20 Jahre laufender Betrieb mit vielen Erfolgserlebnissen – statt geplanten zwei Einsatzjahren. Da wäre so mancher froh, wenn der eigene Kühlschrank unerwartet so lange durchhalten würde. Das gilt erst recht, wenn es um Instrumente auf der Marsumlaufbahn geht. 20 Jahre Mars Express-Mission, das feierte die Europäische Weltraumorganisation ESA am 2. Juni 2023 in Darmstadt. Zum Jahrestag gab es in der ESA in Darmstadt mit möglichst vielen an der Mission beteiligten Wissenschaftler und Techniker ein fröhliches Get-Together, in Person und online, mit babylonischem Sprachgewirr. Die ESA Missionen sind eben mit internationaler Beteiligung.
Der holprige Beginn der Reise zum Mars
Alles begann mit Verschiebungen und einem Sturz ins Meer. Mars (19)92 hieß die Ursprungsmission. Sie wurde verschoben zu Mars 94, dann zu Mars 96. Das unbemannte Raumflugzeug hob da wenigstens samt Rakete von Baikonur ab, nur um kurz danach in den Pazifischen Ozean zu stürzen. Damit versanken zahlreiche, hochspezialisierte und teure Instrumente, die den roten Planeten genauer untersuchen sollten.
Aber nach all diesen Rückschlägen ging es nun bergauf. Zwar nicht ohne weitere Herausforderungen im Laufe der späteren Mars-Express-Mission, aber immerhin hob Mars Express erfolgreich von der Erde ab. Nach all den Verzögerungen und Fehlschlägen musste die Mission extrem kostengünstig von statten gehen. Statt der zwei komfortablen Plattformen für die zahlreichen Instrumente bei Mars 96 kam nun ein kleiner Würfel mit zwei Sonnensegel zum Einsatz. Eine Reduktion des Gesamtgewichts von knapp 7000 Kilogramm auf etwa mehr als 1000 Kilogramm. Insgesamt reduzierte sich die Zahl der Instrumente an Bord auf acht. Sechs davon waren Ersatzgeräte für Mars 96 gewesen.
2003 startete MEx, wie die Mission ESA-intern heißt. Sie hatte die deutsche HRSC-Kamera an Bord und liefert seither atemberaubende Farbaufnahmen vom Mars. Die Landeeinheit Beagle 2, von den Briten entwickelt, konnte erst Jahre später nach dem vermuteten Aufschlag per Foto auf der Marsoberfläche identifiziert werden. Melacom (Mars Express Lander Communications), das System für die Kommunikation mit Sonden auf der Marsoberfläche, ursprünglich für den verloren gegangenen Beagle 2 vorgesehen, lieferte später erfolgreich Telemetriedaten beim Abstieg des amerikanischen Landers Phoenix zur Marsoberfläche.
Auffrischung Marswissen 🙂
Die Marsumlaufbahn verläuft weiter entfernt von der Sonne als die der Erde. Sie ist auch deutlich elliptischer als die Erdbahn, die wir im täglichen Leben als Kreisbahn ansehen. Der Mars braucht knapp zwei Erdenjahre (687 Tage), um sich relativ wieder an der gleichen Stelle zu befinden.
Aber auch die Erde steht nicht still und so ist die Entfernung Erde – Mars kein konstanter Wert. Groß aber ist er in jedem Fall und so braucht ein Funksignal 15 bis 18 Minuten, wenn die beiden Gestirne günstig (eng) zu einander „stehen“. Von der Erde aus gesehen, ist der Mars nicht alle 687 Tage wieder an derselben Position am Himmel. Es dauert knapp 26 Monate (779,94 Tage), bis Mars und Erde wieder etwa den größten oder kleinsten Abstand zueinander haben.
Der zwanzigste Jahrestag
Zwei Jahre lang sollte MEx Daten zur Erde schicken. So war der Plan. Daraus wurden mit viel technischem Ingenieurswissen und Umwandeln und Neueinsatz von Onboard-Technologie 20 Jahre. Der verantwortliche Space Craft Operator, bei Raumfahrtmissionen mit Menschen „Flight“ genannt, wechselte in den zwei Jahrzehnten mehrmals. Viele der ursprünglichen MEx-Wissenschaftler arbeiten heute schon für andere Missionen wie etwa Juice oder Euclid.
25000 Marsumrundungen
Wie geht es weiter?
Wie auf so vieles, wirkte sich der Ukrainekrieg auch auf die bis dahin sehr gute Kooperation zwischen den Wissenschaftlern der ESA und von Russland aus. Als logischer Anschluss an MEx war das ExoMars-Projekt geplant. Es wurde gemeinsam mit der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos entworfen und sollte mit dieser durchgeführt werden. Die Zusammenarbeit wurde vonseiten der ESA wenige Monate vor dem Start eingestellt.
Im Februar 2019 bekam der ExoMars-Rover den neuen Namen Rosalind Franklin zu Ehren einer britischen Biochemikerin. Sie hatte die Basisarbeit geliefert zur Aufklärung der Doppelhelixstruktur der DNA, für die Watson und Crick später den Nobelpreis bekamen.
Der Rover soll die Marsoberfläche auf ehemalige oder aktuelle biologische Aktivitäten hin erkunden. Diesmal nicht nur optisch, sondern auch mit Bohrungen in bis zu zwei Meter Tiefe. Gesucht wird organisches Material, vor allem aus der frühen Geschichte des Mars. Die Mars-Oberfläche ist durch die Atmosphäre und die Sonnenstrahlung sehr starken Veränderungen unterworfen.
Mehr als 100 geplante Mondmissionen
Aufgrund der politischen Weltlage ist der Run auf außerirdische Ressourcen bereits gestartet. Auf internationaler Ebene sind bis 2030 mehr als 100 Mondmissionen geplant…
Auch die Europäer sehen langsam, dass sie, sofern sie in der Zukunft nicht komplett hintenanstehen wollen, sie sich auf eigene Aktivitäten fokussieren müssen. Europa sollte eine unabhängige europäische Präsenz in der Erdumlaufbahn, der Mondumlaufbahn, auf dem Mond und darüber hinaus aufbauen, so ein Expertengremium in: „Revolution Space: Europe’s Mission for Space Exploration“ – Revolution Weltraum: Europas Mission zur Exploration des Alls, die Anfang 2023 vorgestellt worden war.
Terrae Novae : Europäische Astronauten vor 2040 zum Mars
In der Roadmap der ESA unter dem Titel „Terrae Novae 2030+“ (Neue Welten 2030+) soll zunächst in den 2030er-Jahren ein Europäer auf dem Mond landen. Und noch vor 2040 einer oder eine auf dem Mars. Eine ehrgeizige und kühne Vision aus heutiger Real-Sicht.
„Wir wollen, dass Europa genauso von der Raumfahrt profitiert wie die USA und China. Wir verfügen bereits über das erforderliche Fachwissen, Know-how und die industriellen Kapazitäten. Was wir jetzt brauchen, ist eine gemeinsame europäische Vision und Ambition für die Raumfahrt.“ ESA Agenda 2025
Nach dieser Vision soll Europa in den 2030er Jahren eine Schlüsselrolle in der globalen Weltraumforschung spielen.
„Europa kann es sich nicht leisten, den Anschluss zu verlieren. Bereits drei Länder haben Astronauten in den Weltraum geschickt: die USA, Russland und China. Indien wird sich in Kürze einreihen. Um seine technologische Führungsrolle zu behalten, geopolitische Chancen zu nutzen, kommende wirtschaftliche Möglichkeiten zu ergreifen und Top-Talente anzuziehen, muss Europa jetzt handeln und seinen eigenständigen Zugang zum Weltraum schaffen. Dies ist nicht nur wichtig, um Europas Autonomie zu erhöhen, sondern auch um seine Rolle als Partner für internationale Zusammenarbeiten zu festigen.“
ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher auf einer Veranstaltung in Wien, ebenfalls am 2. Juni 2023
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Über die Autorin
Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Arbeitsorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.