BM24: Die Buchmesse und Nachhaltigkeit

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Nachhaltigkeit
Für eine möglichst nachhaltige und umweltfreundliche Veranstaltung setzt die Frankfurter Buchmesse vielfältige Maßnahmen um. Beispielsweise können Besucher*innen ihre eigenen mitgebrachten Trinkflaschen an einer Trinkwasser-Zapfstelle auf der Agora kostenfrei auffüllen.

Soweit die Pressemeldung vorab. Das Bild zeigt die Praxis:

Eine – in Worten – EINE – Zapfsäule für (Zitat):

230.000 Besucher*innen, mehr als 4.300 Aussteller, mehr als 3.300 Veranstaltungen und ein ausverkauftes Festival des Lesens… 

Jo mei. Das hatte ich mir schon vorab gedacht, dass eine Trinkwasser-Zapfstelle ein Tropfen auf dem heißen Stein werden würde.

Augenauswischerei.

Wer hat auf der Buchmesse Zeit, sich lange für ein Glas Wasser anzustellen? Glücklicherweise haben sich das wohl mehrere gedacht, und haben – wie ich – auf das kostbare Nass verzichtet. Aber vielleicht hatten die zahlreichen Restaurantbetriebe sich gegen mehr gewehrt. Vermutung. Ansonsten kann das doch keiner mit gesundem Menschenverstand als Nachhaltigkeitsaktion bewerben…

Der rote Teppich

Es geht noch besser. Die nächste groß angekündigte Nachhaltigkeitsaktion in der Pressemeldung der Buchmesse:

Weitere Maßnahmen sind ein weitgehender Verzicht auf Gangteppiche…

Das Bild der Realität dazu:

An den Hauptlaufwegen in den großen Hallen gab es also nur mehr mittig einen roten Teppich. Was dazu führte, dass viele große Verlage vor ihrem Stand einen (beigen) Teppich ergänzen ließen. Vermutlich gegen guten Aufpreis…

Das Ganze ist also primär eher eine zusätzliche Einnahmequelle als eine Nachhaltigkeitsaktion. A la das Zettelchen in den Hotels, dass sie die Handtücher aus Nachhaltigkeitsgründen nicht mehr tauschen. Würde diese Aktion den Hotels Mehrkosten verursachen, hätten sie sie nie durchgesetzt. Nachhaltigkeit hin oder her.

Augenauswischerei.

Damit das nicht in die falsche Kehle kommt: Ich bin für Nachhaltigkeit und würde etwa sehr gerne auf alle kostenfreien Zeitungen dieser Welt verzichten, die trotz Aufkleber immer wieder den Briefkasten zumüllen; auf alle Kriege verzichten, die Unmengen an CO2 in die Luft pusten. (Abgesehen von allem anderen Unheil).

Aber ich mag es nicht, wenn man mich vergackeiert. Wenn man sparen will und das zusätzlich für die Natur und die Welt einen Vorteil bringt – bitte sehr. Nur zu. Aber nicht mit falschen Vorwänden. Das ist respektlos.

Die kleinen Fläschchen

Hier gibt es kein Foto. Weil ich (normalerweise) mich nicht wie Spiegel Redakteure darüber auslasse, was der Interviewte mir zu trinken oder essen angeboten hat. (Zumeist nix). Zunächst nun das umwerfend Positive.

Die Zuordnung der Verlage zu den Hallen wechselt gerne von Jahr zu Jahr. Das ist normal. Dieses Jahr aber hatte man echt das Gefühl, dass die Zuordnung per Würfel erfolgte. Gut, dann sieht man vielleicht etwas Neues, das man im alten Hallentrott sonst nicht beachtet hätte. Auch gut.

Genauso wechselte der Platz des Pressezentrums in den letzten 20 Jahren, in denen ich die Traummesse für Schreiberlinge, Illustratoren, Filmemacher und Gamer besuchte. Die schlimmste Location und komplett daneben war vor einigen Jahren ein runder offener Gang im Conference Zentrum über dem Maritim.

In diesem Jahr war es das genaue Gegenteil. Echt feudal. Mit (für die ersten Tage zu wenigen) abgegrenzten Arbeitsstationen, Tischen zum seelischen und körperlichen Auftanken, Fauteuils und Sitzgruppen wie in einer First Class Lounge und abgeschlossenen Interviewkabinen. Und eigene Toiletten, die man sich nicht mit einer ganzen Halle teilen musste. Mehr kann ein Journalistenherz nicht begehren. Der Himmel auf Erden.

Aber: In diesem Bericht geht es um Nachhaltigkeit. Und darum kommt jetzt der Wermutstropfen. Wasser und Kaffee sind das Wichtigste, was der Journalistenkörper zum Funktionieren braucht.

7500 Journalisten waren laut Buchmesse gemeldet. Da war schon der große 40 Liter Plastikbottichspender nicht oft genug getauscht in den letzten Jahren. Dieses Jahr ging man (aus Nachhaltigkeitsgründen?) auf Mini-Glasfläschchen über.

Viertelliter, wenn’s hoch kommt. Die gab es denn auch nur am ersten Tag zur Eigenentnahme am Tischchen. Später erhielt man sie auf Nachfrage an der noblen Bar beim sehr freundlichen Personal. Umständlich (für alle) und aufwändig. Da traut man sich kaum, mehrmals zu fragen. Auf die 1 1/2 Liter kommt man so nicht pro Tag. (Ich habe die üblicherweise im Rucksack mit, was die Schlepperei (täglich im Schnitt 13 km) weiter erschwert.)

Als ich den freundlichen Kellner an der Bar darauf ansprach, meinte er nur: „Der Kunde, also die Buchmesse, wünscht das so…“

Also bitte. Bitte. Wenn es sein muss 🙂 weniger Noblesse, aber ausreichend funktionelle Wasserzapfstellen. Nachhaltigkeit hin oder her.
Toiletten sind dafür nicht so prickelnd.

Vielleicht lässt sich noch eine andere, tatsächlich nachhaltige Lösung finden, als der Aufwand mit den Minifläschchen…


Wer sagt da noch, dass früher mehr Lametta war? 🙂

Die offene Bühne der Schweizer Verlage…

Damit nicht schon der erste Beitrag nur Gemecker wird:

Jede Buchmesse ist anders.

Jede Buchmesse ist auch für jeden Teilnehmer (Aussteller, Besucher, Journalisten, Autor, Illustrator) anders.

Und diese war eine meiner schönsten.
Gute Gespräche.
Angenehme Atmosphäre.
Viele Anregungen.

Auf zur nächsten!


©alle Fotos: Fluguundzeit


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Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Arbeitsorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.