Der Mythos des Durchschnitts

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In den späten 1940er Jahren stürzten die Jet-Piloten der amerikanischen Luftwaffe in alarmierendem Maße ab. 17 an einem Tag. Zwar waren Jetflugzeuge noch relativ neue Technik. Die Absturzrate war trotzdem zu hoch. Zunächst suchte man die Ursache bei den Piloten, den Ausbildnern, dem Wetter und der Technik.

Aber: Sie stürzten ab, weil die Konstrukteure der Cockpits einen Durchschnittsmenschen als Basis heranzogen.

Was nützt das beste Cockpit, wenn man die Bedienelemente nicht erreichen kann? Piloten sind nicht alle gleich groß. Wie kann man ein Cockpit entwerfen, das für die meisten Menschen passt?

Vor 60 Jahren untersuchte der Harvard Psychologe Gilbert Daniel für die Air Force die Maße von mehr als 4000 Piloten.

Daniel bewies, so etwas wie einen durchschnittlichen Piloten gibt es nicht. Nicht einer hatte die gleichen Maße wie ein anderer. Der Größte war nicht unbedingt der Schwerste, er hatte auch nicht die breitesten Schultern oder den längsten Oberkörper.

Wenn also bei jedem die Linien zackig von links nach rechts und vice versa gehen, dann ist ein Cockpit Design für den Durchschnittspiloten ein Design für niemanden!

Daraufhin verbannte die Air Force den Durchschnitt. Es wurden keine Cockpits mehr gekauft mit dem Design für den Durchschnittspiloten. Die Air Force verlangte vielmehr von den Flugzeugherstellern, dass alles Design an den Maximalwerten ausgerichtet sein müsse.

Die resultierende Flexibilität – etwa bei Autositz-Verstellungen – nehmen wir heute als normal hin.

Autor Rose bringt diese Idee der Abkehr von Durchschnitt mit der Bildung in Verbindung. Er erklärt, dass die Lernprofile der Schüler so unterschiedlich sind, dass wir, wenn wir unsere Lernerfahrungen für den Durchschnittsschüler konzipieren, für niemanden etwas tun. Er baut auf der Analogie des Piloten auf, und sagt, dass wir durch Berücksichtigung der Randgruppen unseren Talentpool erweitern, sodass mehr Schüler in unseren Klassenzimmern erfolgreich sein werden.

Warum sind Stühle und Tische in Klassenzimmern noch immer einheitlich, nicht verstellbar? Warum müssen alle in Büchern lesen oder alle auf Tablets nachgucken? Sollen wir nicht auch bei Studenten zum Alter auch die Diversität der Menschen in Betracht ziehen? Es gibt durchaus Hochbegabte (Hoch-)Schulabbrecher, die in unserem Lern- und Lehrsystem nicht zurecht kommen. Die, warum auch immer, eben nicht dem Durchschnitt entsprechen.

Die Technologie würde uns heute erlauben, auf so viele unterschiedliche Arten zu lehren und lernen. Warum setzen wir sie nicht entsprechend ein?

Keiner entspricht dem Durchschnitt. Nicht Sie. Nicht Du. Nicht die eigenen Kinder. Nicht die Angestellten oder die Chefs. Oder die zierliche 50-Kilo-Frau, die die gleiche Dosis an Tabletten wie ein 150 Kilogramm schwerer Mann nehmen soll?

Rose fordert anhand von Forschungsergebnissen und Anekdoten, dass Design nicht für den Durchschnitt, sondern für die Extreme gemacht wird. Er erzählt in seinem Buch eine Vielzahl von unterhaltsamen Geschichten, die zeigen, dass niemand durchschnittlich ist, wenn man sechs oder mehr Dimensionen der menschlichen Variabilität berücksichtigt. Und wie es und dass es zu Innovation und Fortschritt führt, wenn wir uns zu unserer Einzigartigkeit bekennen.

Für wen ist das Buch?

Meines Wissens nach (Stand Dezember 2024) gibt es das Buch „The End of Average“ nur auf Englisch.

  • Für jeden, der glaubt: Einheitsgröße sei ein Mythos und sich bestätigt fühlen möchte.
  • Für jeden, der nicht glaubt, dass unsere Individualität der Schlüssel zum Erfolg ist. (Buch dringend empfohlen!)


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Über die Autorin

Die Journalistin Helga Kleisny ist diplomierte Physikerin (TU Wien), Fallschirmspringerin und Pilotin. Nach Arbeitsorten weltweit (Wien, Taipeh, Boca Raton (FL), München, Frankfurt…) sind ihre Haupt-Lebens- und Arbeitsorte nun in Deutschland und in den USA. Sie schreibt als freie Luft- und Raumfahrtjournalistin. Ihre Begeisterung für alles Technische und die Natur, am besten in Kombination, zeigt sich in ihren Büchern und in Seminaren und Vorträgen.