Ich schaue auf eine Welt, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Eisbedeckte Berge, Gipfel, die ganz anders geformt waren als die der Alpen. Kein Fels. Alles weiß. Gletscher, die sich die Hänge hinunterschoben.
[aus: Mein Spitzbergen]
So beginnt das Buch von Birgit Lutz: Mein Spitzbergen. Diese Frau weiß, wovon sie schreibt. Nicht einfach schreibt, sondern ihre Leser verzaubert. Mitnimmt aus der warmen Stube der LeserInnen in die kalte wilde und atemberaubend schöne Welt der Arktis.
Die Autorin ist Expeditionsleiterin und Vortragsrednerin. Nach einer Grönlanddurchquerung mit Extrembergsteiger und Extrem-Fotografen Thomas Ulrich (von dem übrigens das Foto fürs Cover vom (mittlerweile arg veralteten Buch) Abenteuer Internet stammt), lebte sie einige Jahre bei den Inuit.

Ihr packender Stil zieht den Leser in die Entwicklung hinein, die das einst so unberührte Land mit der Ankunft der Kreuzfahrtschiffe genommen hat; wie sich das Land bei ihren Reisen verändert hatte durch den massiven Überfall der auf einem Luxusungetüm reisenden Passagiere auf ehemals verschlafene Dörfer.
Die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse der Autorin schildern anschaulich die Hintergründe und wie man/frau sich als Nicht-Pauschal-Tourist in dieser unwirtlichen, aber so wunderschönen Natur zurechtfindet.
Von der blauen Stunde haben wohl viele schon gehört. Doch hier bildet sich nun ein Licht, das anders war als alle Lichter dieser Welt. Die Luft war trocken und seltsam dünn in dieser Kälte, etwa minus 23 Grad waren es in diesen Tagen. Die Kälte, die der Luft alle Feuchtigkeit nahm, entfaltete in Kombination mit der durchgehenden weißen Landschaft ohne jeden dunklen Bewuchs eine verzaubernde Wirkung. Mit jeder Minute wurde das Licht noch blauer, so schien es…

Die nächste Autorin, die es in die wilde Schönheit der Arktis zog, war Léonie d’Aunet. Und das bereits im frühen 19. Jahrhundert. Lesen wird in ihrem Buch zur Zeitreise.
1839 brach sie als einzige Frau in einer Expedition nach Spitzbergen auf. Schon allein dafür musste sie sich zu ihrer Zeit enorm durchsetzen.
Spitzbergen ist eine Insel, die nördlicher liegt als das Land der Samojeden, als Sibirien und Nowa Semlja; eine Insel, die sich wahrhaft am äußersten Rand der Welt befindet;…
[aus: Reise einer Frau in die Arktis]

In Notizen und Briefen hält sie dabei ihre Eindrücke der Reise von Amsterdam über Lappland bis Spitzbergen fest. Erst Jahre später entsteht daraus der Text für ihr Buch.

Léonie d’Aunet war nicht nur eine schillernde Persönlichkeit (die unter anderem eine verhängnisvolle Affaire mit Victor Hugo hatte), sondern auch eine sehr genau beobachtende Frau. Wir erfahren, wie mühsam und anstrengend das Reisen zu ihrer Zeit war und wie sie sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzte.
Man muss das Buch als Zeugnis seiner Zeit sehen, nicht alle ihre Schilderungen über Personen sind heute zeitgemäß. Trotzdem ist das Buch ein Geheimtipp und absolut lesens- und versinkenswert.
Der gewählte Schreibstil entspricht in seiner Form einerseits dem 19. Jahrhundert. Andererseits ist das aber nicht so überbordend schnörkelhaft, dass es auf Ablehnung stösst. Vielmehr zieht es den Leser charmant noch mehr in ihre Zeit und macht die Schilderungen plausibel.
Ihre Begegnung mit den Lappen, oder die ausführliche Beschreibung, wie Rentiergeweihe wachsen, ihre eindringliche Schilderungen der Menschen und ihrer Umgebung lassen einen wie einen blinden Passagier direkt teilhaben an ihrer abenteuerlichen Reise.
…fragten mich einige Personen, ob ich wirklich vorhätte, „den spitzen Berg“ zu erklimmen.
Das Wort Spitzbergen hatte sie irregeleitet, und in dem Zusammenhang waren sie wie der Affe bei La Fontaine, der den Namen eines Hafens für den Namen eines Menschen hielt.
[aus: Reise einer Frau in die Arktis]
Nicht nur, dass der Verlag mare seine AutorInnen sorgfältig auswählt, sondern es sind auch alle Bücher (die ich bisher vom Verlag gelesen habe) sorgfältig produziert und haptisch eine Freude, sie als Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen.
Seltsames Phänomen! Selbst an seinem Höhepunkt löscht das Polarlicht nicht den Glanz der Sterne aus, die durch das Leuchten hindurchschimmert. Die Färbung des Lichts ist ein blasses Schwefelgelb, sein schummrig fahler Schein leuchtet, ohne zu erhellen. Es ist eine Lichterscheinung, denn wie sollte man sonst ein Licht benennen, das keine Helligkeit produziert?
[aus: Reise einer Frau in die Arktis]
Skeptisch wäre zu krass gesagt, aber zögerlich war ich schon, als mir eine (sehr nette!) Führungskraft des Verlages gleich zwei Bücher von Frauen zum Thema Arktis und Reisen ans Herz legte.
Bisher war mein absolutes Highlight aus dieser Thematik Christiane Ritters Büchlein „Eine Frau erlebt die Polarnacht“. Ein Buch, das ich dutzende Male gelesen habe und von dem ich stets erneut fasziniert war. Ein Buch, das man unbedingt auch gelesen haben sollte, wenn einem die Thematik Arktis und Expeditionen fasziniert.
Ritter beschreibt auch Mitte 1900 noch eine Zeit, als Spitzbergen noch immer eine unberührte Wildnis war; die Kreuzfahrtschiff-Ungetüme noch nicht mal annähernd vorbeifuhren, geschweige denn anlegten.
Alle drei Bücher sind thematisch zusammen ein runde Sache. Durch Ritter sieht man, wie Spitzbergen vor 100 Jahren noch vor der Luxus-Reisen-Invasion aussah. Die beiden Mare-Bücher ergänzen perfekt, wie die eisige Landschaft vor 200 Jahren (Léonie d’Aunet) aussah oder sich heute (Birgit Lutz) dem Besucher darstellt.
Fesselnd, einfühlsam und bezaubernd sind die Texte aller drei Bücher.
Loslegen. Lesen und passend am Sofa oder Lehnstuhl gemütlich 🙂 in die kalte Welt der Arktis und ihrer Heroinnen eintauchen. Und dabei mit Sicherheit während man das Leben und Treiben und sich herum vergisst, ganz nebenbei viel Neues erfahren.

Mare setzt sich übrigens mit einem eigenen Forschungsschiff namens „Cape Race“ für den Erhalt der Natur im hohen Norden ein.
Alle Cover und Buchseiten: @Verlag mare
Für wen sind die vorgestellten Bücher
- Für alle die sich für (Arktis-)Expeditionen interessieren; die einerseits wissen wollen, wie Expeditionen früher stattfanden und wie man Spitzbergen heute erleben kann.
- Für alle (Frauen), die Vorbilder in ihrem Leben suchen
- Für jede und jeden, die/der spannende Lektüre liebt und dabei Neues erfahren möchte.
- Für Buchliebhaber, die es schätzen, beim Lesen ein mit Liebe und Aufwand gestaltetes Buch in ihren Händen zu haben.
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