschaftliche Stimme zu finden, und wie sie darin auf ihr Alter ego Pierre Curie trifft.

Die Beziehung zwischen Marie und Pierre ist die von zwei ungewöhnlichen Charakteren, die aufeinandertreffen und sich sofort verstehen. Ihre berufliche und private Beziehung wird eins. Sobel lässt die gemeinsame Forschungsarbeit lebendig werden: die primitiven Laborbedingungen mit Brettertischen und Gebrauchtapparaten, die schweren Säcke Pechblende, die stundenlang im Hof gerührt werden, der scharfe Geruch erhitzter Erze, die Nächte, in denen Radium zum ersten Mal im Dunkeln leuchtet. Die Entdeckung von Polonium und Radium ist kein glücklicher Zufall, sondern eine Folge schier endloser Beharrlichkeit, begleitet von körperlicher Erschöpfung und finanziellen Nöten.

Die wissenschaftliche Bedeutung der Arbeit erklärt Sobel einfach und klar. So wird sie auch ohne Fachwissen nachvollziehbar. Sie beschreibt, wie die Curies erkannten, dass die mysteriösen Strahlen aus dem Inneren bestimmter Atome stammen, unabhängig von äußeren Einflüssen. Diese Erkenntnis öffnete die Tür zu einem völlig neuen Verständnis der Materie.

Der Text beschreibt, wie sie für die Messungen eine hochempfindliche Apparatur entwickelten, die winzige elektrische Ströme nachweisen konnte und die Genauigkeit der Forschung in bisher unerreichbare Bereiche verschob. Die große wissenschaftliche Revolution entsteht im unmittelbaren Erleben.


Alle Fotos© Helga Kleisny, aus der Ausstellung in 2012


Nach Pierres Unfalltod verändert sich die Tonlage des Buches spürbar. Sobel zeigt eine Frau, die zwischen Schmerz und Pflicht weiterarbeitet, weil ihr nichts anderes bleibt. Sie übernimmt Pierres Professur, führt seine und ihre Forschung fort, zieht zwei Kinder groß und muss gleichzeitig die Anfeindungen eines wissenschaftlichen Umfelds ertragen, das Frauen ungern Autorität zugesteht.

Sobel erwähnt auch die Skandale, die Curie nachgesagt wurden, bei den Schlagzeilen, die sie zur Zielscheibe machten, und bei der erstaunlichen Ruhe, mit der sie all dem standhielt. Es ist diese Mischung aus Verletzbarkeit und Konsequenz, die die Person Marie Curie so eindrucksvoll macht.

Beim Ersten Weltkrieg erhält die Erzählung eine neue Dynamik. Curie organisiert mobile Röntgenstationen, die sie später „kleine Curies“ nennt. Sobel erzählt von den improvisierten Fahrzeugen, den langen Nächte an der Front, den Frauen, die sie ausbildete, und die Verwundeten, deren Leben durch diese neue Diagnostik gerettet wurde. Die Wissenschaft tritt hier aus dem Labor heraus in die Realität des Krieges und zeigt, wie unmittelbar Forschung Leben verändern kann.

Ein wiederkehrendes Thema ist die ständige Nähe zur Gefahr. Die radioaktive Arbeit hinterlässt Spuren: Verbrennungen, Erschöpfung, Erkrankungen. Wenig wussten die Curies über die Risiken. Dass selbst Marie Curies Notizen noch Jahrzehnte später verstrahlt sind, wirkt im Buch nicht als Sensation, sondern als schlichter Hinweis darauf, wie hoch der Preis ihrer Entdeckungen war.

Auch wenn Marie Curie es nach eigenen Worten nie forciert hatte, strömen Frauen zu ihr in der Forschung, die durch sie inspiriert oder direkt ausgebildet wurden. Sobel stellt auch eine Generation von Wissenschaftlerinnen dar, deren wissenschaftliches Leben durch Marie Curie beeinflusst wurde. Aus Studentinnen werden Laborleiterinnen, Ärztinnen, Physikerinnen — teils in Ländern, in denen Frauen zuvor kaum eine Rolle in den Naturwissenschaften spielten.

Marie Curie ist jemand, der die Wissenschaft nicht nur verändert, sondern geöffnet hat: eine Frau, die aus Notwendigkeit heraus kämpfte, aus Leidenschaft forschte und aus Überzeugung Verantwortung übernahm. Sobel gelingt es, all dies so zu erzählen, dass man die Strenge, die Einsamkeit, die Faszination und die stille Größe dieses Lebens spürt — und die Neugier, die es bis heute auslöst.

Für wen ist das Buch?

  • Für Menschen, die auch vorher schon am Leben und Wirken von Marie Curie interessiert waren. Sobel bringt viele Details, die so weder in Eve Curies Buch noch in anderen Biografien über die herausragende Forscherin stehen.
  • Für jeden Naturwissenschaftler
  • Für Menschen, die sich durch ein außergewöhnliches Leben für ihr eigenes Inspirieren lassen möchten. Das Buch liest sich wie ein Roman. Trotzdem bleibt viel von der Energie und dem Durchhaltevermögen von Marie Curie nach dem Lesen bestehen.
  • Tja, für alle, denen Eigeninitiative fremd ist. Denen ein jahrelanges Streben unter unwirtlichen Bedingungen fremd ist, um das Ziel zu erreichen.
  • Wenn das eigene Durchhaltevermögen an die Grenzen kommt und man sehen möchte, wie weit andere dabei gehen können…

Work Live Balance? Frage nach der Rente?

Nach dem Tod ihres Mannes verweigerte Marie Curie eine Witwenrente, übernahm stattdessen Pierres Professur an der Sorbonne, zog zwei Töchter groß, brachte im Ersten Weltkrieg ein Röntgengerät an die Front und inspirierte Generationen von Frauen, Wissenschaft als Lebensweg zu wählen.

Es gibt Menschen, die als wahre Vorbilder taugen.


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Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Arbeitsorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.