BSF26: Bezaubernde Kunst

Jetzt geht es zu einem weiteren Höhepunkt des British Science Festivals 2026. Denn dort kommt die nächste Überraschung oft ganz unerwartet um die Ecke. Oder in den Musiksaal.

Wie erwähnt, bot mir das BSF in diesem Jahr wissenschaftlich zu wenig Neues und Tiefgründiges. Die Kunstdarbietungen dagegen überzeugten – wie stets – durch ihre außergewöhnlichen und ungewöhnlichen Ansätze. The Ocean Remembers gehörte dazu.

Wie klingt ein Ozean, der sich erinnert?

The Ocean Remembers eröffnete das British Science Festival 2026 in Southampton mit einer ungewöhnlichen Verbindung aus Musik, Wissenschaft und Performance. Die beteiligten Künstler übersetzten Forschung in Klang, Rhythmus und Stimmen.

Geschrieben und komponiert wurde das Werk vom Soundkünstler und „Nature Beatboxer“ Jason Singh gemeinsam mit der britisch-bahrainischen Trompeterin und Komponistin Yazz Ahmed.

Hier eine Kostprobe:

Eine Abendveranstaltung in einem großen Auditorium. Man sitzt zwar weit weg vom Geschehen, aber so wirkt es nur umso tiefer. Es ist dunkel. (Erschwert die Fotoaufnahmen.)

Dann kommt langsam ein Orchester die Türe herein, eine Gruppe Menschen, die statt zu singen, die Tierlaute im Ozean ziemlich perfekt nachmachen. An- und abschwellend. Und einige Vortragende, die über das Leben der Lebewesen im Meer und derer zunehmende Herausforderungen rezitieren.

Der Dirigent sitzt in der Mitte und hat alles im Griff, oder besser im Stab. Die Menschengruppe hat eine eigene Dirigentin, die den Einsatz und die Lautstärke vorgibt.

Ausgangspunkt für „The Ocean Remembers“ waren reale Themen der Meeresforschung: winzige Otolithen im Innenohr von Fischen, die wie biologische Archive Informationen über ein ganzes Leben speichern, das Jagdverhalten von Finnwalen, Mikroplastik in Korallen und die langen Wege, die Menschen seit Jahrtausenden über die Meere zurücklegen.

Aus wissenschaftlichen Daten und Beobachtungen entstanden dabei ektronische Klanglandschaften, die auf Jazz, Stimmen, Hip-Hop und Live-Instrumente trafen.

Besonders beeindruckt hat mich der Text der Dr. Julie Mestre. Es war nur einer von vielen, die alle zu Nachdenken und Nachfühlen beitrugen. Mestre bewegt sich wissenschaftlich in einer Welt, die für die meisten Menschen verborgen bleibt.

Die Meeresökologin der University of Southampton untersucht, wie große Meerestiere durch ihre Umwelt ziehen, wo sie Nahrung finden und wie sich ihr Verhalten verändert, wenn der Mensch in diese Lebensräume eingreift.

Intensiv beschäftigt sie sich mit Finnwalen in der Antarktis und ihrer Suche nach Krill. Mit Satellitendaten, Bio-Logging und Bewegungsprofilen versucht sie, Spuren sichtbar zu machen, die sich an der Meeresoberfläche kaum erahnen lassen.

Diese Forschung floss auch in The Ocean Remembers ein – und verwandelte wissenschaftliche Daten über Wale, Nahrungssuche und Bewegung in Klang, Rhythmus und Atmosphäre.

Der Mann im grauen Anzug ist allerdings Festival Direktor James Brown bei der Einführung. Danach standen dort aber die Wissenschaftler mit ihren Texten.

Singh arbeitete dabei mit Stimme und Elektronik, Ahmed brachte Trompete und ihre von Jazz und arabischen Musiktraditionen geprägte Klangsprache ein. Junge Musikerinnen und Musiker der University of Southampton, Sängerinnen und Sänger des Itchen College sowie MC Baby Panna erweiterten das Ganze um Instrumente, Chorstimmen und Spoken Word.

Mal schien die Musik fast zu schweben, dann verdichteten sich Stimmen, Beats und Klänge zu etwas Unruhigem und Kraftvollem. Wissenschaft wurde in eine andere Sprache übertragen. In Kunst.

Die Forschung lieferte das Material, die Kunst machte daraus eine Erfahrung.

Das Meer erschien statt als Forschungsgegenstand als riesiger Speicher von Leben, Bewegung und Zeit. In einem Raum, in dem sich die Spuren von Tieren, Menschen und Jahrtausenden überlagern – und für einen Abend hörbar wurden.


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Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Einsatzorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.