BSF26: Das Titanic Verbrechen

Alle Fotos ©FlugundZeit

In Southampton begegnet einem die Titanic auf Schritt und Tritt. Die Geschichte des berühmtesten Passagierschiffes der Welt ist hier nicht nur Teil eines Museums. Sie gehört vielmehr zur Geschichte der ganzen Stadt. Das sehen wir uns näher an.

Die Dauerausstellung „Southampton’s Titanic Story“ im SeaCity Museum erzählt von einem Schiff, das am 10. April 1912 von Southampton zu seiner Jungfernfahrt aufbrach und nur wenige Tage später zum Symbol einer der bekanntesten Katastrophen der Seefahrtsgeschichte wurde.

Gleich vorweg. Man kann sich darin verlieren. Stunden verbringen und sich in die Geschichte wie in einen Kriminalfall versetzen. Auch wenn man – wie ich – den emotionalen Film dazu nie gesehen hat. (Ja, das gibt’s.)

Die vielen interaktiven Gelegenheiten und die persönlichen Zeitzeugnisse ziehen einen richtig in das Geschehen hinein.

Also absolut sehenswert! Zeit nehmen. Lohnt sich.

Eine Stadt fährt mit

Mehr als 2200 Menschen befanden sich auf der Titanic, als sie ihre erste Atlantikreise antrat. Ein großer Teil der Besatzung hatte Verbindungen nach Southampton. Für die Hafenstadt war das Schiff deshalb weit mehr als ein spektakulärer neuer Ozeanliner.

Die großen Passagierschiffe waren Arbeitsplätze. Auf ihnen arbeiteten Offiziere und Maschinisten, Heizer und Stewards, Köche, Seeleute und zahlreiche weitere Besatzungsmitglieder. Ihre Familien lebten in Southampton, ihre Kinder gingen hier zur Schule, ihr Lohn ernährte Haushalte in den Straßen rund um den Hafen.

Als die Nachricht vom Untergang der Titanic Southampton erreichte, bedeutete sie deshalb für viele Menschen nicht die Nachricht von einer Katastrophe irgendwo im Nordatlantik. Sie bedeutete, dass Ehepartner, Väter, Mütter, Brüder, Töchter, Söhne, Nachbarn und Freunde nicht zurückkommen würden.

Die Titanic bekommt Gesichter

Einer der eindrucksvollsten Aspekte der Ausstellung ist die Konzentration auf die Besatzung. Namen, Fotografien, persönliche Geschichten und historische Gegenstände verhindern, dass die Opfer hinter abstrakten Zahlen verschwinden.

Bild1: Frühstücksspeiseplan für die Zweite Klasse

Bild2: 1st Class breakfast menu am 11. April 1912. Die Speisekarten auf der Titanic waren als Postkarten gedruckt. Passagiere und Besatzungsmitglieder schickten sie an Freunde und Verwandte.

Bild3: Schrankkoffer. Ohne Kommentar.

Das Museum zeigt mehr als 200 Objekte und Erinnerungsstücke rund um die Titanic und ihre Geschichte. Hinzu kommen Fotografien, Dokumente und persönliche Zeugnisse. Auch viele Originalgegenstände, die mit dem Schiff und den Menschen an Bord verbunden sind, gehören zur Sammlung.

Spektakuläre Wrackfunde wird man bis auf wenige Ausnahmen kaum finden. Alle gezeigten Exponate sind stets mit den Geschichten ihrer Besitzer verknüpft. So wird aus dem Schicksal eines berühmten Schiffes nach und nach das Porträt einer ganzen Stadt und ihrer Bewohner.

Zurück ins Southampton von 1912

Der Ausstellungs-Rundgang beginnt nicht erst in jener Nacht, in der die Titanic mit dem Eisberg kollidierte.

Zunächst geht es in das Southampton des Jahres 1912. Bilder, Geräusche, Dokumente und rekonstruierte Situationen vermitteln einen Eindruck von einer geschäftigen Hafenstadt, in der die großen Atlantikliner zum Alltag gehörten.

Southampton war eines der wichtigsten Tore Großbritanniens zur Welt. Passagiere kamen und gingen, Schiffe wurden versorgt, Mannschaften angeheuert, Lebensmittel und Gepäck an Bord gebracht. Ganze Wirtschaftszweige lebten vom Hafen und von den Schiffen.

In dieser Umgebung war die Titanic noch kein Denkmal und kein Mythos. Sie war ein hochmodernes neues Passagierschiff.

Ein Gigant im Maßstab 1:25

Wie groß dieses Schiff tatsächlich war, lässt sich an Fotografien nur schwer erfassen. Im Museum hilft dabei ein großes interaktives Modell der Titanic im Maßstab 1:25.

Es macht nicht nur die gewaltigen Dimensionen des Liners anschaulich, sondern zeigt auch, wie unterschiedlich die Welten an Bord waren. Luxusbereiche der Passagiere lagen nur wenige Decks entfernt von Maschinenräumen und Arbeitsplätzen, an denen Besatzungsmitglieder unter vollkommen anderen Bedingungen tätig waren.

Die meisten Kabinen der 2. Klasse befanden sich im Heckbereich. Sie verfügten über zwei oder vier Kojen. Die Einrichtung ist solide und gut durchdacht, allerdings ist der Platz recht begrenzt. Außerdem war es dort extrem kalt, da die Heizung in der 2. Klasse nicht funktionierte.

Kabine der 2. Klasse

In den vielen interaktiven Stationen kann man etwa verschiedene Bereiche des Schiffes erkunden.

Das Gelbe ist das steinerne Wandbild als Objekt in Originalgröße. Rechts sieht man auf dem Bild wie es Teil des Stiegenaufganges gewesen sein muss.

Sogar der Maschinenraum – jener Teil der Titanic, ohne den der luxuriöse schwimmende Palast nicht hätte funktionieren können, – ist als interaktives Teil nachempfunden. Wer will, kann da unter Einsatz seiner Kräfte Kohle schaufeln.

Tief unten im Bauch des Schiffes arbeiteten Menschen in Hitze, Lärm und Schmutz, während einige Decks höher Passagiere in prachtvollen Räumen speisten und reisten.

Zu den interaktiven Elementen gehören auch das Steuerrad und ein Maschinentelegraf, mit denen gerade auch jüngere Besucher arbeiten können. Das ist im Bild keine historische Originalbrücke der Titanic, sondern eine museale Rekonstruktion beziehungsweise Interpretation.

Dann kommt der Eisberg

Am späten Abend des 14. April 1912 befand sich die Titanic auf dem Nordatlantik. Um 23.40 Uhr kollidierte sie mit einem Eisberg. Weniger als drei Stunden später war das Schiff gesunken.

Klick ins Bild vergrößert.

Das SeaCity Museum rekonstruiert die Abfolge der Ereignisse chronologisch und verbindet dabei technische Informationen mit den Erfahrungen der Menschen an Bord.

Besonders berührt haben mich die historischen Stimmen von Überlebenden. Das Museum verwendet Tonaufnahmen, in denen Menschen ihre Erinnerungen an die Katastrophe schildern. Die letzten Worte des Vaters, den er nie mehr wieder sah, die Band, die an Deck weiterspielte (nicht im Speisesaal, wie öfter behauptet).

Plötzlich ist die Titanic keine schwarzweiße Fotografie aus einem Geschichtsbuch mehr. Man hört Menschen sprechen, die diese Nacht tatsächlich erlebt haben.

Von den mehr als 2200 Menschen an Bord wurden nach Angaben des Museums lediglich 705 gerettet.

Warum starben so viele Menschen?

Die Ausstellung endet nicht mit dem Untergang

Ein weiterer wichtiger Teil beschäftigt sich mit den kriminologischen Untersuchungen, die nach der Katastrophe durchgeführt wurden.

Dabei ging es um Fragen, die bis heute mit der Titanic verbunden sind:

Wie wurden Eiswarnungen behandelt?

Welche Geschwindigkeit fuhr das Schiff?

Wie verlief die Evakuierung?

Warum gab es nicht genügend Rettungsbootplätze für alle Menschen an Bord?

Und welche Entscheidungen wurden in den entscheidenden Stunden getroffen?

Auch hier mit Originalzeugnissen, Stimmen und Dokumenten, die die Untersuchung belegen. Bei manchen läuft einem ein Schauer über den Rücken.

Damit trennt sich die historische Realität wohltuend von vielen Mythen, die sich seit mehr als einem Jahrhundert um die Titanic gebildet haben.

Aber die Geschichte wird dadurch nicht weniger dramatisch. Im Gegenteil.

Gerade wenn man versteht, wie die technischen, organisatorischen und menschlichen Faktoren zusammenspielten, sieht man, wie und warum der Untergang die Schifffahrt nachhaltig veränderte.

Viele Regeln (die Anzahl der Rettungsboote und mehr) entstanden aus der Katastrophe.

Mehr als „nur“ Titanic

Wie schon der name sagt, ist das SeaCity Museum kein ausschließliches Museum über das große Schiffsunglück. Denn Southampton war der Ort, an dem das Schiff seine große Reise begann – und die Stadt, in der besonders viele Familien auf Menschen warteten, die nicht mehr nach Hause kamen.

Die Stadt verlor innerhalb weniger Stunden einen erheblichen Teil der Menschen, die auf der Titanic gearbeitet hatten. Familien standen plötzlich ohne ihre Angehörigen und teilweise ohne ihr Einkommen da.

Zwei weitere Ausstellungen zur Geschichte Southamptons als Hafen- und Einwanderungsstadt ergänzen daher die Titanic-Ausstellung sinnvoll.

Neben „Southampton’s Titanic Story“ (die allerdings locker einige Stunden wert ist), widmet sich „Southampton Stories“ der Stadtgeschichte, unter anderem den beiden Weltkriegen, der Entwicklung des Hafens, Handel, Migration, Sport und Alltagsleben. Gezeigt werden Schiffsmodelle, Fotografien, Gemälde, historische Kleidung, maritime Dokumente und zahlreiche weitere Objekte.

„Gateway to the World“ erzählt uns die Geschichte Southamptons über einen Zeitraum von rund 200.000 Jahren – von frühen Siedlungen über Römer und Sachsen bis zur Entwicklung des modernen Hafens.

Nach dem Museums-Rundgang versteht man besser, warum ausgerechnet Southampton für das Schiff so wichtig war. Die Titanic war Teil einer langen Tradition einer Stadt, deren Geschichte untrennbar mit dem Meer, mit Schiffen und mit Menschen auf Reisen verbunden ist.

Ein Erlebnis-Museum am richtigen Ort

Das Gebäude des SeaCity Museums ist auch architektonisch bemerkenswert.

Es befindet sich in einem Teil des großen Southampton Civic Centre, einem denkmalgeschützten Gebäudekomplex aus Portland-Stein. Der betreffende Gebäudeteil war ursprünglich der Gerichtsbereich des Civic Centre und enthielt unter anderem Gerichtssäle, Polizeiräume und Zellen.

Die Eröffnung des Museums fand genau hundert Jahre später statt, nachdem die Titanic zu ihrer Unglücksfahrt aufbrach. In der Ausstellung steht man heute nur wenig von jenem Hafen entfernt, von dem sie 1912 ablegte.

Wer anschließend durch Southampton geht, findet weitere Spuren: Denkmäler, Gebäude und Orte, die mit Besatzungsmitgliedern und der Geschichte des Schiffes verbunden sind. Siehe Link



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Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Einsatzorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.