Bereits vor einem Jahr hatten wir die generellen Probleme in der Luftfahrt, damals aktuell nach Corona, analysiert. Zeit für einen Update, was sich seither geändert hat.
Während die Zahl der Passagiere gestiegen ist, hat die Zahl der Flüge nicht wieder das Niveau vor der Pandemie erreicht. Dies führte dazu, dass der Flugverkehr bei extremen Wetterbedingungen und Pannen weniger zuverlässig ist.
Was hat sich verbessert?
Aus Sicht der gewinnorientierten Branche nur die Passagier-Auslastung. Sie ist so hoch wie nie. Die amerikanische TSA (Transportation Security Administration) etwa meldet einen Rekord an kontrollierten Passagieren im letzten Monat.* Und das ist erst der Beginn des Sommers…
*Am 24. Juni 2024 wurden fast drei Millionen Passagiere von der TSA kontrolliert – ein Rekord für einen einzigen Tag. Sieben der zehn verkehrsreichsten Reisetage aller Zeiten fielen in den vergangenen Monat, so die Zahlen der TSA.
Problembehaftet
Das Problem bei der hohen Auslastung ist allerdings noch immer der Mangel. Der Mangel an:
- Gerät (Flugzeugen)
- Menschen (Handler am Boden und in der Luft)
- gutem Flug-Wetter
Mangelndes Gerät
Die Situation hat sich hier weiter deutlich verschlechtert. Das kommt doch die massive Ausmusterung älterer Flugzeugen während der Coronazeit und heute vor allem durch die mannigfachen Probleme bei Boeing. Die teilweise kriminellen Handlungen bei der Produktion (Boeing bekannte sich schuldig) führen zu weiterer Verzögerung der Auslieferung neuer, dringend benötigter Flugzeuge. Auch die Konkurrenz kann den Bedarf nicht so schnell decken. Zudem kommen durch Whistleblower, die sich nun trauen, immer weitere Versagen von Boeing ans Tageslicht, und damit folgen noch mehr Sanktionen durch die amerikanische Behörde FAA.
Zum Mangel an Gerät spielt auch der Mangel an technischem Personal am Boden eine Rolle. Wenn es nicht ausreichend Menschen gibt, die tagsüber schnell kleinere Reparaturen während eines Turnarounds oder auch nachts durchführen können, bleiben eben manche Flugzeuge am Boden. Die damit geplanten Flüge fallen aus.
Luftfahrt ist ein verwobenes System. Der Schweizer Käse trifft nicht nur bei Unfällen zu.
Wo bleiben die Menschen?
Wenn sich bei einem Kurzstrecken-Umlauftag bereits der erste Flug am frühen Morgen noch am Boden in Frankfurt um eine halbe Stunde verspätet, so ist das, auch mit den Folge-Verspätungen am Tag, nicht mehr aufzuholen.
Wenn die Bodencrew des Flughafens (Gepäckausladung, Spritnachfüllen, Catering…) nicht zur Verfügung ist, weil sie noch einige andere Flugzeuge vorher abfertigen müssen, dann hat der Passagier das Nachsehen. Er verpasst im schlimmsten Fall seinen Langstrecken-Anschlussflug oder seinen Zug nach hause. Im besten Fall wartet er nur nach einem zehnstündigen Flug eineinhalb weitere Stunden auf sein Gepäck. (Erfahrungswert aus Frankfurt)
Wetterkapriolen
Dass auch große Verkehrsflugzeuge nicht durch jede Gewitterwolke (am besten durch keine) fliegen können, sollte bekannt sein. Die zunehmenden stürmischen Wetterlagen mit großen Turbulenzen sorgen für Umwege oder weitere Verspätungen. Ganz zu schweigen von der rechtzeitigen Schneeräumung im Winter. Das klappt ziemlich gut in nordischen Ländern. Hier zulande ist man über jeden Schneefall im Winter immer wieder baff erstaunt.
Das ganze System krankt
Praktische Beispiele allein aus der letzten Zeit gibt es genug für das oben angeführte. Die Türe, die im Flug davon flattert bei einer B7337 Max, lief auf und ab durch die Presse. Die Qualitäts- und Sicherheitsprobleme bei der Produktion von Being Flugzeugen scheinen jedoch nicht abzureißen. Fehler bei Sauerstoffmasken und ihre mögliche Funktionsunfähigkeit im Ernstfall sind die jüngsten Beanstandungen der amerikanischen Behörde FAA.
Die Wartung
Dass am Sonntag eine United Boeing 757-200 kurz nach dem Start in Los Angeles ein Rad verlor – und, dass das bereits das zweite verlorene Rad (!) in wenigen Monaten war, dürfte (Vermutung) aber eher der Maintenance der Airline anzurechnen sein. Auch im Bereich Wartung macht sich eben ein Mangel an qualifizierten Mitarbeitern bemerkbar.
Wenn Langstreckenflugzeuge mit zwei kaputten Toiletten abheben, weil keine Ersatzmaschine da ist und sonst der Flug ganz ausfällt, so kann man das noch tolerieren. Klug ist es nicht. Denn wenn für den Rückflug dann vier von acht Toiletten unbenutzbar sind, wird es bei mehr als 300 Passagieren kritisch. 10 bis 12 Stunden – da helfen auch die im Altöl schwimmenden versalzenen Nudeln nicht mehr, alle Passagiere permanent auf ihre Sitze zu bannen.
Man kann ein System ausreizen. Jedes System. Ob das in der Luftfahrt klug ist, ist eine andere Sache.
Ein verlorenes Rad ist noch keine wirkliche Gefahr bei mehreren Fahrwerken, bestückt mit zahlreichen Rädern. So hat etwa die Boeing 757 acht Räder am Main Gear und die 777 sogar 12. Near Misses sind noch keine Zusammenstösse. Alle Gäste und die 6 betroffenen Crewmitglieder haben vor einer Woche das verdorbene Essen auf einem geplanten Flug von Detroit nach Amsterdam überlebt. Der Delta Airlines Flieger musste stattdessen gleich wieder in New York landen. Auf den Fotos mit dem servierten Essen – unappetitlich in den amerikanischen Nachrichten anzusehen – war der schwarze Schimmel deutlich sichtbar. Ein Gast meinte allerdings, er dachte bei der schummrigen Flugzeug-Beleuchtung die schwarzen Stellen seien „nur“ verbrannt… 12 Passagiere und 6 der Crew kamen ins Krankenhaus…
Der Totalverlust
Das alles ist noch keine Lebensgefahr. Unangenehm, ja. Für alle Beteiligten. Das Problem ist nur, dass sich da etwas anschleicht. Schlamperei, Unachtsamkeit, Sparen, koste es was es wolle, „damit kann man auch noch fliegen“ und Vertuschung sind die besten Vorboten zum unwahrscheinlichen, aber möglichen Totalverlust.
Der Totalverlust wird langsam aber stetig nicht mehr zu einer Frage: ob, sondern zur Frage: wann.
Resümee
Hat sich seit dem letzten flugundzeit-Betrag zum Thema etwas verbessert? Nicht wirklich. Eher durch die Boeing Probleme noch weiter verschlechtert.
Luftfahrt kann man halt schlecht auf Null herunterfahren (Corona) und dann wieder per Knopfdruck mit Volllast fahren.
Was sich darüber hinaus kontraproduktiv auswirkt, ist die Millionen-Dollar-Strafe für Boeing.
Boeing erklärte sich bereit, eine Geldstrafe in Höhe von 243,6 Mio. USD zu zahlen und mindestens 455 Mio. USD in Programme zur Einhaltung von Vorschriften und zur Erhöhung der Sicherheit zu investieren, nachdem es sich der Verschwörung zum Betrug an den USA schuldig bekannt hatte.
Die Geldstrafe wird zu weiteren (personellen) Einsparungen führen und damit, statt die Probleme zu lösen, sie weiter verstärken.
Was helfen würde, wäre, die oberste Management-Riege komplett zu entlassen, deren gesamte Boni der letzten Jahre zurückzufordern und dafür die Whistleblower beim Umbau zu einer seriösen Firma miteinzubeziehen.
Aber das ist märchenhaftes Wunschdenken.
Mit der Geldzahlung werden nur die Mitarbeiter bestraft, die die Anweisung der Obrigkeit erfüllten, um ihren Arbeitsplatz zu behalten.


