Der Crash scheint zu interessieren und zum Nachdenken anzuregen. Ich extrahiere nun erneut einen Kommentar eines Lesers als Beitrag – zur besseren Les- und Kommentierbarkeit.
Das ist kein flugundzeit-Fakt-Artikel, sondern als Gastbeitrag ein fachlicher Kommentar eines auf flugundzeit geschätzten Mitlesers namens Flugkapitän. Was er wohl (letzteres auch) ist. Also:
Flugkapitän schreibt als Kommentar zum Lion Air Crash
Ich denke schon die ganze Zeit über diesen Unfall nach.
Wie es scheint, hat die Crew ja, so wie die Crews auf den Flügen davor, den Flieger unter Kontrolle gehalten. Wenn die ADS-B Daten stimmen, dann sind sie allerdings recht flach und mit hoher Vorwärtsgeschwindigkeit gestiegen. Auch im Geradeausflug in ca. 5000 Fuß waren sie sehr schnell unterwegs: über 300 Knoten Groundspeed; bei wenig Wind also auch um die 300 Knoten Airspeed. Das ist deutlich über der maximal zulässigen Speed für ausgefahrene Klappen.
Was mich erstaunt ist der Umstand, dass nach einer längeren Zeit im mehr oder weniger stabilen Geradeausflug die Sache so plötzlich eskaliert, dass der Flieger in wenigen Sekunden auf das Wasser aufschlägt. Es scheint mir, dass da plötzlich was passiert ist.
Deshalb frage ich mich, ob jemals die Klappen eingefahren wurden? Wenn nicht, dann wurden sie die ganze Zeit überlastet. Wenn dann auf einer Seite ein Teil der Klappen abreißt, dann entsteht sofort eine unkontrollierbare Drehung um die Längsachse und der Flieger stürzt ab.
Ich bin sehr auf die Auswertung der Rekorder gespannt.
Ferner möchte ich noch was zu den ganzen Protections sagen, die die neuen Flugzeuge heutzutage so haben:
Sie sollen natürlich das Fliegen sicherer machen. Das tun sie auch, wenn sie eine gut ausgebildete und hoch qualifizierte Crew unterstützen.
Unterstützen im Sinne von: Eine Crew davor zu bewahren im immer stressiger werdenden Fliegeralltag einen Flüchtigkeitsfehler zu machen, eine Unachtsamkeit der Crew ausbügeln oder die Crew sonst wie „wach rütteln“.
All diese Protections haben aber eines gemeinsam: Sie sind nicht unfehlbar, da sie von den Sensoren des Flugzeugs abhängig sind. Liefern diese Sensoren fehlerhafte Werte, dann greifen die Protections falsch und schaden dann meist mehr, als sie nützen.
Deshalb müssen die Crews dahingehend sehr gut ausgebildet sein. Sie müssen die Zusammenhänge der ganzen Unterstützungen und Protections verstehen und in der Lage sein, eine fehlerhafte Unterstützung oder Protection zu umgehen. All das im manuellen Flug und unter Zeitdruck. Eine gut ausgebildete Crew kann das. Sie wird auch auf dem 5. Flug des Tages nach 13 Stunden im Dienst von jeder Protection aus Ihrer Müdigkeit oder Lethargie gerissen und ist sofort hellwach, nimmt den Flieger „in die Hand“ und folgt dem entsprechenden Prozedere.
Je mehr Protections so ein Flugzeug hat, desto umfangreicher muss die Ausbildung sein und desto mehr Wert muss darauf gelegt werden, dass die Crew das Flugzeug auch jederzeit manuell gut fliegen kann. Dies setzt auch eine fundierte Grundausbildung voraus.
Natürlich funktioniert es auch eine Zeit lang ganz gut, die Crews nun schlechter auszubilden, da das Flugzeug die Crews ja von den meisten Dummheiten abhält. Aber eben nur so lange, bis die Crew das erste Mal an eine fehlerhafte Protection gerät und dann vollkommen „aufgeschmissen“ ist.
Ein Beispiel vom Autofahren
Moderne Autos haben heute oft einen Spurhalte-Assistenten.
Das ist eine tolle Sache für Leute, die viel unterwegs sind und hat sicher auch schon so manchen erfahrenen, sicheren und gut ausgebildeten Autofahrer davor bewahrt, um halb eins in der Nacht versehentlich von der Spur abzukommen.
Der gleiche Autofahrer hat auch keine Probleme damit, dass sein Spurhalte-Assistent in der Baustelle das eine oder andere mal nicht wusste, welche der vielen weißen und gelben Linien die richtige war und falsch eingreifen wollte. Er hat ihn einfach übersteuert oder abgeschaltet.
Wenn man nun aber einen Autofahrer hat, der nur deshalb auf der Autobahn fahren kann, weil ihn ein Spurhalte-Assistent auf der Straße hält, dann möchte man nicht erleben, was passiert, wenn die erste Baustelle auftaucht, oder das Ding sonst wie ausfällt.

