Ein Tech-CEO vermutete einmal, die Journalistin Kara Swisher würde „in den Heizungsschächten lauschen“. Die Amerikanerin und ehemalige Geschäftsführerin des Meta Konzerns, Sheryl Sandberg, sagte: „Es ist ein Running Gag, dass Leute Memos schreiben und sagen: ‚Ich hoffe, Kara sieht das nie‘.
Denn die Journalistin Kara Swisher stellt seit den frühen 1990er-Jahren die Hintergründe in der Tech-Industrie für die Öffentlichkeit bloß. Google, Apple, Amazon und Co. – keiner der großen Tech-Player war und ist vor ihr sicher.
Burn Book ist einerseits ein sehr persönlicher, aber auch scharfsinniger Durchblick in die Welt der Tech-Giganten und der Menschen, die sie antreiben.
Würde sie auf Deutsch schreiben, wäre sie mit allen hochrangigen US-Techies – die heute nicht mehr nur aus dem Sillicon Valley kommen – per du.1 Sie unterhält sich am Telefon persönlich mit Elon Musk, Larry Page und Sergey Brin, die Gründer von Google, oder Steve Jobs wie eine gute Freundin. Und ist so sofort in der Szene drin, wenn einer der Giganten mal nicht zu einem Treffen der Großkopferten eingeladen wird und sich mit einer Veröffentlichung rächen will.
Das versteht man unter „Connections“ im Journalismus. (Zum Unterschied von Followern in der Influenzer Szene). Sie beschreibt die Heuchelei im Detail und aus erster Hand, mit der die „gekrönten Tech-Häupter“ ihr und anderen gegenüber ihre Verachtung für Trump äußern und dann gehorsam zu ihm pilgern um Brosamen seiner Macht zu abzubekommen.
Das Schöne an diesem Buch ist, dass nicht irgendein Journalist abstrakt über Vorkommnisse und Handlungen der Giganten schreibt – nichts Neues üblicherweise für einen aktiven Leser, nur das, was wir sowieso schon alles wissen. Swisher hingegen schildert tatsächliche Begebenheiten und Gespräche mit diesen Leuten im Detail. Getreu der Methode: Show don’t tell. Das wirkt immer.
Der Titel: „Burn Book“
Der Titel des Buches spielt auf ein geheimes, oft böses Sammelsurium von Gerüchten und Skandalen an, das in vielen sozialen Szenen existiert.
Es ist ein metaphorisches „Burn Book“ der Technologiebranche, das die dunklen Seiten der Tech-Welt enthüllt: wie Machtspiele, Verantwortungslosigkeit und Skandale die Entscheidungen der führenden Unternehmer bestimmen.
In lockerem Ton plaudert die Autorin über die Fehler, Skandale und fragwürdige Entscheidungen großer Tech-Figuren. Die Enthüllungs-Journalistin Swisher ist bekannt dafür, keine Angst zu haben und in ihren Texten kontroverse Themen anzusprechen. Das merkt man auch in diesem Buch.
Macht und Manipulation in der Tech-Welt
Der Leser erfährt, wie Unternehmen wie Facebook, Apple und Google die Weltpolitik, die Wirtschaft und sogar das persönliche Leben der Menschen beeinflussen. Wie diese Firmen oft hinter verschlossenen Türen Entscheidungen treffen, die nicht immer im besten Interesse der Allgemeinheit sind.
Die Insider-Story erzählt von Facebooks Umgang mit den Nutzerdaten – und die Art und Weise, wie Zuckerberg und andere Führungskräfte die Verantwortung für die Sicherheit der Daten der Nutzer nicht ernst nahmen. Und wie dies zu einem riesigen öffentlichen Skandal führte. Der Allgemeinheit ist die detaillierte Auseinandersetzung mit Mark Zuckerberg und dem Facebook-Datenmissbrauch als Cambridge Analytica Skandal bekannt.
Die Autorin kritisiert die Verantwortungslosigkeit von Zuckerberg, der das Unternehmen in den Vordergrund stellte, ohne die langfristigen ethischen und sozialen Konsequenzen seiner Entscheidungen zu berücksichtigen. Wenn Macht und Profitdenken wichtiger werden als das Wohl der Nutzer und der Gesellschaft.
Auch Elon Musk kriegt sein Fett weg. Der CEO von Tesla und X wird als Visionär gefeiert. Genauso regelmäßig dominiert er jedoch die Schlagzeilen mit seinen unkonventionellen, oft chaotischen Entscheidungen – etwa die Übernahme von Twitter, die Musk aufgrund seiner eigenen, manchmal unberechenbaren Geschäftsstrategien und öffentlichen Tweets durchzog.
Musk führt die Szene-Autorin als Paradebeispiel an für die „größer als das Leben“-Persönlichkeiten der Tech-Welt, die die öffentliche Meinung und die Medienlandschaft dominieren. So wird die widersprüchliche Natur von Musk sichtbar: einerseits der innovative Technologieführer, andererseits der unberechenbare Unternehmer, dessen Handlungen oft weitreichende, unvorhersehbare Konsequenzen haben. Elon Musk als Beispiel dafür, wie gefährlich es sein kann, wenn ein einziges Individuum extrem viel Macht in der Tech-Welt hat.
Die dunkle Seite der Innovation
Ein weiteres zentrales Thema ist, wie Innovation oft auf Kosten von ethischen Standards und dem Wohl der Gesellschaft vorangetrieben wird. Wie Tech-Unternehmen auf der Suche nach Wachstum und Profit die oft negativen Auswirkungen ihrer Technologien auf die Gesellschaft ignorieren; der Einfluss von sozialen Medien auf die politische Landschaft, die Verbreitung von Fake News und die Monopolisierung von Märkten.
Frauen in der Tech-Industrie
Immer wieder ist die mangelnde Diversität und die problematische Kultur in der Tech-Industrie Thema, besonders in Bezug auf Frauen. Charmant beschreibt die „best informierte Journalistin der Branche“ die Herausforderungen, mit denen Frauen konfrontiert sind, wenn sie in der männerdominierten Tech-Welt arbeiten und zeigt die negativen Auswirkungen von Sexismus und toxischer Maskulinität in vielen Tech-Unternehmen auf. Wie Frauen oft übersehen oder marginalisiert werden, selbst, wenn sie wichtige Beiträge leisten.
Durchbeissen. Es ist nicht einfach, als Frau in der von Männern dominierten Tech-Branche erfolgreich zu sein. Einblicke in die Herausforderungen und das oft toxische Umfeld, in dem Frauen arbeiten, schildert die Autorin mit Humor. Anders geht’s auch nicht.
So werden die strukturellen und kulturellen Probleme innerhalb der Tech-Industrie sichtbar, die sonst gerne übersehen werden. Swisher fordert eine Veränderung und mehr Gleichberechtigung in der Branche und macht deutlich, dass die Tech-Welt trotz ihrer Innovationskraft immer noch tief in traditionellen Geschlechterrollen und Diskriminierungen verwurzelt ist.
Der Schreibstil
Das Buch ist eine Mischung aus investigativem Journalismus und persönlichem Blick auf die größten Namen der Branche. Sarkastisch, zudem tiefgründig und im besten Sinne aufrüttelnd erzählt sie mit ihrem scharfsinnigen und oft provokanten Schreibstil. Sie scheut sich nicht davor, in szenischer Beschreibung die Mächtigen vorzuführen und die Leser zum Nachdenken anzuregen. Ihr Humor ist oft bissig, und sie geht direkt auf die Probleme ein, ohne etwas zu beschönigen.
Warum soll man das Buch lesen?
Die sich rasant entwickelnde Technologie verändert die Gesellschaft. Probleme entstehen. Die Themen: Macht, Verantwortung, ethische Dilemmata und gesellschaftliche Ungleichgewichte in der Technologiebranche prangert Swisher an und stellt die Anforderung an uns alle, kritisch zu bleiben und nicht alles zu akzeptieren, was uns von großen Firmen und ihren Führern präsentiert wird.
Wir sollen hinter die glänzende Fassade der Innovation blicken, um die oft problematischen Realitäten zu erkennen, die sich dahinter verbergen.
Für wen ist das Buch?
- Wer mehr über die dunklen Seiten der Tech-Welt erfahren möchte.
- Für alle, die wissen wollen, wie die Tech-Riesen wirklich ticken und was sie alles dafür tun, um ihre Macht auszubauen.
- Wer provokanten Schreibstil mag und sich für die Hintergründe der großen Tech-Konzerne interessiert.
- Für alle Frauen, die sich in einer Techie-Männerwelt zurecht finden (müssen)
- In der deutschen Fassung des Buches werden die englischen Ansprachen mit „Sie“ übersetzt. Vielleicht klingt „Sie Arschloch’“ (Buchzitat) zahmer als „Du „A…“ ↩︎
©Coverbild: Plassen Verlag
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