„Warum müssen Äpfel immer senkrecht zu Boden fallen, warum nicht seitwärts oder aufwärts, warum immer Richtung Erdmittelpunkt?“ überlegte Wissenschaftler Isaac Newton im Sommer 1726. Zur Berechnung eines Apfelfalls zur Erde reichen Newtons Vorstellungen von der Gravitation bis heute aus.
Albert Einstein jedoch widerlegt mit seiner allgemeinen Relativitätstheorie Newtons Auffassung von Schwerkraft und entwickelt eine eigene universelle Theorie zur Anziehungskraft im Weltall.
Der Beweis
Mit dem praktischen Nachweis der Graviationswellen im Herbst 2015 trat die Gravitation aus dem Forschungseckchen der Physiker heraus und ins Licht der allgemeinen Öffentlichkeit. Es gibt sie, die Raum-Zeitkrümmung und Einsteins Theorie ist bewiesen. Soweit.
Wem das alles jetzt bereits zu viel Physik ist oder für die anderen: viel zu vereinfacht ist – bitte sehr. Die Physikerin, Astronautenanwärterin, Taucherin, Pilotin und Buchautorin Claudia de Rham hat mit „Die Schönheit des Fallens“ zwar ein verständliches Buch mit vielen Details zur Gravitation geschrieben. Aber sie verwebt die Gravitation auch mit ihrem abenteuerlichen Leben. Was es zudem einfach vergnüglich lesbar macht.
Die lesbare Gravitation
Die Kombination: Gravitation und lockeres Lesevergnügen sieht auf den ersten Blick aus wie Sauerkraut mit Pudding. (Ohne Wertung der beiden Speisen). Macht aber den Charme des Buches aus.
Die Schönheit des Fallens ist eben nicht primär ein wissenschaftliches Werk, sondern genauso gut ein fesselnder Roman. De Rahm beschreibt anhand ihres Lebens, wie das Konzept des „Fallens“ und der Gravitation als allgegenwärtige Kraft den Alltag, das Universum und unsere Wahrnehmung von Raum und Zeit prägt.
Seite für Seite fesselnde Geschichten über ihr eigenes Streben, mit der Schwerkraft vertraut zu werden und deren grundlegende Natur zu verstehen. Als Taucherin experimentierte de Rham im Indischen Ozean mit dem Auftrieb ihres Körpers. Als Pilotin schwebte sie an dunklen Morgen über kanadischen Wasserfällen, bevor sie mit ihrer täglichen wissenschaftlichen Forschung begann. Ihr Lebensweg führte sie von einer Schicksalswende, die ihr den Traum, Astronautin zu werden, nahm, bis zu einem aufregenden Durchbruch an den Grenzen der Gravitationsphysik.
Teil 2 der Besprechung
Wer bisher gelesen hat, wird hoffentlich auch weiterlesen. Jetzt geht es ans Eingemachte. Denn de Rham ist natürlich auch eine gestandene Physikerin und beschreibt in den letzten Kapiteln ihre eigene Forschung. De Rham hat eine neue Theorie entwickelt: Sie weist dem Graviton, dem hypothetischen Teilchen der Gravitation (Schwerkraft), eine Masse zu.
Das ist Ketzerei. Gotteslästerung. Schändung der Physik. Entweihung der physikalischen Götter. Frevel. Eine Schandtat.
Und noch dazu von einer Frau. Geht gar nicht.
Alle Wissenschaftler, die sich zuvor daran gewagt hatten, waren gescheitert.
Oder ist es der erste Schritt zum Nobelpreis?
– Das ist der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Diskussionen im Bereich der theoretischen Kosmologie.
Gravitone mit Masse hätten Einfluss auf das Universum und würde unter anderem erklären, warum sich das Weltall beschleunigt ausdehnt. Letzteres ist ein soweit bekannter Fakt, für den man bisher die sogenannte dunkle/schwarze Energie erfunden hat, um den Widerspruch zur physikalischen Forschung zu erklären. Allerdings weiß keiner, was genau diese dunkle Energie ist. Dunkel eben.
Wenn Gravitonen eine Masse haben, dann dürfte die Schwerkraft bei sehr großen Entfernungen einen schwächeren Einfluss haben, was erklären könnte, warum die Expansion des Universums nicht gebremst wurde.
„Als Möglichkeit ergibt sich, dass man keine dunkle Energie mehr (als Erklärung) braucht – oder vielmehr, dass die Schwerkraft selbst diese Rolle erfüllt“, sagt de Rham.
De Rhams neuere wissenschaftliche Arbeiten befassen sich mit anderen Aspekten der Schwerkraft. Sie interessiert sich für die Geschwindigkeit der Schwerkraft, die noch nie direkt gemessen wurde und die laut Theorie unter bestimmten Umständen schneller als das Licht sein könnte. (Quod esset demonstrandum.)
Außerdem untersucht de Rham, ob die Schwerkraft sich wie das Licht mit unterschiedlicher Geschwindigkeit durch verschiedene Materialien bewegt. Wenn dem so ist, könnte man Gravitationsregenbögen mit Gravitationswellen-Teleskopen sichtbar machen.
Einziger Wermutstropfen an dem inhaltlich packenden Buch ist das billige säurehaltige Papier. Das wird vermutlich schnell vergilben und nicht so lange schön bleiben wie der Inhalt.
Für wen ist das Buch
Die Schönheit des Fallens ist eine Mischung aus Wissenschaft, Erzählung und einer gehörigen Portion Mut, neue Wege zu gehen.
- Für junge Erwachsene, die sich für Wissenschaft interessieren oder die gerade ihren eigenen Weg in einer Welt voller Unbekanntem suchen, ist dieses Buch eine tolle Inspirationsquelle. Es fordert uns auf, die Dinge zu hinterfragen, nicht nur in der Physik, sondern auch in unserem eigenen Leben, und zu erkennen, dass im „Fallen“ – in der Suche nach Antworten – oft die größten Erkenntnisse und schönsten Momente verborgen sind.
- Wer sich für Physik interessiert oder einfach mal etwas Ungewöhnliches lesen möchte, das die Grenzen des Gewohnten sprengt
- Als Inspiration für Wissbegierige, die Ihr Schulwissen über unser Universum mit dem heutigen Stand der Physik auffrischen möchten
Nur so nebenbei:
Mich hat das Buch sofort interessiert, als ich den Titel las – weil „Die Schönheit des Fallens“ ein Ausdruck ist, den ich sofort unterschreibe, was aber üblicherweise auf wenig Verständnis in meiner allgemeinen Umgebung trifft. – „Ich würde ja nie aus einem Flugzeug springen“ …. 🙂
©Buchcover: aufbau Verlag
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