BSF 26: Solent Sky – Die Aera der Luftfahrt

Warum

Zwar war das Luftfahrtmuseum „Solent1 Sky“ nicht Teil des British Science Festivals (BSF). Es gehört aber auf jeden Fall zur Luftfahrtgeschichte Southamptons wie die Titanic zur Seefahrt. Warum trotzdem die Spitfire und große Flugboote hier eine Rolle spielen, steht weiter unten.

Das Museum ist ungewöhnlich. Außergewöhnlich und absolut sehenswert. Das hatte mir bereits vor Jahren unser Seaplane-Freund Brian Meadley ans Herz gelegt. Und er hatte (wie immer) recht. 🙂 Thank you Brian! Ich gebe die Empfehlung für alle Luftfahrt- und Geschichtsinteressierte hiermit weiter.

Nun gehts los!

Der erste Eindruck ist: klein. – Täuscht. – Sehr.

Die Flugzeuge hängen über-, unter-, nebeneinander und sind auf drei Ebenen gestaffelt, in denen man sie auf jeder über eine Empore (mit weiteren Nebenräumen) begutachten kann.

Southampton als Zentrum der Flugzeugentwicklung

Zwischen etwa 1910 und 1960 gehörten Southampton, der Solent und die benachbarte Isle of Wight zu den wichtigsten britischen Regionen für Flugzeugbau und Luftfahrtforschung. Mehr als 20 Flugzeughersteller waren zeitweise in der Region aktiv.

Hier arbeiteten Unternehmen wie Supermarine, Saunders-Roe und Folland, hier entstanden Flugboote, Rennflugzeuge, Jagdflugzeuge, Hubschrauber und zahlreiche Versuchsmuster. Southampton war der Standort der damals größten Flugboot-Operation der Welt.

Solent Sky unterscheidet sich deutlich von großen nationalen Sammlungen wie Duxford oder dem RAF Museum. In Southampton stehen Flugzeuge im Mittelpunkt, die eng mit der Region und ihrer Luftfahrtgeschichte verbunden sind.

R. J. Mitchell und sein Team entwickelten die Spitfire bei Supermarine in Southampton. Der Prototyp K5054 startete am 5. März 1936 vom damaligen Eastleigh Aerodrome, dem heutigen Southampton Airport, zu seinem Erstflug. 2026 jährte sich dieser Flug zum 90. Mal.

Im Solent Sky steht die Spitfire F.24 PK683. Das ist keine Spitfire mehr aus der Battle of Britain von 1940. Die F.24 gehört vielmehr zu den letzten und leistungsfähigsten Entwicklungsstufen dieses Musters.

Zwischen dem Prototyp von 1936 und diesen späten Versionen liegen zahlreiche Veränderungen an Zelle, Tragflächen, Motorisierung und Bewaffnung. An ihr kann man sehen, wie weit Mitchells ursprünglicher Entwurf innerhalb weniger Jahre weiterentwickelt wurde.

Der Kampf um Geschwindigkeit

Noch vor der Spitfire beschäftigte sich Supermarine intensiv mit Geschwindigkeit. Grund dafür waren die Schneider-Trophy-Rennen für Wasserflugzeuge. Im Museum steht mit der Supermarine S.6A N248 ein Flugzeug aus genau dieser Epoche. N248 nahm 1929 am Wettbewerb teil.

Die Schneider Trophy

Die Schneider Trophy war ein spektakuläres Rennen, das Hersteller und Konstrukteure dazu zwang, Aerodynamik, Kühlung, Motorleistung und Struktur der Flugzeuge immer weiter auszureizen. 1929 gewann Großbritannien mit der Supermarine S.6 den Wettbewerb; wenige Tage später wurden mit dem Muster weitere Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt.

Für mögliche Einsätze während des deutschen Angriffs auf Norwegen und für andere küstenreichen Regionen wurde eine Spitfire Mk I versuchsweise mit Schwimmern ausgerüstet. Sie wies jedoch Instabilitäten im Wasser auf und ging nicht in Serie.

Aber Mitchell und sein Team sammelten mit den Schneider-Konstruktionen wertvolle Erfahrungen beim Entwurf schneller, aerodynamisch sauberer Flugzeuge.

Die S.6A und die Spitfire stehen damit berechtigt unter einem Dach.

Ein Interview mit John Russell, der mit mir September 2011 den dritten German Seaplane Day veranstaltete, über die Schneider Trophy:

Die Saunders-Roe SR.A/1 TG263

Das Flugzeug sieht aus, als hätten sich zwei vollkommen unterschiedliche Konstruktionswelten getroffen: ein strahlgetriebenes Jagdflugzeug – und gleichzeitig ein Flugboot.

Der Entwurf entstand noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Überlegung heraus, schnelle Jagdflugzeuge unabhängig von Flugplätzen beispielsweise im Pazifik einsetzen zu können.

Bild 1: Diese SR.A/1 ist ein strahlgetriebenes Flugboot-Jagdflugzeug. TG263 war der erste von drei gebauten Prototypen und ist der einzige erhaltene. Die Nase sieht bizarr aus: Der große Lufteinlass liegt hoch über der Wasserlinie, damit möglichst kein Spritzwasser in die beiden MetroVick-Beryl-Triebwerke gelangt.

Bild 3 mit dem Raumanzug zeigt die Schwierigkeit, hier gute Bilder von (nur) einem Flugzeug oder einem Gegenstand zu machen. Man muss halt Vorort sein, dann löst sich das Problem. 🙂

Der Erstflug von TG263 fand am 16. Juli 1947 statt. Sie ist heute das einzige erhaltene Exemplar. 1951 flog das Flugzeug zum letzten Mal.

Die Saunders-Roe SR.A/1 TG263 gehört zu jener experimentellen Phase, in der Konstrukteure noch herauszufinden versuchten, welche optimale Form militärische Jets annehmen würden.

Dass die SR.A/1 heute ausgerechnet in Southampton steht, passt perfekt. Der Hersteller Saunders-Roe saß auf der Isle of Wight unmittelbar gegenüber auf der anderen Seite des Solent.

Begehbares Flugboot

Bevor Langstreckenflugzeuge von kilometerlangen Betonbahnen starteten, verbanden große Flugboote Großbritannien mit entfernten Teilen des damaligen Empire. Das Meer lieferte die Startbahn.

Damals war Southampton ein wichtiger Ausgangspunkt für den internationalen Flugbootverkehr.

Zumindest der optische Höhepunkt des Museum ist die mächtige Short Sandringham „Beachcomber“, VH-BRC. Besucher können in das Flugboot hineinklettern. Mit nettem Fragen gehts sogar aufs Flight Deck.

In der Sandringham fühlt man sich wie in der Zeit versetzt. Eine Zeit, in der Fliegen noch ein Erlebnis für die Passagiere war. In einem Innenraum, der eher an luxuriöse Züge als an moderne Airline-Kabinen erinnert.

Zwischen den großen Attraktionen findet man Dinge, wegen derer man als Luftfahrtinteressierter plötzlich viel länger bleibt als geplant. Etwa einen Folland Gnat F.1, Saunders-Roe Skeeter-Hubschrauber, Teile einer Supermarine Seagull und offene Fighter Cockpits, in die Besucher tatsächlich einsteigen können.

Dazu gehört unter anderem das Cockpit eines Harrier und eines Supermarine Swift. Ganz in der Nähe steht außerdem die imposante Sea Vixen Reinklettern? Bitte sehr. Ist möglich.

Die Sammlung ist angenehm unberechenbar. An jeder „Ecke“, pardon hinter/über jedem Fluggerät gibt es Neues zu sehen.

Man geht wegen der Spitfire und den Flugbooten hinein und entdeckt dann Versuchsmuster, Cockpits und lokale Konstruktionen, von denen selbst viele Luftfahrtinteressierte kaum mehr als den Namen kennen.

Ja, das Museum ist unübersichtlich. Vielleicht sogar durcheinander. Jedenfalls übereinander 😉 Vollgestopft wäre vielleicht sogar ein passender Ausdruck. Solent Sky ist ein Museum mit Charakter.

Die Enthusiasten als Welterklärer

Dafür warten an den hier erwähnten Ausstellungsstücken für großes Publikumsinteresse Freiwillige, die gerne ausführlich ihr umfangreiches Fachwissen zum Besten geben und freundlich und geduldig auch viele Fragen beantworten.

Ziel Southampton

Beide Weltkriege aus britischer Sicht spielen eine große Rolle im Museum; zum Teil mit Originalvideos und nachgestellten Szenen, und Interviews mit Piloten lebendig illustriert.

Hierzulande (Deutschland) vergisst man gerne, dass im Zweiten Weltkrieg auch die Bevölkerung anderer Länder arg gebombt wurde.

Drei versuchte Bombing Raids über die Fabrik, in der die Spitfires gebaut wurden, gingen so daneben, dass stattdessen ganze Stadtviertel dem Boden gleich gemacht wurden. Die Fabrik blieb unbeschadet stehen. Vorerst.

Als sie dann doch getroffen wurde, zogen die Flugzeugbauer einfach über den Solent, auf die andere Seite des Flusses, und bauten munter weiter.

Feuerwehr und Polizei

Wir sind in England. Noch immer. Denn eine Abteilung in einer der oberen Stockwerke befasst sich mit dem historischen Feuerwehrzubehör in allen Arten und Formen. Und eine weitere zeigt das Handwerkszeug der Polizei über die Jahre. Etwa Schlagstöcke und Handschellen in allen erdenklichen Varianten…

Es gibt Arbeitsplätze, an denen man in der umfangreichen, frei zugänglichen Bibliothek in Luftfahrtbüchern schmökern kann. Und wenn einem eines (oder mehrere) gefällt, kann man es gegen eine kleine Spende auch mitnehmen. Alle Bücher stammen von ehemaligen Piloten oder anderen Flugzeugenthusiasten. Wer genau guckt, findet auch Raritäten darunter.

Für jemanden, der Flugzeuge nicht nur ansehen, sondern verstehen möchte, warum sie entstanden sind und warum gerade dort, würde ich Solent Sky ziemlich weit oben auf die Liste britischer Luftfahrtmuseen setzen.

Der reguläre Museumseintritt beträgt aktuell £14 für Erwachsene.


  1. „Solent“ ist der Eigenname der Meerenge zwischen der Isle of Wight und dem südenglischen Festland bei Southampton und Portsmouth.
    „Solent Sky“ ließe sich sinngemäß also etwa als „Himmel über dem Solent“ übersetzen. ↩︎

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Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Einsatzorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.