BSF26: Künstliche Intelligenz

Großbritannien gehört bei Künstlicher Intelligenz in einigen Bereichen zu den führenden Ländern Europas. Dazu zählen autonome Systeme, sowie die Finanz- und Gesundheitswirtschaft. Allerdings liegt die Forschung in diesen Bereichen eher im Raum London–Oxford–Cambridge, nicht zuletzt mit Google DeepMind. Aber Großbritannien investiert gezielt in KI-Forschung, Rechenkapazität und die Überprüfung besonders leistungsfähiger KI-Systeme.

Southampton ist kein großes Zentrum für generative KI wie London, dafür gibt es dort eine bemerkenswert starke Verbindung von KI mit Ingenieurwissenschaften. Schwerpunkte sind unter anderem Robotik und KI für die Meeresforschung.

An der University of Southampton arbeiten die Forscher an Robotik und autonomen Systemen zu Land, zu Wasser und in der Luft. Der aktuelle Masterstudiengang „Robotics and Autonomous Systems“ umfasst autonome Fahrzeuge, Wahrnehmung, Entscheidungsfindung und KI.

Soziale Roboter

Diesen Roboter(Kopf) gab es live zu erleben. Er guckte die Besucher an während des Vortrages von Andrew Blair von der University of Glasgow und reagierte auf Bewegungen im Publikum. Am großen Screen konnten wir dabei beobachten, auf wen er gerade sein Augenmerk richtete.

Seinen eigentlichen Einsatz hatte der Roboter in einer Kirche. Ungewöhnlich. Das dachten sich die Forscher zunächst auch. Aber sie wollten wissen, wie die Besucher einer alten Kirche auf einen Roboter in dieser Umgebung reagierten und wie sich der Robi verhielt.

Sie bezeichnen die Kirche als Beispiel für einen Experimentellen Raum. Der ist durch Entdecken, Neugier, Emotionen gekennzeichnet und weckt Emotionen wie Freude, traurig sein, erholt sein und mehr. Hauptzweck ist die Erfahrung.

Das wäre im Gegensatz zu einem Funktionsraum. Der dadurch gekennzeichnet ist, dass Menschen primär ein Ziel verfolgen: Sie wollen ein Kleidungsstück kaufen, zum Flugzeug Gate kommen, noch schnell etwas essen, bevor der Zug kommt.

Ein Roboter im experimentellen Raum ist schwieriger für Menschen zu akzeptieren. (Noch). Die Forscher nahmen sich eine schottische Whiskybrauerei als Testplatz vor und eine alte Kirche.

In der Brauerei Uile Bheist soll der Whisky-Empfehlungsroboter das Erlebnis im Taproom bereichern, indem er die Geschichte der Brauerei und Brennerei erzählt. Zudem berät er die Nutzer hinsichtlich möglicher Biere oder Whiskys, die sie während der Wartezeit probieren können.

In der Kirche stellten sie den Roboter in der Nähe des Ausgangs auf, um Feedback zur Saint-Giles-Kathedrale von Besuchern zu erhalten.
Besucher konnten auch Fragen zur Geschichte der Kirche stellen, allerdings keine seelsorgerischen Fragen. Und das alles in sechs Sprachen. Wichtig war den Forschern, dass alle Informationen lokal verarbeitet werden und keine personenbezogenen Daten an OpenAl gesendet werden. Sie wählten Mistral als KI.

Viele Besucher waren zwar unsicher, wie sie mit dem Roboter umgehen sollen, lehnen ihn aber nicht ab: „Es ist schön, Kinder für die Kirche zu begeistern.“ „Eine unterhaltsame Art, mehr über die Kathedrale zu erfahren.“ „Ich hätte nicht erwartet, das hier zu finden, aber es wirkt nicht fehl am Platz.“

KI und das Meer

In der Forschung für autonome Unterwasser- und Überwasserfahrzeuge geht es um Navigation, automatische Missionsplanung, Sensorik, Bilderkennung und den Einsatz von Machine Learning.

Die Maritime Engineering Research Group setzt KI unter anderem für Schiffsoptimierung, autonome Fahrzeuge, Unterwasser-Bildauswertung und digitale Modelle von Schiffssystemen ein.

Dazu kommt das National Oceanography Centre in Southampton. Dort werden große autonome Unterwasserfahrzeuge wie Autosub 5 und ferngesteuerte Tiefseeroboter entwickelt und eingesetzt. Solche Systeme können in Regionen arbeiten, die für bemannte Fahrzeuge zu tief, zu gefährlich oder schlicht zu teuer wären.

KI und Kunst

Schwierig zu sagen, ob die Installation Lateral Lines des Künstlers James Wylie creepy oder faszinierend war. Hypnotisierend auf jeden Fall und, wenn man sich überlegt, was sie darstellt, auch arg zum Denken anregend: Eine digitale Projektion mit Live-Schiffsverkehrsdaten und Bewegungssensor.

Die Installation zeigt uns, wie Fische ihre Umgebung wahrnehmen. Fische besitzen ein sogenanntes Seitenlinienorgan, mit dem sie feinste Bewegungen und Druckveränderungen im Wasser registrieren können. So nehmen sie Wasserbewegungen, die beim Schwimmen zurückbleiben, von anderen Tieren wahr (die hydrodynamische Spur).

Dieser zusätzliche Sinn vermittelt Fischen ein sehr genaues Bild ihrer Umgebung. Gleichzeitig macht er sie besonders empfindlich gegenüber Unterwasserlärm.

Hier setzt die Installation an: Sie bezieht aktuelle Daten des Schiffsverkehrs im Solent ein und macht die damit verbundene Lärmbelastung unter Wasser auch für Menschen erlebbar. Töne, die für uns wie aus dem Jenseits klingen, auf- und abschwellen, und optisch bunte Linien dazu, die sich in Wirbeln und Gebilden auflösen.

Weil man dies nur schlecht mit Worten beschreiben kann, gibt es hier ein kurzes Video. Das ist aber eine statische Aufnahme, während sich bei der Installation sowohl die Klänge als auch die Bilder ständig wandelten.

Das in einem sonst komplett dunklen Raum und mit Dolby Surround zu erleben – outgespaced.

Passieren Schiffe den Hafen von Southampton, verändert und stört sich die ansonsten ruhige Projektion. Schiffsverkehr bedeutet unter Wasser also eine erhebliche akustische und sensorische Belastung für die dort lebenden Tiere.

Follower und Glaubwürdigkeit

Wie uns schlechte Nachrichten beeinflussen, zeigt ein interaktives Spiel, vorgestellt von Andy Extance, ABSW Ex-Chair (Vereinigung der britischen Wissenschaftsautoren):

http://www.getbadnews.com/en/play

Aus der Beantwortung von Fragen der KI wird ein Score für unsere Glaubwürdigkeit erstellt und die Zahl der (potentiellen) Follower berechnet.

Ergebnis einer anderen Untersuchung von Jessica Ringrose, University College London, zu „Heranwachsenden, Chatbots und Intimität durch KI“ mit Kindern von 8 bis 12 Jahren war unter anderem Folgendes:

Wenn KI zunehmend in Schulen eingesetzt wird, wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Kinder aus begüterten Häusern werden sich menschliche Tutoren leisten können und die KI/Roboter liefern die Billigversion.

Jugendliche [Erwachsene ebenso, hkl] verlernen es, Entscheidungen zu treffen. Sie werden nicht mehr wie bei Google (oder bewahre!, Papierlexika 😉 ) gefordert, das Passende aus einer Liste auszuwählen, um weiter zu arbeiten, sondern bekommen bereits das fertige Ergebnis auf dem Silbertablet geliefert. Man muss es nur noch abnicken.

Auch die Luftfahrt spielt mit

Bei Luftfahrt und KI liegt der Schwerpunkt in Southampton auf Entwicklung und Simulation. Die Universität besitzt eine traditionsreiche Luftfahrtforschung und arbeitet unter anderem mit Airbus und Rolls-Royce zusammen. Das dort angesiedelte Airbus Noise Technology Centre untersucht beispielsweise Flugzeuglärm und Aerodynamik.

Interessant wird KI dabei in der computergestützten Flugzeugentwicklung. Forscher verwenden Machine Learning und generative Verfahren, um aerodynamische Formen schneller zu berechnen und zu optimieren. Solche Methoden können klassische, sehr rechenintensive Strömungssimulationen ergänzen oder beschleunigen.

Im normalen Unternehmensalltag ist das Bild allerdings gemischter: Zwar wird KI in England1 zunehmend eingesetzt, häufig jedoch nur für Recherche, Textarbeit und Datenanalyse und weniger für vollständig automatisierte Prozesse.


  1. Wir schreiben hier bewusst England und nicht Großbritannien, weil sich das Science Festival nur auf England bezieht. Schottland etwa hat ein eigenes Festival. ↩︎

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Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Einsatzorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.