Air India 171: Ein dritter Mann?

2

Aus Sekundärquellen (Medien*) wird nun verbreitet, dass bekannt ist, wer die Frage nach dem Cutoff stellte. Bis zur offiziellen Verkündung ist das noch immer Spekulation ohne Beweise.

Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Informationen tatsächlich aus einem Durchsickern der Unfalluntersuchung stammen1 – will ich endlich ein offizielles Transkript mit Zeitstempel, wer wann was genau gesagt hat (aus gesicherter Übersetzung ins Englische) und das offizielle Ergebnis einer Stimmenanalyse.

Auch die indische Untersuchungsbehörde AAIB sieht die Medienberichte kritisch:

Klick ins Bild macht es lesbar

Was verbreitet wird

(ich scheue mich, von Tatsachen zu schreiben2)

1

…dass sich der erfahrene Pilot, Kapitän Sabharwal, in den letzten drei bis vier Jahren eine Auszeit vom Fliegen genommen hatte. Er hatte sich dafür krankschreiben lassen. Außerdem soll der Pilot Trauerurlaub nach dem Tod seiner Mutter genommen haben.

2

Es soll noch ein dritter Mensch auf dem Jumpseat im Cockpit gesessen haben.

3

Ein ehemaliger Kollege beschrieb den Piloten als „gründlichen Gentleman“. Er sagte allerdings auch, dass Sabharwal einen vorzeitigen Ruhestand in Erwägung zog, da er sich um seinen 90-jährigen Vater kümmern wollte

(Zitat Focus Online)


Das alles ginge – wenn das WSJ (als Basisquelle anderer Medien*) eine gesicherte Original-Quelle wäre, was es nicht ist – zumindest in die Richtung der geforderten Untersuchung des Umfeldes der beiden Piloten; was für mich EINE der Bedingungen für die Schuldzuweisung zu einem der Piloten wäre. Wenn die Information aus offiziellen Quellen stammen würde.

Zu den einzelnen Punkten

1

Wenn das zutrifft, ist er möglicherweise unter hoher psychischer Anspannung gewesen. Keine gute Voraussetzung für das verantwortliche Pilotieren eines Verkehrsflugzeuges. Große Hitze an dem Tag und vielleicht weitere Umstände vor dem Flug können zu großer psychischer Belastung geführt haben.
Können. Reichen die vergangenen Events aus, um jemanden des Massenmordes (und das wäre es) zu beschuldigen?

2

Das wäre neu. Möglich, aber auch extrem unwahrscheinlich, dass jemand von Jumpseat aus die Hebel bewegt hat. Flugingenieure, die beim Startlauf ihre Hände an den Schubhebeln hatten, gibt es schon lange nicht mehr.

Wenn ein Mensch vom Jumpseat auf das Mittelpodest vorne greift, sollten alle Alarmglocken sofort bei den beiden anderen angehen. Das wäre physisch eine Aktion, die man auch aus den Augenwinkeln sogar während des Takeoff Runs sofort bemerkt.

3

Das spricht aus meiner Sicht komplett gegen einen absichtlichen Selbstmordversuch. Wenn er so verantwortungsbewusst war, das Fliegen frühzeitig aufgeben wollte, um sich um seinen Vater zu kümmern, dann ist das eher eine Kontradiktion zum Aus-dem-Leben-scheiden. Man sollte eben auch den Charakter eines Menschen (der aus seinem beruflichen Umfeld sicher ebenfalls bekannt war), in die Beurteilung der Sachlage mit einbeziehen.
Gerade jemand, der seinen Beruf zumindest zeitweise aufgegeben hatte, um Verwandte zu pflegen, sollte nun fähig sein, mehr als 240 Menschen bewusst zu ermorden?

Ein zarter historischer Hinweis

Nach 9/11 war die allgemeine, stark nach außen vertretene Meinung in der Pilotenschaft, dass ein „RICHTIGER“ Pilot nicht fähig wäre, absichtlich in ein Hochhaus zu fliegen.

Dazu stehe zumindest ich auch noch heute. Ich könnte es nicht. Für mich besteht zwischen einem jungen Co-Piloten (auch da waren es nur Indizienbeweise) beim Germanwings-Absturz und einem erfahrenen, bekannt ethisch agierenden Menschen, wie Kapitän Sabharwal, ein Unterschied.


  1. *Einer der Redaktuere des Wall Street Journal Artikels, von dem alle anderen zurzeit abschreiben – ist dem Namen nach zumindest indischer Abstammung. Hat also vielleicht tatsächlich Kontakte, die wir alle nicht haben. ↩︎
  2. Folgendes ist der Grund, warum ich – abgesehen von meinen ethischen Grundsätzen als Journalistin – vorsichtig bin, jemand zurzeit aktiv zu beschuldigen. Die FIP hat rechtlich gesehen nämlich Recht.

    Die Pilotenvereinigung Federation of Indian Pilots (FIP) erwägt rechtliche Schritte gegen das Wall Street Journal (WSJ) wegen der jüngsten Berichte der in den USA ansässigen Publikation über den Absturz des Air India-Flugs AI 171 am 12. Juni. ↩︎

©Bild: Flugundzeit. Das ist kein dritter Mann, sondern der Co-Pilot.


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2 responses to “Air India 171: Ein dritter Mann?”

  1. Heinz Krings

    Hallo liebe Helga,

    bitte bleiben Sie hart, was Air India und ähnliche Fälle angeht.
    Ich bin ziemlich sicher, den meisten Lesern Ihres Blogs geht es so wie mir: wir wollen nur das, was einigermaßen wasserdicht und von Fakten gedeckt ist.
    Gelegentlich begleitet von qualifizierten Szenarien, die die verschiedenen Möglichkeiten ausloten, die überhaupt faktisch in Frage kommen könnten (und klar als solche benannt).
    Bitte machen Sie genau so weiter. Unqualifizierten Quatsch und haarsträubende Theorien bekomme ich schließlich (leider) überall.

    1. 🙂

Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Arbeitsorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.