Weihnachtsbücher 3: Aus der Luft betrachtet

Luftfahrer haben gerne die Übersicht von oben: Bei der Wahl zwischen einer Loft 🙂 im Dachgeschoss und einer Wohnung hinter der Haustüre entscheiden sich Piloten für die höher gelegene Wohnung. Dazu gibt es keine mir bekannten Statistiken, es ist eher Erfahrung aus meinem persönlichen Umfeld. (Vorsicht Humor)

Darum befassen wir uns heute mit Schwergewichten, die unseren wunderschönen Planeten von hoch oben betrachten. Bildbände, die man weder auf die Fahrradtour mitnehmen kann/sollte, noch als Lesestoff beim Charterflug mit Maximalgepäck von 20 Kilogramm.

Sogenannte Coffee Table Books*. Meist kostspielige, optisch opulente Bücher, die man gut sichtbar auf den kleinen Tisch beim Sofa positioniert, und erwartet, dass die Besucher sie bemerken und gebührlich bewundern. – So dachte ich lange Zeit und wurde erst vor kurzem auf einer Party eines Besseren belehrt, als eine Pilotin mir zum (leeren) Tisch in ihrer neuen Wohnung erklärte, dass sie gerne darauf die großen Bücher aus ihrer Bibliothek ansehen würde. Das sei so richtig gut zum Entspannen und Träumen…


 

Einen Moment dachte ich daran, wie Menschen manchmal durch Ideen, Worte und Grenzen getrennt werden. Aber hier im Cockpit in mehr als fünf Kilometern über dem Boden war die Erde Teil eines in einander fließenden Musters zufälliger Harmonie.

Plötzlich alarmierte mich Walt, dass wir von feindlichem Radar entdeckt wurden. Ich beschleunigte auf Mach 3.

Einen Augenblick lang hatte ich die Welt mit großer Klarheit gesehen.

Das schrieb Brian Shul, Pilot der legendären SR-71 (auch Black Lady oder Sled genannt). 1990. Geschwindigkeit: Mach 3. Flughöhe: 50.000 bis 70.000 Fuß (15-20 km).

„Etwas passiert mit Dir da draußen“, sagte auch etwa Apollo 14-Astronaut Edgar Mitchell. “Man entwickelt ein sofortiges globales Bewusstsein, eine Menschheitsorientierung, eine intensive Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt und einen Zwang, etwas dagegen zu tun.“ Praktisch jeder Astronaut hat diese Ehrfurcht und den Respekt in seinen eigenen Worten ähnlich formuliert.

Die Perspektive, die Welt und sich von außen zu sehen, kann die eigene Wahrnehmung verändern – das ist schon lange bekannt. Diese Sicht lässt sich leicht nützen, wenn einem wieder einmal ein menschlicher Giftzwerg gegenüber steht und meint, er würde wichtiger werden, indem er sein Klugschwätz über andere ausgießt. Dann kann man locker lächeln, sich gedanklich von der Erde weit weg zoomen; alles Unangenehme hier wird mikroskopisch klein ( 🙂 noch winziger als der Giftzwerg), unwichtig und nur die Schönheit unseres blauen Planeten aus der Entfernung bleibt. Funktioniert bei mir seit Jahrzehnten.

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(c) Dorling Kindersley

Dass dies sogar einen eigenen Namen, nämlich Overview-Effekt, hat, wurde mir erst durch ein Buch von Benjamin Grant bewusst. Grant schuf 2013 ein Social-Media-Projekt namens Daily Overview.

Dabei postete er auf seinem Instagram-Account täglich ein weiteres, von ihm ausgewähltes und bearbeitetes Satellitenbild von Digital Globe. Das Projekt war so erfolgreich, dass eine Ausstellung daraus entstand, die an mehreren Orten weltweit, unter anderem im Deutschen Museum in München gezeigt wurde.

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(c) Dorling Kindersley

Nun sind die Bilder gesammelt als prächtiger Bildband mit dem Titel: Overview veröffentlicht. Die Bilder im Buch sind thematisch angeordnet, etwa nach Orten, an denen wir wohnen, ernten, fahren oder spielen. Die Aufnahmen zeigen überdimensionierte Olivenhaine, weiße Baumwollfelder oder künstlich geschaffene Wohnräume wie die palmenförmige Insel in Dubai, auf der rund 26.000 Menschen wohnen. Begleitet sind die mehr als 200 überraschenden, schönen, manchmal auch erschreckenden Bilder jeweils von thematisch passenden Texten.

m4
(c) Piper Verlag (Malik)

Ebenfalls von hoch oben – mit Satellitenfotos des DLR – sind die Ansichten in der zweiten Buchempfehlung: m4 – Mountains, die vierte Dimension.

Der Bildband zeigt die höchsten Berge unserer Erde auf mehr als 170 exklusiven Satellitenbilder des DLR, Autor Reinhold Messner erzählt die Geschichte des Alpinismus mit persönlichen Erlebnisberichten der besten Bergsteiger unserer Zeit.

Topografischen Karten, Infografiken und Steckbriefen weisen auf die individuellen Charakterzüge jedes Berges hin. Es fügen sich Originalzeugnisse unterschiedlicher Epochen mit satellitengestützter Visualisierungstechnik, Besteigungshistorie und geografisches Hintergrundwissen zu einem Gesamtbild, das dem Leser die Erschließung neuer Horizonte nahebringt.

Das Buch ist eine gelungene Kombination von Wissenschaft, Kunst, Naturdarstellung und zudem ein praktikables Nachschlagewerk für Bergsteiger zur Planung künftiger Touren. Reinhold Messner sah in den Bildern neue Routen am K2 für die nächste Generation, und „für Recherchen zur alpinen Geschichte helfen sie mir heute“.

Für Linienpiloten, die über die hohen Gipfel mit gewisser Regelmäßigkeit fliegen und da stets wieder (bei guter Sicht) Ausschau nach ihren Favoriten halten, ist es vielleicht schön, ein wenig mehr zu einigen der Bergriesen zu erfahren.

Fazit (gilt für beide Bücher), geeignet für:

  • jeden, dem die Optik hilft, vom Alltag abzuschalten und eine andere, entspanntere Perspektive zum Leben einzunehmen
  • alle, die es lieben, Schönes anzusehen und dabei Wissenswertes zu erfahren
  • (Extrem-)Bergsteiger (…nicht so die Lesergruppe hier)
  • (Vorsicht Humor) den Coffee Table (siehe oben)
  • Menschen, die die Schönheit der Berge schätzen und die Macht der Natur respektieren

 


🙂  * Gleich vorab für die üblichen Klugsch… komentare: Nein, die sinngemäße deutsche Übersetzung: Beistelltischauslegebücher kommt mir nicht in den Text…)

Oshkosh 2014: Dienstag, Tag 2

Man kann nicht alles sehen und erleben. In Oshkosh sind so viele spannende fliegerische Ereignisse, Flüge, Vorträge und andere Veranstaltungen gleichzeitig, dass es stets schwer fällt, sich zu entscheiden. Meine Beiträge sind also inhaltlich sehr subjektiv selektiert. Trotzdem sollen sie Anregungen für andere Piloten geben, die gerade nicht hier sein können.

Mein Tag begann mit einem Vortrag über die SR-71, einem ausgedienten Spionageflugzeug der Amerikaner. Dieses schwarze, sleeke Ungetüm ist (in meinen Augen) so aussergewöhnlich und faszinierend seit ich es zum ersten Mal reell gesehen habe, vor Jahren, graziös in der Wüste Arizonas geparkt.

Graham
Col. Richard H. Graham

Heute sprach einer seiner Piloten, Col. Richard H. Graham, der auch vier Bücher zur SR-71 verfasst hat, über seine persönlichen Erlebnisse während des Einsatzes. Über die Geheimhaltung hinaus war der Piloteneinsatz in diesem Extremflieger noch stärker reguliert als bei Airlinepiloten. Follow the black line (dem Kurs) ohne Sperenzchen ist da noch das Mindeste.

Stundenlange Vorbereitungen jeder Menge Menschen vor einem Flug, sogar eine medizinische Tauglichkeitsuntersuchung der Piloten vor jedem Flug (wenn einer da aussortiert wurde ging die gesamte Crew, es gab keine Mix&Match Crews) und die Hot-Standby-Crew übernahm. Nach dem Briefing (mit Tankercrew und anderen Beteiligten) herrschte absolute Funkstille. Jeder wusste, was er in seiner Funktion zu tun hatte.

Graham: „Über 60000 Fuß gehört der Luftraum dir.“ Während der bis zu 11 Stunden dauernden Flugeinsätzen saßen die Piloten festgezurrt in ihren Druckanzügen auf ihren Sitzen und atmeten reinen Sauerstoff. „Das hörte sich dann an, wie Darth Vader, wenn wir untereinander flüsternd kommunizierten,“ so Graham. Nach der Landung gab es weitere stundenlange Briefings: Der Geheimdienst wollte informiert werden, ein operationelles Debrief folgte und die Techniker wollten wissen, was sie wo erneuern müssen.

Dick-Rutan

Dick Rutan, der Bruder des innovativen Flugzeugkonstrukteurs Burt Rutan, erzählte ziemlich offen über Human Factors bei seinen Rekordflug, mit Jeana Yeager in der Voyager vor 28 Jahren (1986). Der erste nonstop-Um-die-Welt-Flug, ohne aufzutanken. 9 Tage dauerte die Reise in einer Umgebung, „die kleiner als eine Telefonzelle war“, so Rutan.

Eine der Schlussfolgerungen war, dass man aktiv sein Gehirn ständig gebrauchen sollte, wenn man bei tagelangem Schlafentzug weiterhin einigermassen vernünftig denken und handeln muss. Sonst kommen die Halluzinationen und das ist beim Fliegen tödlich. Eine weitere war, dass man seiner Erwartungshaltung, gerade in Krisensituationen, nicht folgen sollte. Sondern: Zurücklehnen, entspannen und dann die Sache möglichst objektiv wahrnehmen und einschätzen. Das kann Leben retten. Das Falsche schnell zu tun, hilft selten.

Und dann ging es noch ums Entscheidungen fällen (decision making), einer ebenso Lebenserhaltenden oder Lebennehmenden Sache beim Fliegen. Kann ich das (heute) durchführen? So wie es sein soll?

NASAOrion1 Das NASA-Briefing zum Trip to Mars war heute erfreulicherweise ausführlicher als gestern. Mit Fokus auf das neue Space Launch System (SLS) und die Crew-Kapsel Orion, die zunächst Fracht und später auch Menschen zum Mars befördern soll.

Orion’s erste Mission, genannt Exploration Flight Test-1 (EFT-1) ist für Dezember 2014 geplant. Das Raumschiff fliegt dabei 3600 Meilen, 15 Mal weiter in den Raum als die Internationale Raumstation. Bei dieser Mission erhalten die EFT-1-Ingenieure kritische Daten zu Orion’s Hitzeschild und den Flugsystemen. Alles als Basis für den späteren Transport von Menschen.

Charlie Precourt, Vice President und General Manager, ATK Space Launch Abteilung, hält nicht viel von Simulationen: „Das muss unter realen Bedingungen getestet werden, sonst fehlen immer irgendwelche Faktoren.“ Als Beispiel führt er an, dass das Recylingsystem für Urin zurück zu Wasser am Boden hervorragend funktioniert hatte. An Bord der Internationalen Space Station aber verstopfte es recht bald und gab seine Funktion auf. Grund war das Calcium aus den Knochen der Astronauten, das in der Umlaufbahn vom Körper in wesentlich höherem Maß abgebaut wird als auf der Erde.

Nasakids
Selfie mit dem Astronauten Charlie Precourt

In der amerikanischen Bevölkerung ist nichts mehr von dem Space Enthusiasmus des Apolloprogrammes von vor 50 Jahren zu spüren. Mehrfach weisen die Vortragenden darauf hin, dass die NASA nicht mit der Aufgabe des Space Shuttle Programmes aufgehört hat zu arbeiten oder zu existieren. Auch die Fragen aus dem Publikum würden in Europa eher bei Grundschulklassen vorkommen. Sie sind wissensmäßig auf dem Stand von vor 50 Jahren. Da hat die ESA in Europa erfreulicherweise in den letzten Jahrzehnten gute Arbeit geleistet. Es ist ganz schöner Effort notwendig, die amerikanische Bevölkerung wieder für die Raumfahrt zu begeistern. NASA bemüht sich zurzeit redlich. Wir wünschen gutes Gelingen!

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Steve Pugh, Geschäftsführer von MVP Aero
Steve Pugh, Geschäftsführer von MVP Aero