2. Gastkommentar zum Lion Air Crash

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Auf flugundzeit gab es bisher folgende Beiträge zu diesem Absturz:

Auswertung des vorläufigen Untersuchungsberichtes der indonesischen Behörde KNKT
Gastkommentar 1
Update 2
Update 1
Ursprungsbeitrag

Erneut wird nun ein fachlicher Kommentar als Beitrag zur besseren Lesbarkeit veröffentlicht. Kommentare enthalten zusätzlich zu den Fakten auch die persönliche Einschätzung von Menschen, die das beurteilen können. Mit Absicht steht hier nicht das abgedroschene und nichtssagende Wort: Experte.
Dieser Beitrag bezieht sich auf die oben verlinkten vorhergehenden Beiträge.


Flugkapitän kommentierte zu Update: Piloten arbeiteten gegen falsche Trimmung der Automatik bis zum Crash



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2 responses to “2. Gastkommentar zum Lion Air Crash”

  1. Flugkapitän

    Hallo Sebastian,

    sorry für die späte Antwort. War unterwegs.

    Zu I:
    Ja, den Spruch gibt es auch bei uns. Traue keinem Flugzeug aus der Werft.
    Nicht weil wir den Technikern nicht trauen, sondern, weil es in der Natur der Sache liegt, dass immer dann, wenn man was auseinander genommen und wieder zusammen gesetzt hat, irgendetwas nicht in Ordnung sein kann.
    Bei bekannten Fehlern wird natürlich ein ausführliches Briefing und eine Bewertung anhand der MEL (Minimum Equipment List) gemacht, ob man damit überhaupt fliegen darf bzw. sollte.
    Hier bei dem Unfallflug waren ja alle Fehler von der Technik als behoben abgeschrieben. Der Flieger war also als total heil zu betrachten. Dennoch sollte man sich natürlich die Frage stellen, ob der Fehler nicht wieder auftreten kann. Gerade, wenn man sieht, dass schon mehrfach an einem Problem gearbeitet wurde und der Fehler in der einen oder anderen Form dennoch wieder aufgetreten ist.
    Ich denke, ich hatte das entsprechende Briefing auch in meinem Kommentar erwähnt.
    Ob es tatsächlich statt gefunden hat, das wissen wir leider noch nicht (Voice Recorder).

    Zu II:
    Verfahren sind gut und wichtig. Vor allem die, die Memory Items enthalten. Wie dieser Fall trauriger weise beweist. Denn ja, wenn der Cut Out Switch betätigt worden wäre, dann wäre auch dieser Flug anders verlaufen.
    SOPs (Standard Operating Procedures) sind schon allein wegen der Crew Coordination wichtig.
    Der Co muss wissen, wie der Kapitän reagiert und umgekehrt. Es muss klar festgelegt sein, wer was wann macht.

    Aber:
    Ein Verfahren ist ein Tool. Ein Werkzeug für die Piloten. Es darf nicht zum Selbstzweck werden. Wer eine Tätigkeit nur deshalb ausführen kann, weil er stumpf einem Verfahren folgt, der hat unter Umständen keine Ahnung, was er da tut und ob das im konkreten Fall zum Erfolg führt.
    Dennoch kann er oder sie eine ganze Zeit lang damit erfolgreich sein. Aber nur bis zu dem Punkt, an dem eine unerwartete Änderung eintritt. Hat die handelnde Person dann kein Hintergrundwissen oder sonst wie ein Verständnis führ die Zusammenhänge, dann ist sie „verloren“. Sie kann nur stumpf dem Verfahren folgen, auch wenn das gerade garnicht mehr passt.

    Deshalb:
    Ein Verfahren alleine reicht nicht. Es muss auch ein Verständnis der Zusammenhänge vorhanden sein. Also eine gute, fundierte Ausbildung und eine gewisse Erfahrung. Erfahrung kann man übrigens nicht lernen, sondern sich nur über die Zeit erarbeiten.
    SOPs müssen deshalb „sinnvoll“ angewendet und bei Bedarf adhoc abgewandelt werden können.
    Dafür bedarf es einer guten Situation Awareness und gutem TEM (Threat and Error Management).
    Siehe Hudson Unfall: Es gab ein Verfahren. Es war in der konkreten Situation und der daraus resultierenden kürze der Zeit nicht machbar. Es wurde aus dem Verfahren heraus mit viel Verständnis und Urteilsvermögen improvisiert und sogar eine bessere Lösung gefunden, als das Verfahren überhaupt vorgesehen hatte (Landung mit höherer Pitch und Klappen in Stellung 2 anstatt 3).

    Beurteilt man als Prüfer eine Crew im Hinblick auf „Adherence of Procedures“ (Verfahrenstreue), dann soll man folgendes bewerten. „Follows SOPs unless a higher degree of safety dictates otherwise“ (Befolgt ein Verfahren solange ein höheres Maß an Sicherheit nichts anderes erforderlich macht).
    Aus der „Prüfungsordnung“ ergibt sich also, dass es sogar gefordert wird, dass eine Crew von einem Verfahren abweicht, wenn anderweitig ein höheres Maß an Sicherheit erreicht werden kann.
    Doch dies Abwägung kann die Crew nur dann treffen, wenn sie weiß, was sie tut. Sie muss dafür nicht nur die Verfahren kennen, sondern eben auch die Hintergründe und Zusammenhänge – das Wiso und Warum.
    Ein alter Ausbilder und Prüfer hat das mal so formuliert: Nur ein Verfahren das Du kennst, kannst Du bewußt außer acht lassen.
    Man muss also alle Verfahren kennen und das Bewusstsein (Urteilsvermögen) haben, es, wenn nötig, auch mal außer acht zu lassen.

    Es kann und muss also unter Umständen sein, dass eine Crew von Prozeduren abweicht.
    Deshalb ist der Grundsatz der Verfahrenstreue, der ja eigentlich schon erstrebenswert ist, nur dann zu erreichen, wenn SOPs sinnvoll sind, dem Ausbildungsstand und dem kulturellen Umfeld der Crews entsprechen.
    Aus diesem Grund ist es – aus meiner Sicht – grundsätzlich abzulehnen, Verfahren des Flugzeugherstellers unreflektiert allen Flugbetrieben überzustülpen.
    Denn die Hersteller-Verfahren können immer nur ein schlechter Kompromiss aus den Anforderungen aller Kunden sein.
    Dadurch wird dann ein Abweichen von Verfahren zur Erhöhung der Sicherheit öfter nötig.
    Das wird aber nur in den Flugbetrieben passieren, die über eine entsprechende Qualität in der Ausbildung verfügen. Denn nur da werden die Crews das nötige Wissen und das nötige Standing haben, sich im Sinne der Sicherheit über weniger sinnvoll Verfahren hinwegzusetzen.
    Insgesamt betrachtet sinkt die Sicherheit dadurch.

    SOPs sind also ein sehr komplexes Thema.
    Also nichts für BWLer 🙂

  2. Sebastian

    Vielen Dank Flugkapitän für deine Ausführungen. Bin selbst Segelflieger. Lese den Blog immer gern und schätzte vor allem die unaufgeregten Sachbeiträge zu Unfällen.

    Zwei Fragen stellen sich mir bei deiner Einschätzung:

    I
    Wird in einem Bodenbriefing der Piloten vor einem Flug nicht explizit angesprochen, was zu tun ist, wenn der Fehler erneut auftritt bei einem Flugzeug mit so einer technischen Vorgeschichte? Man sagt zumindest bei uns, ein Flugzeug aus der Werft sei doppelt genau zu checken (ob noch alles dran ist oder zu viel drin ist) 🙂

    II
    Ohne direkte Schuldzuweisung (die hätte Helga vermutlich eh gestrichen, haha) implizierst du, dass die Unglückscrew, hätte sie den Cutoff oder Cutout Switch (wie immer das Ding heißt) bedient, dass dann alle Menschen an Bord vom Lion Air Absturzflug noch am Leben wären? Unabhängig davon, was nun in der letzten Minute den Absturz tatsächlich triggerte?

    Auf flugundzeit wurden Prozeduren von Instrumentenflugcrews schon mehrfach diskutiert und der Tenor war eher eine Ablehnung dagegen, dass Piloten zuviele Prozeduren einfach abarbeiten, ohne zu wissen was technisch dahinter steckt.

    Danke für deine Zeit zur Klarstellung.

Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Arbeitsorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.